Darum gehts
- Neue Plattform klärt über zunehmend frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Männlichkeitsbilder im Netz auf
- Bundesrat ist besorgt; Bundesamt unterstützt das Projekt finanziell
- Experte: Junge Männern brauchen Orientierung und Unterstützung
Die Gesellschaft bedrohe echte Männlichkeit – und Schuld daran seien die Frauen: Dieses Weltbild wird in der Manosphere propagiert, einem losen Netzwerk aus Foren und Blogs. Was können Eltern tun, wenn ihr Sohn eine Faszination für frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Männercoaches entwickelt?
«Eltern und Fachpersonen fühlen sich weitgehend alleingelassen», sagt Markus Theunert (53), Psychologe und Autor, zu Blick. Mit der neuen Informationsseite manosphere.ch bietet er Orientierung – und ein Lexikon für die Manosphere. Die Plattform wird von staatlicher Seite unterstützt – unter anderem vom Bund. Das zeigt, wie ernst die Behörden das Phänomen inzwischen nehmen und dagegen vorgehen.
Verunsicherung als Geschäftsmodell
Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, sich selbst auszudrücken wie heute. Gleichzeitig ist weit weniger klar als früher, was gesellschaftlich überhaupt noch von einem Mann erwartet wird. Soll er Gefühle zeigen, hart sein – oder am besten beides zugleich? Mit diesen Fragen würden junge Männer heute oft alleingelassen, sagt Theunert. «Viele nehmen die Herausforderung an und erfinden sich neu.» Doch nicht allen gelinge das.
Genau bei diesen jungen Männern setzen Manfluencer an – und liefern einfache Antworten auf komplexe Fragen. Der «naturgegebene Mann» sei dominant, der Frau überlegen und schlucke seine Gefühle herunter. Tatsächlich geht es den Manfluencern jedoch wohl häufig weniger um das Wohl ihrer Anhänger als um den eigenen finanziellen Erfolg. Mit Frauenverachtung und Reichtumsfantasien bauen sie sich auf Social Media Communitys auf – und verdienen damit Geld.
Das Versprechen von Reichtum und Macht
Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist Andrew Tate (39). Der US-Amerikaner, der auch die britische Staatsbürgerschaft besitzt, ist ehemaliger Profi-Kickboxer. Mit riesiger Reichweite erklärt er jungen Männern, wie sie angeblich ebenfalls schnell zu Reichtum kämen, den perfekten Körper erreichten oder bei Frauen erfolgreich würden.
Solche Retro-Männer seien für selbstbewusste und eigenständige Frauen als Partner wenig attraktiv, sagt Markus Theunert. Noch problematischer: Anhänger der Manosphere nähmen Frauen zunehmend als Bedrohung und Schuldige wahr. «Aus diesem Gefühl heraus kann Gewalt als eine Art Gegenwehr oder Rache erscheinen – und dadurch leichter gerechtfertigt oder verharmlost werden.»
Ähnlich zeigt es auch die bekannte Netflix-Serie «Adolescence»: Darin ersticht ein 13-jähriger Schüler eine Mitschülerin, nachdem sie ihn als «Incel» – als «unfreiwillig sexuell enthaltsam» – verspottet und damit in seinen Augen seine Ehre verletzt hat.
Der Begriff Incel bedeutet zu Deutsch etwa «unfreiwillig sexuell enthaltsam». Er wird von jungen heterosexuellen Männern als Selbstbezeichnung genutzt, die keine (sexuelle) Beziehung zu einer Frau haben und dem Feminismus – oder den Frauen selbst — die Schuld daran geben. Incels sehen sich selbst als Opfer und sind der Meinung, Männer hätten ein Grundrecht auf Sex. Dies würde ihnen aber durch die heutigen Frauen verwehrt, da diese zu grosse Freiheiten hätten und nur an Männern interessiert seien, die allen gängigen Idealen – wie etwa Reichtum oder Schönheit — entsprächen. Manche Incels nutzen diese scheinbare Realität als Legitimation für Gewalt.
Der Begriff Incel bedeutet zu Deutsch etwa «unfreiwillig sexuell enthaltsam». Er wird von jungen heterosexuellen Männern als Selbstbezeichnung genutzt, die keine (sexuelle) Beziehung zu einer Frau haben und dem Feminismus – oder den Frauen selbst — die Schuld daran geben. Incels sehen sich selbst als Opfer und sind der Meinung, Männer hätten ein Grundrecht auf Sex. Dies würde ihnen aber durch die heutigen Frauen verwehrt, da diese zu grosse Freiheiten hätten und nur an Männern interessiert seien, die allen gängigen Idealen – wie etwa Reichtum oder Schönheit — entsprächen. Manche Incels nutzen diese scheinbare Realität als Legitimation für Gewalt.
Pionierarbeit mittels Website
Theunert ist unter anderem Co-Leiter des Dachverbands progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Mit der neuen Website manosphere.ch – und der Hoffnung auf grosse Reichweite – will er nun über das Thema aufklären. «Mindestens ein Drittel der männlichen Jugendlichen und jungen Männer ist empfänglich für überwunden geglaubte Vorstellungen dominanter Männlichkeit», sagt er.
Offenbar hat auch der Bundesrat das Problem erkannt. Mit einem Postulat verlangte GLP-Nationalrat Patrick Hässig (47, ZH) einen Bericht mit wirksamen Ansätzen gegen «männlichkeitsideologische Gewalt- und Radikalisierungsdynamiken» im Internet. Der Bundesrat beantragte die Annahme. Er zeigte sich «besorgt über die Verbreitung von gewaltbegünstigenden Männlichkeitsnormen, insbesondere bei männlichen Jugendlichen».
Vor diesem Hintergrund unterstützt das Bundesamt für Polizei manosphere.ch mit rund 67'000 Franken. Neben weiteren Behörden sind auch die Kantone Genf und Zürich beteiligt. In Zürich bietet das Projekt inzwischen auch spezialisierte Beratungsangebote an. Man leiste damit Pionierarbeit, sagt Theunert.
Orientierung und Unterstützung bieten
Doch wie erkennen Eltern oder Lehrpersonen, wann konkret Handlungsbedarf besteht? Grundsätzlich sei es ganz normal, dass sich Jungen im Teenageralter an männlichen Rollenbildern orientieren. Problematisch werde es jedoch, wenn sie sich Vorbilder suchen, die männliche Dominanz predigen und Gewalt rechtfertigen, sagt Theunert. Dann brauche es eine Intervention. Entscheidend sei vor allem eines: «Das Wichtigste ist, in Beziehung zu sein und echtes Interesse zu zeigen.»
Bleibt das aus, könne das nicht nur für Frauen gefährlich werden, sondern auch den jungen Männern selbst schaden. Denn viele von ihnen glaubten, Hypermaskulinität mache sie im Beruf und in Beziehungen erfolgreich, so Theunert. Tatsächlich sei eher das Gegenteil der Fall: «Wenn sie Fleiss, Anpassung und Einfühlungsvermögen als ‹unmännlich› abwerten, stehen sie sich selbst im Weg.»
Was junge Männer stattdessen bräuchten, sei vor allem Orientierung und Unterstützung. Für eine konstruktive Veränderung brauche es die grundlegende Einsicht, dass Mannsein gestaltbar sei, erklärt Theunert. «Es gibt keinen Bauplan des Männlichen. Jeder Mann darf selbst bestimmen, wie sehr er gesellschaftlichen Männlichkeitsanforderungen genügen will.»