Walliser Regierungspräsident bei Rede den Tränen nahe
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An Gedenkfeier für die Opfer:Walliser Regierungspräsident bei Rede den Tränen nahe

Das grosse Interview mit dem Walliser Regierungspräsidenten
«Das Leben wird nicht einfach so weitergehen können»

Einen Monat ist seit der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS vergangen. Im Interview spricht der Walliser Regierungschef Mathias Reynard über die ersten Stunden der Tragödie, die grosse psychologische Belastung und die Kritik an der Walliser Justiz.
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Der Walliser Regierungschef Mathias Reynard.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Mathias Reynard zeigt bei der Gedenkfeier in Crans-Montana grosse Emotionen
  • Regierung bewilligt 10 Millionen Franken für langfristige Opferhilfe
  • 41 Tote, 115 Verletzte durch Brandkatastrophe am 1. Januar 2026
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Lucie Fehlbaum

Seine Rede hat die ganze Schweiz bewegt. Am 9. Januar, bei der Gedenkfeier für die Familien und Opfer des Brandes von Crans-Montana, hat Mathias Reynard (38) seine Emotionen offen gezeigt. An der Spitze des Kantons, der derzeit weltweit im Fokus steht, trägt er eine immense Verantwortung. 

Reynard setzt sich in Interviews nur ungern in Szene. Er hat sich ausnahmsweise bereit erklärt, über die Krise zu sprechen, die das Wallis – und die Schweiz – seit Beginn des neuen Jahres durchlebt.

Mathias Reynard, wie sind Sie am Morgen des 1. Januar aufgewacht?
Ich bin nicht aufgewacht, weil ich gar nicht ins Bett gegangen bin. Die ersten Nachrichten kamen kurz nach dem Brand über mehrere Kanäle, insbesondere über den Leiter der Notrufzentrale 144, die bei meinem Departement angesiedelt ist. Er teilte mir mit, dass es eine Explosion gegeben habe, dass sich ein Drama abspiele. Dass es möglicherweise Tote gegeben habe. Danach habe ich sofort mit dem Spital, meinen Teams, den Rettungskräften und meinem Kollegen von der Sicherheitsdirektion, Stéphane Ganzer, telefoniert.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie am frühen Morgen in Crans-Montana ankamen?
Es ist schwer, zu begreifen, was passiert ist, wenn man es nicht gesehen hat. Und es ist natürlich schwierig, das Ganze wieder aus dem Kopf zu bekommen.

Haben Sie psychologische Unterstützung in Anspruch genommen?
Ja, ich habe psychologische Unterstützung erhalten. Und ich denke, es ist wichtig, das zu sagen. Es ist keine Schande oder ein Tabu. Es ist normal in einer solchen Situation, um Hilfe zu bitten. Um mein Amt weiterhin gut auszufüllen, brauchte ich Unterstützung. Sonst wäre es mir schwergefallen, weiterzumachen. Auch wenn es noch Wochen danach sehr emotional ist, muss man im Alltag weiterarbeiten, Entscheidungen treffen und dafür sorgen, dass man den Anforderungen gerecht wird. Für mich war das eine Notwendigkeit.

Wann konnten Sie die Familien der Opfer sehen?
Einige Stunden nach der Tragödie. Ein Teil der Familien suchte nach ihren Kindern. Ich hatte ständig Kontakt zu ihnen, und Sie können sich vorstellen, wie besorgt sie waren. Ich erhielt sehr schnell viele direkte Anfragen von Leuten, die ich kannte, mehr oder weniger nah. Dann waren wir schnell im Kongresszentrum Le Régent, wo die Familien zusammengeführt wurden. Psychologische Unterstützung erhielten sie von den Notfallpsychologen der Walliser Einsatzkräfte, aber auch aus anderen Kantonen, die schnell solidarisch mithalfen. Dort trafen wir die Familien. Für mich war das der schrecklichste Moment.

Können Sie das ausführen?
Wir hatten keine Antwort. Wir stehen Müttern, Vätern, Brüdern und Schwestern gegenüber, die nicht wissen, wo ihr Kind ist, und die Antworten wollen. Das ist völlig verständlich. Wir, die wir ihnen gegenüberstanden, wussten auch nicht mehr.

Auch die Öffentlichkeit erwartete rasch Antworten.
Man macht einfach, was man kann. Wir versuchen, bei diesem Krisenmanagement so wenig Fehler wie möglich zu machen, um den Familien nicht noch mehr Leid zuzufügen. Die Kommunikation zum Beispiel. Manchmal wurde uns gesagt, dass wir mit der Bekanntgabe von Zahlen zu lange warten, aber wir wollten unbedingt, dass sie gesichert sind. Wir konnten keine Zahl der ins Spital eingelieferten oder verstorbenen Personen nennen, bevor sie nicht überprüft und gesichert war. Man darf nicht mit den Hoffnungen der Menschen spielen. Wir waren sehr vorsichtig. Von Anfang an hatten die Familien für die Regierung oberste Priorität. Ihnen wird die grösstmögliche Unterstützung zuteil, finanziell, aber auch menschlich – die Unterstützung der Pflegekräfte, die psychologische Unterstützung. Und das wird auch langfristig nötig sein.

Bei der Gedenkfeier für die Opfer am 9. Januar standen die Familien im Mittelpunkt.
Ja, das war mein Wunsch: die Familien, die Freundinnen und Klassenkameraden, die Betreuer und die Einsatzkräfte. Die offiziellen und politischen Vertreter waren an den Seiten.

War es Ihre Aufgabe, Emmanuel Macron mitzuteilen, dass er bei der Zeremonie nicht sprechen konnte?
Der Wille war klar. Wir wollten eine Zeremonie, die Raum für Besinnung, Poesie und Solidarität lässt. Wir waren der Meinung, dass dies den Betroffenen am meisten nützen würde, aber auch der gesamten Gemeinschaft, die eine Art kollektives Trauma erlebt hat. Präsident Macron war eine sehr starke Unterstützung für uns, er wollte unbedingt kommen, obwohl keine Rede geplant war. Dasselbe gilt für den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella.

Die Untersuchung der Walliser Staatsanwaltschaft wird seit den ersten Tagen kritisiert. Was können Sie sagen, ohne sich in die Angelegenheiten der Justiz einzumischen?
Eigentlich kann ich nichts sagen. Die Gewaltentrennung ist in unserem Land sehr stark ausgeprägt. Sie ist ein grundlegendes Prinzip der Demokratien. Jede Region, jedes Land, jede Zeit hat ihre Momente, in denen die Gewalten aneinandergeraten. Aber für mich, der ich immer gegen Vetternwirtschaft gekämpft habe, gegen Eingriffe der Politik, wo es keine geben sollte, rufe ich zur Zurückhaltung auf. Wenn die Regierung anfangen würde, sich in die Ermittlungen einzumischen und ihre Meinung über die Justiz zu äussern, wäre das ein schwerer Fehler. Es ist Sache der Ermittlungen, die Fakten zu ermitteln.

Was erwarten Sie also von der Untersuchung?
Ich kann nur sagen, dass wir wollen, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Dass alle Verantwortlichkeiten festgestellt werden, auch die der öffentlichen Institutionen und der politischen Behörden. Wir brauchen die volle Aufklärung. Das sind wir den Opfern, den Familien, aber auch der gesamten Gesellschaft schuldig. Das Vertrauen in die Justiz und in unsere Institutionen ist in der Schweiz ziemlich stark, aber das ist so, weil die Werte, von denen sie sich leiten lassen, Integrität, Transparenz und Unabhängigkeit sind.

Sie haben Ihren Kampf gegen die Vetternwirtschaft erwähnt. Ärgert Sie dieser Ruf, der dem Wallis anhaftet? Verletzt er Sie? Oder treibt er Sie zu höheren Ansprüchen?
Ich würde sagen, dass er zu extrem hohen Ansprüchen führt. Vielleicht ist nicht alles perfekt – es steht mir nicht zu, das zu beurteilen, aber man muss dafür sorgen, dass alles mit der grösstmöglichen Ernsthaftigkeit, Gewissenhaftigkeit, Menschlichkeit und Strenge getan wird. Was die Klischees über den Kanton betrifft, so habe ich immer für Transparenz und gegen Interessenkonflikte gekämpft. Bei allem, was in meinen Zuständigkeitsbereich fällt, werde ich im Umgang mit diesem Drama wie auch in den anderen Dossiers mit der gleichen Linie weitermachen.

Was können Sie den Anwälten antworten, die den Fall übernommen haben und Zweifel an den Walliser Institutionen äussern?
Das Interesse der Familien besteht darin, dass die Gerechtigkeit so rigoros wie möglich ausgeübt wird. Wir müssen auf der Höhe des Geschehens sein. Was bringt dieses grosse Theater, das man manchmal sieht und das von bestimmten Personen in diesen schrecklichen Momenten inszeniert wird? Ich habe den Eindruck, dass es den Familien mehr Leid als alles andere bringt, obwohl sie ein Recht auf einen einwandfreien juristischen Prozess haben, um alle Verantwortlichkeiten zu klären.

Was wird sich nach der Tragödie konkret ändern?
Das Drama hat nicht nur im Wallis ein sehr starkes Bewusstsein für Brandschutzkontrollen geschaffen. Andere Kantone und Länder verstärken diese Kontrollen. 41 Menschen, die meisten von ihnen Jugendliche, starben. 115 wurden aufgrund von Fehlern oder Fahrlässigkeit schwer verletzt, das wird die Untersuchung zeigen. In unserem Land muss man ausgehen können, um sich zu amüsieren, ohne sich in Gefahr zu bringen. Was passiert ist, ist unerträglich. Die Behörden, die für die Kontrollen zuständig sind, aber auch diejenigen, die als Einzelpersonen dafür verantwortlich sind, müssen die notwendigen Massnahmen ergreifen.

Was erwarten Sie von der Politik?
Dass sie alle Schlussfolgerungen aus der Untersuchung zieht und alles ändert, was geändert werden muss. Diese Tragödie erinnert uns auch daran, dass Gesetze nicht dazu da sind, die Menschen zu ärgern. Es geht um die Sicherheit und die Grundwerte der Gesellschaft. Ich hoffe auf ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung dieser Gesetze, die uns schützen, und für die Notwendigkeit, den Institutionen die Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie benötigen, um optimal zu funktionieren.

Und abgesehen von den Normen, worum wird es nach der Katastrophe gehen?
Um das Zusammenleben. Wir werden es nie vergessen. Es muss viel Arbeit geleistet werden, damit wir nie vergessen.

Wie wird diese Erinnerung aussehen?
Ich habe meine Teams gebeten, mit der Arbeit an einer Art Gedenkstätte zu beginnen, die in Crans-Montana ihren Platz haben sollte. Die Familien müssen in dieses Projekt einbezogen werden. Wir arbeiten auch an der Gründung einer Stiftung zur Unterstützung der Opfer und ihrer Angehörigen. Ich möchte den Familien sagen, dass wir nicht vergessen werden. Das Leben wird nicht einfach so weitergehen können, als wäre nichts geschehen.

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