«Schlimmstes Ereignis in der Geschichte von Postauto»
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Postauto-Chef Stefan Regli:«Schlimmstes Ereignis in der Geschichte von Postauto»

Jetzt spricht der Postauto-CEO
«Die Bilder vom brennenden Bus kriege ich nicht aus dem Kopf»

Postauto-CEO Stefan Regli trauert um Busfahrer Albino R (†63). Ein Gespräch über die Schweigeminute am Montag, Sicherheit im Postauto – und die ungerechte Opferhilfe.
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Postauto-CEO Stefan Regli am Unglücksort in Kerzers.
Foto: Ralph Donghi

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • In Kerzers starben sechs Menschen bei einem Busbrand am 10. März
  • Postauto plant am 16. März eine schweizweite Schweigeminute um 14 Uhr
  • Durchschnittlich sechs Fahrgäste pro Fahrt, Unfallursache wird noch untersucht
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Raphael RauchBundeshausredaktor

Herr Regli, was löste der Postauto-Brand bei Ihnen aus?
Stefan Regli: Wir sind im Krisenmodus und bemühen uns, für die Angehörigen, Verletzten und unsere Belegschaft so gut wie möglich da zu sein. Wir haben am Dienstagabend gegen 19 Uhr einen Krisenstab eingerichtet. Ich war am Mittwochmorgen in Kerzers – es war schrecklich. Vor Ort roch es überall nach Rauch. Ich habe den Feuerwehrmännern per Handschlag gedankt und den Rauch in den Kleidern gerochen. Wenn Sie die verbrannten Verkehrsschilder und die Büsche sehen, bewegt das einen schon extrem. Die Videos vom brennenden Bus, in dem Menschen sterben, kriege ich nicht aus dem Kopf.

Ist es das grösste Unglück in der Postauto-Geschichte?
Meines Wissens ja. Wenn ein Brand auftritt, dann im Motorraum. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Postauto-Fahrer oder ein Passagier wegen eines Feuers verletzt wurde. Wir müssen die Untersuchungen abwarten, aber Stand jetzt ist alles extrem schnell gegangen – wir waren leider machtlos.

Welche Botschaft haben Sie an die Witwe des Busfahrers?
Es geht nicht um eine Botschaft, sondern um Anteilnahme. Wir denken fest an die Angehörigen und die Verletzten. Ich hatte die Gelegenheit, mit einem Familienmitglied zu sprechen. Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden. Klar ist: Wir sind füreinander da.

Was machen Sie für die Familie ganz konkret?
Es gibt viele emotionale und organisatorische Herausforderungen. Unser Careteam, das auch Portugiesisch spricht, kümmert sich um die Familie. 

Ihr Busfahrer war ein engagierter Katholik. Er wird in Portugal beerdigt, in Murten im Kanton Freiburg gibt es am Dienstag um 14 Uhr ein Requiem. Werden Sie daran teilnehmen?
Ja, ich werde unserem Fahrer die letzte Ehre erweisen. Das ist uns allen, auch mir persönlich, ein wichtiges Anliegen.

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Für die Opfer von Crans-Montana gab es eine Gedenkminute, die Postautos standen still. Was planen Sie nun für Kerzers?
Wir werden am Montag um 14.00 Uhr schweizweit innehalten und an die Opfer und Verletzten denken. Unsere Fahrerinnen und Fahrer können freiwillig eine Schweigeminute einlegen und das Dreiklanghorn aktivieren. Nicht alle Postautos haben das, alternativ können sie auch hupen. Uns ist wichtig, ein Zeichen der Solidarität zu setzen. 

Die Swissair hat nach dem Halifax-Unglück nicht die Unfalluntersuchung abgewartet, sondern den Angehörigen mehr als 100’000 Franken Soforthilfe bezahlt. Warum machen Sie das nicht?
Wir sind noch mitten in der Phase der Betroffenheit und der Anteilnahme. Die Frage nach einem finanziellen Beitrag werden wir prüfen. Klar ist: Wir sind für die Angehörigen und Verletzten da. 

Warum gehen Sie als Staatsbetrieb nicht mit gutem Beispiel voran und sorgen für eine schnelle, unbürokratische finanzielle Hilfe?
Wir führen dieses Interview drei Tage nach dem Unfall. Nebst vielen anderen Fragen prüfen wir auch das. 

Bitte melde dich für eine Teilnahme an.

Betroffene von Crans-Montana erhalten 10’000 Franken vom Kanton Wallis und 50’000 Franken vom Bund. Es ist ungerecht, wenn die Opfer von Kerzers nur etwas von der Opferhilfe bekommen.
Ich kann verstehen, dass Sie das als ungerecht empfinden. Die Schicksale der Opfer und Hinterbliebenen sind dieselben. Es liegt aber nicht an mir, die Beiträge des Bundes zu kommentieren.

Der Postautofahrer war nicht bei Ihnen, sondern bei einem externen Busunternehmen angestellt. Macht das einen Unterschied?
Wir sind eine grosse Postauto-Familie – menschlich macht das keinen Unterschied. Nach einem Todesfall gibt es klar geregelte finanzielle Leistungen. Dazu zählen Leistungen aus den Sozialversicherungen, ergänzt durch einen einmaligen Lohnanteil. Dieser Lohnanteil hilft auch, wenn kurzfristig Kosten anfallen. Dafür ist der Arbeitgeber zuständig, bei dem der Busfahrer angestellt war. Aber, nochmals: Wir sind eine grosse Familie und sind füreinander da. Wir unterstützen den Arbeitgeber des Fahrers.

Wie verunsichert ist Ihre Belegschaft?
Ich bin den ganzen Tag auf Achse, um bei unseren Teams zu sein. Jeder geht mit der Situation anders um. Manchen geht die Tragödie sehr nahe, für andere ist das eher weiter weg. Die grosse Frage lautet: Wie konnte es dazu kommen? Stand jetzt war es eine Wahnsinnstat, mit der niemand gerechnet hatte. Wir haben einen Sozialdienst, bei dem sich bislang vier Kollegen gemeldet haben. Für die direkt betroffenen Teams, die in Kerzers und Umgebung fahren, hatten wir unmittelbar nach dem Ereignis ein Careteam im Einsatz. 

Haben Sie Sofortmassnahmen angeordnet?
Wohl keine Schutzmassnahme der Welt hätte den Vorfall von Kerzers verhindern können. Unsere Fahrerinnen und Fahrer sind auf Intervention mit schwierigen Fahrgästen und in Brandschutzfragen ausgebildet. Wir werden jetzt zusätzliche Schulungen anbieten, da teilweise Unsicherheit herrscht. Es ist wichtig, dass sich das Fahrpersonal in seiner täglichen Arbeit sicher fühlt. Wir wollen sie dabei unterstützen. Wir machen die Schulungen praxisnah und vor Ort, ein Video-Tutorial wäre da nicht hilfreich. In Rollenspielen lernen unsere Fahrer, wie sie deeskalieren können. Und im Brandschutzkurs werden sie darin geschult, wie sie bei Rauch und Feuer reagieren sollen. Unsere Kurse werden von externen Fachleuten durchgeführt. 

Sie erheben für jede Strecke Passagierzahlen. War der Dienstagabend ein ganz normaler Dienstagabend?
Die Zahl, wie viele Fahrgäste beim Brandausbruch im Fahrzeug waren, ist Teil der laufenden Abklärungen. Durchschnittlich waren auf diesem Streckenabschnitt um diese Zeit in der Regel sechs Personen im Postauto.

Es gab sechs Tote und fünf Verletzte. Wissen Sie, warum deutlich mehr Menschen im Postauto waren als sonst?
Dazu kann ich nichts sagen, auch das ist Gegenstand der Untersuchung. 

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Der Täter war der Kesb bekannt. Werden Sie Anzeige gegen unbekannt erstatten, um zu prüfen, ob vielleicht ein Behördenversagen vorliegt?
Im Moment stehen andere Themen im Vordergrund. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Später werden wir unsere Schlüsse daraus ziehen und uns juristisch beraten.

In verschiedenen Medien war zu lesen, dass der Bus nur zwei Türen hatte. Ist er gefährlicher als Busse mit drei Türen, weil es weniger Fluchtwege gibt?
Es ist ein ganz normaler Standardbus, der internationale Standards einhalten muss und unseres Wissens in tadellosem Zustand war.

Wie soll ich mich als Passagier im Brandfall verhalten?
In Kerzers hat sich eine Ausnahmesituation abgespielt. Innerhalb von wenigen Sekunden hat sich das Feuer überall ausgebreitet. Bei Feuer gilt: So schnell wie möglich raus aus dem Bus! Sollten die Türen verriegelt sein, können Sie diese von Hand öffnen. In all unseren Postautos befindet sich bei jeder Tür ein rot markierter Nothebel, mit dem sich die Tür öffnen lässt. Oder Sie können mit einem Hammer die Fensterscheibe aufschlagen.

Wo sollte ich draufschlagen?
Nicht in die Mitte der Scheibe, denn dort hat man die grösste Vibration. Man sollte an den Rand der Scheibe schlagen, weil dort die Spannung am grössten ist und die Scheibe so schnell kaputt ist. Die Scheibe zerfällt dann in unzählige Kleinstteile, an denen man sich nicht schneidet. 

In der Schweiz gibts Busfahrermangel. Sie werben gezielt Quereinsteiger an. Wird der Beruf durch das Unglück unattraktiver?
Es ist zu früh, um das zu sagen. In der ganzen ÖV-Branche haben wir aber Personalmangel. Unsere Busse fahren von morgens bis abends an 365 Tagen im Jahr. Nicht jeder will sich unregelmässige Arbeitszeiten antun. Wir haben seit fünf Jahren ein Quereinsteiger-Programm. Im Schnitt bilden wir pro Jahr 60 Quereinsteiger aus.

Die ÖV-Branche kritisiert eine Verrohung der Gesellschaft. Nimmt auch die Gewalt gegen Busfahrer zu?
Ja, leider. Vor allem unser Kontrollpersonal ist von Beleidigungen und Gewalt betroffen, aber auch unsere Busfahrer. Die gemeldeten verbalen oder körperlichen Übergriffe sind seit den Corona-Jahren deutlich angestiegen. Ein Teil des Anstiegs ist auf unser Sensibilisierungsprogramm zurückzuführen. Unser Personal soll alle Ereignisse melden. Im letzten Jahr haben wir schweizweit 65 Übergriffe registriert.

Das Bundesamt für Verkehr führte letztes Jahr 259 Inspektionen durch. Haben Sie gegen Vorschriften verstossen?
Wir lassen kein Fahrzeug auf die Strasse, das einen Mangel hat aufgrund der Motorfahrzeugkontrolle, und wir prüfen die Papiere unserer Busfahrer genau. 

Wie sicher ist das Postauto?
Sicherheit ist bei uns absolut das Wichtigste. Wir tun alles für die Sicherheit unserer Passagiere und Mitarbeitenden. Das, was in Kerzers passiert ist, ist ein tragischer Ausnahmefall.

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