Der Kampf wird mit harten Bandagen ausgefochten. Die Konfliktparteien: die Pharmabranche auf der einen, Augenärzte auf der anderen Seite. Seit 2026 gelten neue ambulante Fallpauschalen – auch für die Behandlung einer Augenkrankheit namens feuchte Makuladegeneration. Von der sind in der Schweiz über 60'000 Menschen betroffen.
Die Pauschalen decken von Behandlung und Material bis zu Medikamenten alles ab – was umstrittene Anreize schafft: Ärzte, die ein teureres, innovatives Medikament einsetzen, das nur noch viermal jährlich gespritzt werden muss, was dem Patienten zugutekommt, erhalten weniger von der Pauschale. Wählen sie stattdessen ein günstigeres Nachahmerprodukt mit bis zu zehnmal jährlicher Anwendung, profitieren sie doppelt: mehr Marge und mehr Pauschalen. Die Zeche zahlt der Prämienzahler.
Roche verschickte Warnbrief an die Branche
Pharmariese Roche, dessen neueres Medikament besonders betroffen ist, bekämpft die Pauschalen gerichtlich und politisch – bisher ohne Erfolg. Am 10. April wandte sich der Konzern per Brief an alle wichtigen Verbände des Gesundheitswesens – FMH, H+ und Prio.Swiss – und schlug Alarm. «Wir sehen bei den Tarifen in der Ophthalmologie dringenden Handlungsbedarf», heisst es im Schreiben, das Blick vorliegt. Der Absender fordert die Herauslösung von Medikamenten aus den ophthalmologischen Pauschalen. Laut einer Modellierung des Marktforschungsunternehmens IQVIA, die Roche dem Brief beilegte, könnten durch die Fehlanreize im bestehenden System über zwei Jahre Mehrkosten von bis zu 69 Millionen Franken für das gesamte Gesundheitssystem entstehen.
Es folgte ein Hickhack innerhalb der Medizinerzunft. Die tonangebende Organisation für die pauschalen Ärztetarife, die OAAT, beantragte schliesslich, die Medikamente in den Pauschalen zu lassen. Nach Blick-Informationen hatten zuvor diverse Schweizer Privatkliniken Druck bei der OAAT zugunsten dieses Entscheids gemacht. Jetzt liegt der Entscheid beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und beim Bundesrat, der demnächst entscheiden wird. Beim BAG dürfte die Übernahme der OAAT-Empfehlung laut Beobachtern Formsache sein – sehr zur Freude der privaten Ophthalmologen.
Lévy «in keinster Weise involviert»
Brisant an der ganzen Sache ist eine Personalie: Der Mann von BAG-Direktorin Anne Lévy (55) ist ein renommierter Ophthalmologe. David Goldblum (55) ist Chief Medical Officer (CMO), also höchster Arzt der privaten Klinikgruppe Pallas. Der Jahresumsatz der grössten Schweizer Augenklinik wird auf 100 Millionen Franken geschätzt. Die Firma würde direkt von den neuen Pauschalen profitieren. Auch Pallas hat dem Vernehmen nach das Lobbying mitgetragen.
Die «Verordnung über die Integrität und Transparenz im Heilmittelbereich» sieht bei derlei Interessenkonflikten strenge Massnahmen vor. Auf Anfrage teilt das BAG mit, dass die Direktorin «bereits seit ihrem Amtsantritt bei allen Fragen und Entscheiden im Zusammenhang mit der Augenheilkunde in den Ausstand tritt». Sie sei somit «in keinster Weise in Entscheidungsprozesse involviert, welche die Augenheilkunde betreffen». Für solche Dossiers sei bei der Behörde abschliessend Lévys Stellvertreter zuständig, was auch so in Ausstandsvereinbarungen verankert sei. Und Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider (62) sei im Bild. «Die zuständige Departementsvorsteherin wurde informiert.»
Mit anderen Worten: Würde sich Lévys Stellvertreter auf die Seite der Kritiker der Reform schlagen, würde er sich frontal gegen seine Vorgesetzte und ihren Mann stellen.