«Ich bin ein Getriebener»
Millionär Guido Fluri legt sich mit Tech-Giganten an

Er kämpft seit Jahrzehnten für die Schutzlosen: für Verdingkinder, für Kranke, für Mütter und Kinder aus der Ukraine – und jetzt für Opfer von Internetbetrug. Warum Unternehmer und Philanthrop Guido Fluri nicht untätig bleiben kann, wenn Menschen leiden.
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«Tiere geben mir eine innere Ruhe.» Neben Hasen leben auch noch Katzen und Ponys auf dem Anwesen von Guido Fluri in Hertenstein LU.
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Guido Fluri lancierte Initiative gegen gefährliche Inhalte auf Internetplattformen
  • Fast 8000 Meldungen zu Pädokriminalität seit Gründung von clickandstop.ch
  • Bis Dezember sollen 100'000 Unterschriften für die Initiative gesammelt werden
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Silvana Degonda
Schweizer Illustrierte

«Das Internet ist heute wie eine Autobahn ohne Regeln!» Guido Fluri (59) sitzt in seinem Büro zu Hause in Hertenstein LU. «Betrüger verbreiten Fake-Werbung, Jugendliche werden mit Gewaltvideos überschwemmt, Pädokriminelle machen Jagd auf Opfer.» Inhalte rasen durch die Netzwerke, millionenfach geteilt, lange bevor jemand eingreifen kann. «Das kann so nicht weitergehen. Die Leute haben genug.» Auf seinem antiken Pult liegen fast 300 Mails und Briefe besorgter Menschen. Anfang März lancierte der Unternehmer und Multimillionär die Internet-Initiative, um Techkonzerne wie Meta, Google, Tiktok und X erstmals direkt in die Pflicht zu nehmen. Plattformen sollen gefährliche Inhalte stoppen und Cyberbetrug bekämpfen.

«Die Menschen haben genug.» Alleine in der ersten Woche nach Lancierung der Internet-Initiative hat der Unternehmer 300 Mails und Briefe erhalten.
Foto: Fabienne Bühler

Aktivist auf der Überholspur

Wer ist der Mann, der sich mit Mark Zuckerberg und Elon Musk anlegt? Guido Fluri kam als uneheliches Kind einer mittellosen 17-jährigen Mutter zur Welt, seinen Vater lernte er nie kennen. Er wuchs in Solothurn zeitweise in einem Heim und bei den Grosseltern auf. Er baute sein Vermögen mit Immobilien auf, heute gehört er zu den reichsten Schweizern. Bekannt wurde er mit seiner Wiedergutmachungsinitiative für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Ein Drittel seines Gewinns fliesst in soziale Projekte: Fluri unterstützt Angehörige von Menschen mit Schizophrenie, weil seine Mutter daran litt, und fördert die Hirntumorforschung, nachdem er selbst einen Tumor überlebte. Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, charterte er zwei Flugzeuge und brachte über 200 Frauen und Kinder in die Schweiz. «Wenn ich sehe, dass sich etwas verändern muss, packe ich es an.»

«Mein Mann setzt sich Tag und Nacht für andere ein» Tânia und Guido Fluri sind seit zehn Jahren ein Paar. Kater Oliver lebt schon fast so lange bei ihnen.
Foto: Fabienne Bühler

Alleine tut er das nicht. In der lichtdurchfluteten Stube setzt sich Fluri neben seine Frau Tânia Fluri-Simão (48). Main-Coon-Kater Oliver schnurrt zwischen ihnen auf dem Sofa. Seit zehn Jahren sind sie ein Paar, 2019 heirateten sie im Garten ihres Hauses am Vierwaldstättersee – und später noch einmal in ihrer portugiesischen Heimat. Die promovierte Ökonomin ist Vizepräsidentin der Guido Fluri Stiftung. «Meine Frau hat eine enorme Sozialkompetenz», sagt er. «Sie kann wirklich zuhören – und Menschen stärken.» Viele Betroffene hätten Missbrauch, Gewalt oder Demütigungen erlebt. «Sie öffnen sich meiner Frau.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Tânia Fluri-Simão bewundert den unermüdlichen Einsatz ihres Mannes. «Guido setzt sich Tag und Nacht für andere ein», sagt sie. Er nickt. «Ich bin ein Getriebener – das weiss sie besser als alle anderen. Wenn Menschen leiden, lässt mich das nicht los.» Und dann: «Wenn ich am Ende meines Lebens sagen kann, dass ich etwas zur Gerechtigkeit beigetragen habe, war es das wert.»

Hier in seinem Zuhause am Vierwaldstättersee findet der Philanthrop Ruhe und neue Kraft. Am Wasser, in der Natur, in der kleinen Kapelle Eggisbühl oberhalb des Hauses. Oder bei seinen Tieren: Neben zwei Katzen leben auf dem Anwesen auch Hasen und Ponys. Tiere, sagt Fluri, begleiten ihn schon sein ganzes Leben. «Sie geben mir eine innere Ruhe.»

Ein seltener Anblick: Dass der Vater von drei erwachsenen Kindern sich einfach mal entspannt, kommt nicht oft vor.
Foto: Fabienne Bühler

Betrüger geben Gas

Der Bundesrat legte Ende 2025 einen Vorschlag zur Regulierung von Techkonzernen vor. Fluri schüttelt den Kopf: «Ich war sehr enttäuscht vom Bundesrat. Keine Gegenmassnahmen der Techkonzerne bei gefährlichen Inhalten. Kinderschutz und künstliche Intelligenz bleiben unberücksichtigt – einfach ein Papiertiger!» Seine Initiative bezweckt unter anderem, dass die Firmen eine Rechtsvertretung in der Schweiz haben. Bei Verstössen könnten Bussen drohen, im Extremfall könnte sogar der Zugang zu einer Plattform eingeschränkt werden. «Wer Inhalte verbreitet und über Algorithmen steuert, trägt auch Verantwortung für ihre Folgen.»

Im Netz sieht er vor allem zwei Gruppen gefährdet: Kinder und ältere Menschen. «Betrug im Internet ist ein riesiges Problem. Gerade Seniorinnen und Senioren verlieren ihr Erspartes – während Plattformen Millionen verdienen.» Laut einer Studie erzielt Facebook jährlich rund zwölf Millionen Dollar mit betrügerischen Anzeigen.

Vor vier Jahren gründete Fluri die Plattform clickandstop.ch, die sich für Opfer von Pädokriminalität einsetzt. Seither sind dort fast 8000 Meldungen eingegangen. «Das Internet wird mit sexualisierter Gewalt geflutet», sagt Fluri. «Wenn wir nichts tun, wird man in 20 Jahren fragen, warum wir untätig geblieben sind.»

Bis Ende Jahr will das Komitee um die Initiative 100'000 Unterschriften sammeln und in Bern abgeben.
Foto: Fabienne Bühler

Seine drei Kinder Samuel, Emily und Luisa erinnern ihn täglich daran, warum er sich engagiert. «Sie sind inzwischen erwachsen und ausgeflogen. Aber früher habe ich viel mit ihnen über Social Media diskutiert», erzählt er. «Ich habe immer gesagt: Lest auch Qualitätsmedien – nicht nur schnelle Meldungen auf Tiktok.» Seinen Kindern die Handys weggenommen hat er aber nie. «Verbote lassen sich immer umgehen. Entwicklung entsteht durch Prävention. Eltern und Schulen müssen Jugendlichen aber auch zeigen, wie man mit diesen Plattformen verantwortungsvoll umgeht.»

Leitplanken für die Zukunft

Trotz aller Kritik erkennt er die Chancen der Digitalisierung. «Die Forschung und die technischen Möglichkeiten sind dank Google und Co. beeindruckend. KI bringt die Medizin weiter, und globale Probleme lassen sich besser verstehen. Das ist ein echter Fortschritt.»

«Ich selber bin nicht auf Social Media aktiv.» Nur seine wohltätige Stiftung ist auf mehreren Plattformen präsent.
Foto: Fabienne Bühler

Für seine Initiative hat Fluri Unterstützung von Politikerinnen und Politikern aus allen grossen Parteien erhalten. «Das Thema ist weder links noch rechts. Es betrifft die ganze Gesellschaft.» Selbst in die Politik einsteigen möchte er trotzdem nicht. «Das können andere besser», sagt er. «Die Unabhängigkeit gibt mir Freiheit.» Sein Engagement folgt einer einfachen Logik: «Wenn ich etwas verändern will, packe ich es direkt an. Und dann finanziere ich es auch.»

Er wirkt überzeugt: «Ich bin sicher, dass wir bis Dezember die 100'000 Unterschriften erreichen.» Dann kehrt er noch einmal zu seinem Vergleich zurück. «Das Internet ist heute wie eine Autobahn», sagt er. «Wir müssen jetzt Leitplanken bauen – damit die nächste Generation sicher unterwegs ist.»

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