Darum gehts
- Lea Blattner trat im Januar als Co-Präsidentin der Jungen EVP zurück
- Sie erlebte Anfeindungen, erhielt Drohbriefe und durchlief Konversionstherapien
- 2021 berichtete Blick über einen Mann mit zehn Jahren Umpolungstherapie
Im vergangenen Herbst war es für Lea Blattner (33) genug. Jetzt im Januar trat die junge Frau als Co-Präsidentin der Jungen EVP zurück. Grund dafür seien Anfeindungen in ihrer Partei, schrieb die Politikerin auf Instagram. Blattner hatte sich vergangenen April als lesbisch geoutet.
«Seit meinem Coming-out habe ich innerhalb der EVP und ihrem Umfeld viel Liebe, aber auch wiederholt Ablehnung und Hass erlebt», so Blattner. Diese Angriffe verorte sie bei Personen «aus Parteinähe». «Der Rücktritt ist die Konsequenz aus Situationen, in denen Schutzmechanismen nicht ausreichend gegriffen haben.»
«Man sagte mir, Homosexualität sei eine Sünde»
Doch damit nicht genug. Seit ihrem Outing sei Blattner mehrfach bedroht worden. Darunter sei auch ein Brief gewesen, der unter Gewaltandrohung ihren Austritt aus der Partei gefordert habe, erzählt sie im Interview mit Tamedia.
Homosexualität sei in streng christlichen Kreisen und innerhalb der EVP noch immer ein Tabuthema. Aus dem gleichen Grund habe Blattner auch jahrelange Konversionstherapien in Anspruch genommen. Von «Dämonenaustreibungen» wegen ihrer Homosexualität ist die Rede.
«Die Gehirnwäsche fand schon vorher statt, indem man mir sagte, Homosexualität sei eine Sünde», erzählt die Baselbieterin über ihre früheren Erfahrungen mit einer Freikirche. Sie sei aber nicht wütend, weil sie nicht glaube, dass die Seelsorger ihr Böses wollten, sondern nur nicht imstande seien, «sich selbst und ihr Weltbild zu hinterfragen».
Ihr Seelsorger habe sie an einen Coach verwiesen, der sie heilen könnte. «Der Coach hat versucht, den Ursachen meiner Homosexualität auf den Grund zu gehen», erzählt Blattner. «Er sagte, der Täter, der mich als Kind sexuell missbraucht habe, habe einen Dämon in sich getragen. Er sprach auch von der Erbsünde.»
Fünf Männer beteten dafür, dass der Dämon sie verlässt
Weiter erzählt die Jungpolitikerin über die Dämonenaustreibungen: «Manchmal haben mir fünf Männer die Hände aufgelegt und dafür gebetet, dass der Dämon mich verlässt. Das war unheimlich, aber ich hatte die grosse Hoffnung, dass sich dadurch etwas ändert. Es hat mich aber nur ausgelaugt und erschöpft.»
Seit ihrem Coming-out habe sie gemerkt, dass man in der Partei anders mit ihr umgehe. «Hinter meinem Rücken wurde getuschelt», erzählt Blattner. Sie habe viele Diskussionen über die religiösen Grundsätze führen müssen. «Ich musste mir auch anhören, warum ich als lesbische Frau nicht in die Führung dieser Partei gehörte. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr.»
Konversionstherapien kommen im Umfeld von Freikirchen immer wieder vor. 2021 berichtete Blick über einen jungen Mann, der als Jugendlicher zehn Jahre lang «Umpolungstherapien» über sich ergehen lassen musste, um von seiner Homosexualität «geheilt» zu werden. Mittlerweile haben mehrere Kantone solche Therapien verboten. Auch National- und Ständerat sind im Grundsatz für ein Verbot, hatten erste Vorstösse aber abgelehnt, um einen Bericht des Bundesrats abzuwarten.