Darum gehts
- Betrügerbande aus Zürich stahl Daten von Arbeitslosen für Luxusbestellungen und Kreditkarten
- Schaden: 405’754 Franken, 50 missbrauchte Identitäten zwischen Juni 2021 und November 2022
- Einer der Hauptverdächtigen floh nach Kuba, Anklagen gegen andere weiterhin ausstehend
Giorgio F.* (50) staunte nicht schlecht, als er die Mahnung in den Händen hielt. Eine Luxusuhr im Wert von mehr als 10’000 Franken soll er bestellt haben. Der Zürcher hat ein Faible für teure Produkte. Doch bestellt hätte er die Omega nie. «So etwas kauft man nur, wenn man das Geld dazu hat», sagt er. Und das hatte er als Arbeitsloser nicht.
Kein Geld hatte auch eine Betrügerbande aus Zürich – eigentlich. Mit einem ausgeklügelten System schaffte sie es aber, enorme Geldsummen anzuhäufen. Eine Schlüsselrolle im Fall spielte eine Mitarbeiterin der Zürcher Arbeitslosenkasse. Sie soll sensible Daten geklaut und weitergegeben haben. Die Gaunerbande erbeutete dann offenbar fast eine halbe Million Franken mit den gestohlenen Personendaten.
Arbeitslose wurden zu Opfern
Die beschuldigte Kantonsmitarbeiterin soll im Homeoffice gearbeitet haben, als ihr Partner sie nach den Ausweiskopien von Arbeitslosen fragte. Er wolle «etwas ausprobieren», sagte er. Die Mitarbeiterin der Arbeitslosenkasse willigte ein und übergab ihm die Informationen mittels USB-Stick. So steht es in den Akten der Zürcher Staatsanwaltschaft, die Blick vorliegen.
Der Partner der Staatsangestellten soll die Personendaten dann mit einem weiteren Komplizen missbräuchlich verwendet haben. Den beiden wird vorgeworfen, Kreditkarten, Luxusuhren, Möbel und elektronische Geräte auf die Namen der Arbeitslosen bestellt zu haben. Die Waren und Briefe sollen sie an ihre eigenen Adressen geliefert haben. Zudem rekrutierten sie offenbar ein breites Netzwerk an weiteren Gehilfen, die ihre Briefkästen mit den Namen der Arbeitslosen beschrifteten.
Betrogen wurde im ganz grossen Stil: Zwischen Juni 2021 und November 2022 sollen die Trickser rund 50-mal die Informationen der Arbeitslosen missbräuchlich verwendet haben. Es ist von einer Schadenssumme von 405’754 Franken die Rede. Laut Akten gehörten neun Personen zur Betrügerbande – knapp dreissig Arbeitslose wurden zu Geschädigten im Datenklau-Skandal.
Betrügern per Zufall auf die Schliche gekommen
Giorgio F. verlor seinen Job während der Corona-Pandemie – über ein Jahr lang suchte er eine neue Stelle in der Finanzbranche. «Dass ich in dieser Zeit noch Opfer in der Betrugsgeschichte wurde, war eine grosse Belastung», erzählt Giorgio F. im Gespräch mit Blick.
Ein verrückter Zufall führte dazu, dass der Zürcher überhaupt merkte, dass er in die dubiose Geschichte verwickelt war. Eine Mittäterin, die ihren Briefkasten mit dem Namen von Giorgio F. beschriftet hatte, wohnte nur wenige Gehminuten von dessen Eltern entfernt. Weil beide denselben Nachnamen trugen, warf der Pöstler die Mahnung der Omega-Uhr versehentlich bei ihnen ein. So gelangte der Brief zum damaligen Arbeitslosen. «Mir war sofort klar, dass meine Daten missbraucht worden waren», sagt er.
Geld innert kürzester Zeit verpulvert
Der Zürcher ging sofort zur Polizei und erstattete Anzeige. Doch an der Situation änderte das nichts. Die Betrüger konnten weiterhin Unfug mit seinen Personendaten treiben. Der 50-Jährige erzählt: «Es machte mich nervös, dass ich nicht wusste, was mit meinen Daten passiert.»
Nach und nach wurde klar, dass die Kriminellen neben der Luxusuhr auch zwei Kreditkarten auf den Namen von Giorgio F. bestellt hatten. Die Betrüger fälschten seine Unterschrift und erstellten eine falsche Telefonnummer und E-Mail-Adresse. «Das ist einfach eine Schweinerei», sagt der Zürcher.
Giorgio präsentiert Blick die Kreditkartenabrechnungen. Tausende Franken flossen zu Onlinecasinos und digitalen Wettbüros – und das innert kürzester Zeit. Grosse Summen wurden auch bei Detailhändlern wie Coop, Denner und K-Kiosk ausgegeben. Die Täter verpulverten rund 19’000 Franken auf den Namen von Giorgio F. Für ihn ist klar: «Die Betrüger lebten in Saus und Braus.»
Gefälschte Beglaubigungen
Insgesamt soll die fiese Masche bei knapp zehn Banken, drei Luxusuhrenhändlern, einem Möbelgeschäft und einem Elektronikhändler verfangen haben. Zu den betroffenen Firmen gehören unter anderem Viseca, Swisscard und Media Markt.
Auf Anfrage von Blick reagieren die Firmen – insbesondere die Banken – nervös. Dass die Kriminellen ihre Sicherheitsmechanismen so einfach umgehen konnten, könnte ihrem Image schaden. Die Sicherheitsmassnahmen würden kontinuierlich optimiert, heisst es von den Unternehmen. Betrugsfälle liessen sich jedoch nie vollständig ausschliessen.
Die Alternative Bank Schweiz schreibt, dass für die Bestellung einer Kreditkarte neben der Passkopie eine Beglaubigung durch einen Drittanbieter erforderlich sei. Die Betrüger hätten aber den Stempel eines anerkannten Beglaubigers gefälscht. Gleich klingt es bei der Cembra Money Bank. Sie schreibt: «Wir wurden mittels professionell gefälschter Unterlagen arglistig getäuscht.»
Im Vergleich zu den geschädigten Firmen trägt Giorgio F. keinen finanziellen Schaden. Er betont aber: «Die Sache hat mich sehr viele Nerven gekostet.» Er sei wegen der Forderungen des Inkassobüros und negativer Bonitätseinträge in Schwierigkeiten geraten.
Hauptverdächtiger nach Kuba geflüchtet
Die wilde Betrugsserie begann im Sommer 2021. Doch fast fünf Jahre später ist gegen die meisten Beschuldigten noch immer keine Anklage erhoben. Einer der mutmasslichen Strippenzieher ist unterdessen offenbar nach Kuba abgetaucht.
«Wahrscheinlich liegt er jetzt irgendwo unter einer Palme am Strand und geniesst die Sonne», sagt Giorgio F. frustriert. Der Zürcher hofft, dass zumindest die anderen Beschuldigten bald zur Rechenschaft gezogen werden. Er wirft der Staatsanwaltschaft vor, das Verfahren verschleppt zu haben.
Auf Anfrage von Blick verteidigt die Strafverfolgungsbehörde ihr Vorgehen. Die Ermittlungen seien «sehr intensiv und aufwendig» gewesen. In den nächsten Monaten soll Anklage gegen mehrere Beschuldigte erhoben werden.
Mitarbeiterin des Kantons erhielt weiterhin Lohn
Die beschuldigte Kantonsmitarbeiterin arbeitete bis Juni 2023 bei der Arbeitslosenkasse – so steht es in den Unterlagen. Giorgio F. kann nicht verstehen, warum sie nicht schon viel früher entlassen wurde. «Die Kantonsmitarbeiterin kassierte trotz der Betrügereien weiterhin ihren Lohn», sagt er. Die Volkswirtschaftsdirektion von FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh (68) will sich wegen des laufenden Verfahrens nicht zum Fall äussern.
Giorgio F. weiss, dass sich die Geschichte nicht mehr rückgängig machen lässt. Er hofft jedoch, dass der Kanton den Zugriff auf Personendaten künftig strenger kontrolliert. «So etwas darf nicht noch einmal passieren.»
Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
* Name geändert