Leitlinien zu Straftaten geändert
SRF nennt neu immer die Nationalität von Tätern

Kurz vor der Abstimmung über die Halbierungsinitiative ändert das SRF seine langjährige Praxis. Es sei eine «Anpassung an journalistische Realitäten» und würde Diskriminierung vorbeugen.
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Das SRF nennt ab sofort immer die Nationalität von Straftätern.
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Fabian EberhardStv. Chefredaktor SonntagsBlick

Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) erwähnt ab sofort immer die Nationalität von Straftätern – und bricht damit mit seiner langjährigen Praxis.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat man im Leutschenbach die publizistischen Leitlinien geändert. Neu heisst es darin: «Wir wollen und müssen – wie bei anderen Themen auch – so präzis und transparent berichten wie möglich. Deshalb gehört es dazu, auch die Nationalität von Täterinnen, Tätern und Opfern zu nennen.» Damit schaffe man Transparenz und beuge Spekulationen, Gerüchten oder Falschinformationen vor.

«Anpassung an journalistische Realitäten»

Bis anhin verzichtete das SRF meist auf die Nennung der Nationalität. Die frühere Version der Leitlinien schrieb vor, die Nationalität nur dann zu thematisieren, wenn sie im Zusammenhang mit der Tat bedeutsam war – zum Beispiel bei einem Ehrenmord – oder wenn ein «begründetes öffentliches Interesse» am Hintergrund der Täterschaft bestand. Begründet wurde die Zurückhaltung mit der Gefahr, Vorurteile zu fördern.

Woher also der Sinneswandel? Und hat er mit der anstehenden Abstimmung über die Halbierungsinitiative zu tun? Nein, schreibt SRF-Sprecherin Natalie Blasi auf eine Anfrage von Blick von letzter Woche: «Es ist eine Anpassung an journalistische Realitäten.» Paradoxerweise begründet das SRF auch die neue Praxis mit dem Risiko von Diskriminierung. Blasi: «Wurde die frühere Regelung nicht korrekt angewendet, bestand ein Diskriminierungsrisiko. Dieses ist mit der konsequenten Nationalitätsnennung beseitigt.»

Ombudsstelle machte Druck

Die generelle Angabe der Nationalität war auch ein Anliegen der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz. Diese stellte bereits vor knapp zwei Jahren einen Verstoss gegen das Sachgerechtigkeitsgebot fest, weil das SRF bei einer Geiselnahme im Kanton Waadt die Nationalität des Täters nicht erwähnt hatte. Zwar passte das SRF die Berichterstattung nachträglich an, dennoch unterstützte die Ombudsstelle eine entsprechende Beanstandung.

Auch die Politik beschäftigt sich mit der Frage, ob die Staatsangehörigkeit von Tätern genannt werden soll. Im Parlament ist eine parlamentarische Initiative von SVP-Nationalrat Benjamin Fischer (34, ZH) hängig. Sie verlangt, dass Polizeien und Staatsanwaltschaften die Nationalität von Verdächtigen kommunizieren müssen, sofern keine Gründe des Persönlichkeitsschutzes dagegensprechen. Der Nationalrat nahm den Vorstoss im vergangenen September an. Nun ist der Ständerat am Zug.

SVP zufrieden, SP enttäuscht

Gegenüber CH Media begrüsst Fischer die Praxisänderung beim SRF: «Auch die Journalisten von SRF sollen sagen, was ist. Es ist gut, wenn die Medienschaffenden nicht mehr dazu angehalten werden, den Zuschauern Informationen vorzuenthalten.

Enttäuscht ist dagegen SP-Nationalrätin Tamara Funiciello (35, BE). Gewalt sei ein komplexes Phänomen. «Sozio-ökonomische Umstände, Traumata, Gesinnung, Erziehung und weitere Faktoren spielen eine Rolle, genauso wie die Situation der Opfer.» Der einzige erkennbare gemeinsame Nenner der meisten verurteilten Täter sei das Geschlecht.

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