«Eine echte Katastrophe» – Kanton vergeigt Planung komplett
Anwohner haben genug von Basler Dauerbaustelle

Die Basler Austrasse wird zur Dauerbaustelle: Nach zahlreichen Einsprachen dauert ihre Sanierung ganze zwei Jahre. Anwohnende und das Gewerbe leiden unter dem Lärm.
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Die Austrasse in Basel wird zur Dauerbaustelle.
Foto: Stefan Bohrer

Darum gehts

  • Die Sanierung der Basler Austrasse verzögert sich wegen elf Einsprachen um ein ganzes Jahr
  • Anwohnende melden Baulärm, Risse und Senkungen; Gewerbe klagt seit Baubeginn über weniger Gäste
  • Das 6er-Tram kehrt temporär zurück; dafür werden Bauarbeiten pausiert und neue Gleise verlegt
Joschka Schaffner Ringier
Joschka SchaffnerRedaktor Politik

Aufgerissener Asphalt, lärmende Bagger, meterhohe Schuttberge und mittendrin ein Schild: «Abschnitt 2: September 2025 bis Juni 2026». Die Szene drückt zumindest ein wenig aus, was an der Austrasse falsch läuft. Die Mega-Baustelle in der Basler Innenstadt bereitet den Anwohnerinnen und dem Gewerbe nicht nur seit über einem Jahr Kopfschmerzen – sie ist auch massiv verspätet. Wegen Einsprachen, argumentieren die Behörden. Wegen Übermut und fehlerhafter Planung, sagen Kritikerinnen und Kritiker.

Dabei möchte der Kanton Basel-Stadt die Strecke eigentlich bloss rundum erneuern – inklusive Tramschienen, Strassenbelag sowie unterirdischen Leitungen für Wasser, Strom und Gas. Zu all dem soll das Quartier zugleich auch an das Fernwärmenetz angeschlossen werden. Nur: Seit Baubeginn im März 2025 folgten Pleiten, Pech und Pannen.

Baubeginn vor Einsprachefrist

Begonnen habe die Fehlerkaskade bereits, bevor ein einziger Bagger aufgefahren war, sagt Anwohnerin und Basta-Kantonsparlamentarierin Brigitta Gerber (62) zu Blick. Denn: Das Bau- und Verkehrsdepartement verzichtete auf ein Mitwirkungsverfahren. Der Handlungsspielraum sei zu klein, damit ein solches angebracht wäre, so die Basler Regierung. «Der Kanton ignorierte unsere Einwände einfach», sagt Gerber.

Zugleich entschieden die Behörden, dass die Austrasse bereits aufgerissen werden soll, bevor die Einsprachefrist überhaupt abgelaufen war. Die Konsequenz: Gleich elf Einsprachen sorgen nun dafür, dass sich die Sanierung um ein ganzes Jahr verlängert. Auch Gerber gehörte zu den Beschwerdeführerinnen. Sie bemängelt etwa, dass durch die Sanierung die Trottoirbreite schrumpft.

Lärm und Schäden für die Anwohner

Mit der massiven Verzögerung dauert auch die Leidenszeit der Betroffenen an. Der Lärm der Basler Dauerbaustelle sei zeitweise kaum auszuhalten, sagen zahlreiche Anwohnerinnen und Anwohner gegenüber Blick. Und sie sorgte auch bereits für tatsächliche Schäden: «Als sie wegen des Fernwärmeanschlusses Boden abtrugen, kam es bei uns zu Senkungen und Rissen», so Gerber. Auch bei einem Nachbarn sei vor kurzem dasselbe passiert. «Die historischen Altbauten werden ganz einfach nicht genügend geschützt!»

Wie die «Basler Zeitung» berichtete, hätten die Bauarbeiter zeitweise gar herausgerissene Tramgleise mit einem Bagger zerhackt – entgegen den Anweisungen des Kantons. «Es ist unglaublich störend», sagt Fotograf Giuseppe Salva (44). Er wohnt zwar nicht in der Strasse, hat jedoch hier sein Studio eingemietet. «Aktuell fahren konstant Lastwagen und Bagger hin und her.»

Gewerbler sind frustriert

Zeitweise sei die Zufahrt sogar ganz blockiert gewesen, sagt Salva. Für den Fotografen sei die Situation zwar nervig, jedoch zu bewältigen. «Ich empfange die meisten Kunden am Abend», sagt er. «Ich verstehe einfach nicht, wie so etwas in einer modernen Stadt wie Basel passieren kann.»

Bei anderen Gewerbetreibenden ist die Situation deutlich prekärer. «Die Baustelle ist für uns eine echte Katastrophe», sagt etwa Churimol Meepakdee vom Restaurant Tuktuk Thai Kitchen. «Die Gäste können kaum noch in Ruhe essen. Und wenn sie nach draussen gehen, werden sie schmutzig.» Früher habe das Restaurant über Mittag sehr viele Gäste gehabt – doch seit Beginn der Bauarbeiten harze das Geschäft. «Wir hoffen einfach, dass die Baustelle so schnell wie möglich fertiggestellt wird.»

Hat Basel zu viel Geld?

Ein weiterer Gewerbler, der anonym bleiben möchte, spricht genauso von einer «Katastrophe». Er hat seinen Laden wegen des Chaos vor der Haustüre schon längst vollständig geschlossen. «Es rentiert sich ganz einfach nicht, wenn über Jahre eine Baustelle vor der Türe steht», sagt er zu Blick. Die Austrasse sei damit jedoch nicht alleine, merkt er an. «Die Problematik hat ja mittlerweile halb Basel.»

Das Gewerbe interessiere die Basler Politik dabei nicht, sagt der aufgebrachte Ladenbesitzer. Dafür sei für vieles anderes anscheinend genug Geld da. «Etwa, um solche Sachen zu planen, nur damit sie dann nicht richtig umgesetzt werden können.» Oder um die Strasse gleich mehrfach aufzureissen – einmal, um Leitungen zu verlegen, und dann noch ein zweites Mal, um die Kanalisation darunter zu ersetzen. «Das ist organisatorisch unwürdig», so der Geschäftsmann.

Das Tram kehrt im Sommer zurück – temporär

Ebenfalls zeige dies die – gelinde gesagt – aussergewöhnliche Notlösung, zu der der Kanton nun aufgrund der Bauverlängerung gezwungen ist: Das 6er-Tram, das eigentlich durch die Austrasse fährt und aktuell umgeleitet wird, kehrt nächsten Sommer für knapp drei Monate zurück – weil dann auch auf der Umleitungsstrecke gebaut wird. Dafür werden die Bauarbeiten pausiert und neue Gleise verlegt. Nur um diese anschliessend wieder zu entfernen.

Als wäre all der Schutt und Lärm nicht genug, folgen nach Arbeitsende auch noch Blechlawinen: «Trotz Fahrverbot fahren am Abend jeweils gut zwei Dutzend Autos durch die Strasse», berichtet Grossrätin Gerber. Besonders für Fussgänger sei das gefährlich. «Trottoirs haben wir ja aktuell keine mehr.»

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