Wenn es um französische Grenzgänger geht, kennt die Genfer SVP kein Pardon. Tag für Tag kommen Zehntausende «Frontaliers» in den Kanton, drücken Löhne, verstopfen Strassen – so der Tenor der SVP. Dass Genf auf französische Putzfrauen, Pfleger und Ärztinnen dringend angewiesen ist, wird bisweilen verschwiegen. Céline Amaudruz (47), Genfer Bundesratskandidatin und SVP-Vizepräsidentin, laviert sich geschickt durch das Migrationsdossier. Mal zeigt sie harte Kante, mal sendet sie versöhnliche Botschaften: «Ich mache den Grenzgängern keinen Vorwurf, sie nutzen lediglich ein System, das man ihnen bietet», sagte sie wiederholt. «Es sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Abkommen, die man ändern muss.»
Amaudruz’ Vater vertrat Diktatoren
Regeln ändern, Schlupflöcher stopfen: Wenn es um die Welt des ganz grossen Geldes geht, zeigt sich die SVP-Vizepräsidentin auffallend zurückhaltend. Dahinter steckt bisweilen persönliche Betroffenheit. Am 3. Januar 2022 verstarb Michel Amaudruz, Céline Amaudruz’ Vater. Der Genfer SVP-Politiker und Wirtschaftsanwalt galt als juristische Koryphäe, der unerbittlich für seine Mandanten kämpfte und ein gefürchteter Kontrahent vor Gericht war. Ein Jurist, der einst für ihn arbeitete, beschreibt ihn im Gespräch mit SonntagsBlick als brillanten Anwalt, der als Chef jedoch arrogant und herablassend gewesen sein soll.
Amaudruz’ Vater bewegte sich versiert in internationalen Vermögensfragen. Der Multimillionär hatte verschiedene Diktatoren als Klienten und half etwa, die Luxusvilla eines früheren russischen Ministers an der Côte d’Azur durch verschachtelte Firmenkonstrukte zu tarnen.
Ein Leben in Genf und Monaco
Recherchen von SonntagsBlick zeigen, wie eng die Verflechtungen der Familie mit der Steueroase Monaco waren: Michel Amaudruz besass seinen offiziellen Hauptwohnsitz im Fürstentum Monaco, ebenso seine zweite Ehefrau. Wie viel Zeit das Paar an der Mittelmeerküste und wie viel im heimatlichen Genf verbrachte, ist nicht rekonstruierbar. Gestorben ist der Patriarch in Genf nach «langer Krankheit», wie der Todesanzeige zu entnehmen war.
Geleakte Dokumente und E-Mails aus dem Umfeld eines monegassischen Notars und Politikers, die SonntagsBlick zugespielt wurden, beleuchten das Ringen um das Millionenerbe, zu denen auch Konten in Monaco zählen. Nach dem Ableben stellte sich die Frage: Soll der Nachlass nach monegassischem oder nach Schweizer Recht abgewickelt werden?
E-Mail der Stiefmutter an den Notar
Die Spurensuche offenbart ein pikantes Detail. So schrieb die Stiefmutter dem monegassischen Notariat: «Ich habe zwei Stieftöchter, X.Y. (geboren 1977, Name der Redaktion bekannt) und Céline Amaudruz (geboren 1979), aus der ersten Ehe meines Mannes; diese sind der Ansicht, dass es besser wäre, die Nachlassabwicklung direkt über Monaco zu regeln.»
Bei den involvierten Juristen läuteten die Alarmglocken. Ein E-Mail warnt vor dem Risiko einer «domiciliation de complaisance» – eines blossen Scheindomizils. Zudem notierte ein Jurist besorgt: «C’est une PEP suisse !!!» – «PEP», «politisch exponierte Person», ist ein Begriff aus dem Geldwäschegesetz.
Auch in Genf keine Erbschaftssteuern
Wie genau wollte Céline Amaudruz ihre Erbschaft aus Monaco abwickeln? Die Stiefmutter will sich hierzu nicht äussern. Céline Amaudruz teilt SonntagsBlick mit, dass alles rechtens abgelaufen ist: «Was den Gerichtsstand für den Nachlass meines Vaters betrifft, möchte ich klarstellen, dass dieser in Übereinstimmung mit dem anwendbaren Recht festgelegt wurde, ohne dass ich persönlich in diesen Prozess eingegriffen habe. Ich bestehe darauf, dass in Ihrem Artikel ausdrücklich erwähnt wird, dass die von Ihnen verwendeten E-Mails rechtswidrig erlangt wurden.» Auch betont Céline Amaudruz: Da es sich um die direkte Erbfolge ihres Vaters handle, wären weder in Genf noch in Monaco Erbschaftssteuern angefallen. Der monegassische Gerichtsstand habe sich aus dem letzten Wohnsitz ihres Vaters ergeben.
Céline Amaudruz nutzte in E-Mails an den Nachlassverwalter teilweise ihre Signatur als Nationalrätin mit Parlamentslogo und ihren Hinweis auf das SVP-Vizepräsidium. Privates Erbe und politische Funktion verschwammen – auch hier sieht Amaudruz kein Gschmäckle: «Ich sehe nicht, inwiefern die transparente Nennung meiner Funktionen in einer Signatur ein Problem bei der bankenrechtlichen Compliance darstellen sollte.»
Das Problem sieht Amaudruz vielmehr im Daten-Diebstahl und spricht von «Politiker-Bashing» – laut Amaudruz «einer Form von Belästigung, die darauf abzielt, den Ruf und die Integrität einer Person zu schädigen».