Darum gehts
- Bundesrat Beat Jans lief am Samstag beim Grand Prix Bern mit
- 37'000 Menschen starteten beim grössten Breitensportanlass der Deutschschweiz
- Laufsport boomt: 600'000 Zieleinläufe bei 550 Events in 2025 gezählt
Ist das nun dieser Dichtestress, den die SVP mit ihrer 10-Millionen-Initiative verhindern will? Bundesrat Beat Jans (61) läuft in lockerem Schritt den Aargauerstalden hinunter, biegt auf die Nydeggbrücke ein und sieht, wie die Köpfe Hunderter Läuferinnen und Läufer auf- und abwiegen. «Vielleicht», sagt der Innenminister und lacht. «Ich finde es aber ganz angenehm.»
Jans ist am frühen Samstagnachmittag als erster Bundesrat überhaupt beim Grand Prix Bern gestartet, dem grössten Breitensportanlass der Deutschschweiz. Blick begleitete ihn auf dem knapp fünf Kilometer langen Altstadtlauf. «Gewaltig» sei dieses Volksfest, sagt er unterwegs, winkt, lacht, applaudiert den Menschen am Strassenrand. Zur Teilnahme motiviert hat ihn Nationalrätin und SP-Kollegin Andrea Zryd (50), die den Grossanlass präsidiert und ebenfalls mitläuft. An diesem Tag gehen gut 37'000 Personen an den Start – ein neuer Rekord, schon wieder.
Leute betteln für Teilnahme
Der Laufsport boomt. Volksläufe melden reihenweise neue Teilnehmerrekorde; für 2025 zählte Swiss Running rund 600'000 Zieleinläufe an 550 Events. Und es werden immer mehr. Grand-Prix-OK-Präsidentin Zryd sagt, es habe viele persönliche Anrufe gegeben von Leuten ohne Startplatz: «Die haben teilweise fast gebettelt, doch noch antreten zu dürfen.»
Doch längst nicht alle Laufbegeisterten nehmen an Wettkämpfen teil. Landauf, landab entstehen Run-Clubs – was früher Lauftreffs waren, heisst heute «Community Run». Teilweise rennen mehr als 100 Menschen gemeinsam durch die Strassen, treffen sich anschliessend zum After-Run-Coffee, schliessen Freundschaften, flirten.
Das Handy ist immer dabei, die Pulsuhr sowieso, die Runden werden aufgezeichnet und bei Strava geteilt. Eine Redewendung unter Ausdauersportlern: «Was nicht auf Strava steht, gilt als nicht gemacht.» Strava und Run Clubs, heisst es, seien das neue Tinder.
«Ohne Laufen wäre ich ineffizienter»
Beat Jans trainiert nicht in einem Run-Club – wobei: Etwas hat es schon, wenn er mit Leuten aus dem Bundeshaus durch Berns Strassen läuft. Zweimal pro Woche jogge er in der Bundesstadt, sagt Jans, während er über das Kopfsteinpflaster der Altstadt läuft, und einmal am Wochenende in Basel mit dem Hund.
Wenn er laufe, so der Bundesrat, könne er seine Gedanken ordnen. «Ich schreibe beim Laufen immer wieder Reden», sagt er. Oder er formuliere Aufträge. «Laufen ist für mich eine Möglichkeit, Energie zu tanken. Ich würde sogar sagen, dass ich ineffizienter wäre als Bundesrat, wenn ich die Zeit nicht aufbringen würde fürs Laufen.»
Laufsport als riesiges Geschäft
Gesundheit als Motivation, das erklärt einen Teil des Booms. Doch der Trend ist längst ein riesiges Geschäft. Ende April gelang Adidas ein Marketingcoup: Mit einem neuartigen Carbonschuh wurde erstmals ein Marathon unter Wettkampfbedingungen in unter zwei Stunden absolviert. Solche Resultate bringen den Marken unbezahlbare Sichtbarkeit, auch im Breitensport.
Um gesehen zu werden, gehen Hersteller auch Partnerschaften mit Run Clubs ein, statten diese mit trendiger Ausrüstung aus und werden im Gegenzug in den sozialen Medien präsentiert. Viele Marken bringen ihre neuesten Schuhe für Testläufe direkt zum Run-Club-Training – es sind eigentliche Tupperware-Partys der Laufszene.
Violetta Oblinger-Peters, Sportpsychologin an der Universität Bern, sagt: Heute müsse man nicht nur gut laufen, sondern dabei auch noch gut aussehen. «Die Frage, wie man sich selbst als Performer darstellen kann, ist wichtiger geworden.» Wenn wenig ambitionierte Hobbyläufer mit vollbepackter Laufweste durch die Stadt rennen, schüttelt sie den Kopf: «Es ist schon fast absurd, wie gut manche für ein paar Minuten laufen ausgerüstet sind.» Problematisch werde der Modeaspekt erst, wenn er ausgrenzt – wenn sich jemand nur noch mit den neuesten Schuhen zum Lauftreff getraue.
Joggen mit politischer Botschaft
Für den letzten Kilometer zieht Beat Jans das Tempo stark an. Kurz gebremst wird nur für eine junge Frau, die auf einer Bahre von der Sanität abtransportiert wird. Jans klopft ihr auf die Schulter, wünscht gute Besserung, erntet einen verdutzten Blick. Mit einem Schlussspurt über den roten Teppich erreicht er die Ziellinie. Es ist sein erster Volkslauf-Zieleinlauf seit dem Amtsantritt im Dezember 2023.
Wenn ein mächtiger Politiker an einem Volkslauf teilnimmt, schwitzt er nicht einfach. Er sendet eine Botschaft: Ausdauer, Disziplin, Volksnähe. Joschka Fischer lief 1998 medienwirksam den Hamburger Marathon, nachdem er zwei Jahre zuvor noch über 100 Kilo gewogen hatte, und schrieb danach ein Buch über seine «Persönlichkeitstransformation».
George W. Bush trainierte dreimal pro Woche, liess sich in der «Runner's World» porträtieren, hatte ein Laufband an Bord der Air Force One. Jimmy Carter dagegen brach 1979 bei einem eigens organisierten 10-km-Rennen zusammen. Das Foto ging um die Welt. Einen Läufer, der aufgibt, mochte niemand in einem Präsidenten sehen.
Eine Medaille für den Bundesrat
Heute posten Politikerinnen und Politiker aller Parteien verschwitzte Selfies vom Morgentraining. Der Sog des Laufbooms hat die Politikeretage längst erfasst. Beat Jans sagt, er gehöre nicht dazu.
Als Bundesrat habe er so viele Möglichkeiten, sich zu exponieren. «Inszenierung kann deshalb nicht die Motivation sein, an einem Anlass teilzunehmen, bei dem man in der Masse untergeht.» Er posiert geduldig für Fotos, klatscht ab, nimmt seine Medaille in Empfang.
Dann wird Jans noch einmal politisch: Sollte die Personenfreizügigkeit wegfallen, hätte das auch negative Folgen für den Spitzensport, sagt er – und denkt dabei an den Fussball, an ausländische Spieler aus dem EU-Raum, deren Verpflichtung für die Schweizer Liga erschwert würde.
Und damit läuft Beat Jans davon. Zurück in die Masse.