Darum gehts
- Die zwei Millionen Einwanderer in der Schweiz denken unterschiedlich über die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP
- «Das ist ein Eigengoal für die Schweiz!», sagt etwa Kyriazi aus Griechenland
- Christopherson aus der Dominikanischen Republik hingegen meint: «Irgendwann ist aber einfach genug!»
Die 10-Millionen-Initiative der SVP erhitzt die Gemüter. Sie will das Bevölkerungswachstum bremsen – mit strengeren Asylregeln und notfalls dem Ende der Personenfreizügigkeit. In der Schweiz leben mehr als zwei Millionen eingewanderte Menschen. Was halten sie von der Vorlage, über die am 14. Juni abgestimmt wird? Fünf Köpfe, fünf Ansichten.
Rifat Çetin (41) aus der Türkei: «Ausländer sind an allem schuld!»
Rifat Çetin (41) ist wegen religiöser und politischer Unterdrückung aus der Türkei geflüchtet. Er lebt seit acht Monaten in der Schweiz und befindet sich im Asylverfahren. «Ich bin in die Schweiz gekommen, um an einem Ort zu leben, an dem ich mich frei äussern kann», sagt er.
Die Diskussion rund um die 10-Millionen-Initiative empfindet er als verletzend. Menschen, die Schutz benötigten, die Einreise zu verweigern, verstosse gegen die Flüchtlingskonvention. Er sei nicht freiwillig hierher gekommen. «Ich habe meine Frau und die Kinder seit drei Jahren nicht mehr gesehen und vermisse sie sehr.»
Gleichzeitig sorgt die Debatte bei ihm auch für Verwunderung. «Die Schweiz ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen – etwa im Bauwesen, im Gesundheitsbereich oder in der Gastronomie», sagt er. Er selbst habe früher als Handwerker und in der Logistik gearbeitet. Es gebe viele Bereiche, in denen er sich einbringen könnte.
«In der Schweiz wird für alles den Ausländern die Schuld gegeben», findet Çetin. Das sei falsch. Er könne nachvollziehen, dass sich viele Menschen über verstopfte Strassen sowie die grassierende Wohnungsnot ärgerten. Die Nachhaltigkeitsinitiative sei jedoch nicht die geeignete Lösung für diese Probleme. «Statt die Zuwanderung zu drosseln, müsste mehr in die Infrastruktur investiert werden.»
Alan Christopherson (38) aus der Dominikanischen Republik: «Wir müssen die Schweiz bewahren»
Alan Christopherson ist vor 13 Jahren aus der Dominikanischen Republik in die Schweiz gekommen, weil er hier mehr Perspektiven für sich sah. Die ersten Jahre seien schwierig gewesen, sagt er. Die Sprache habe ihm Mühe bereitet. Gearbeitet habe er im Bauwesen – als Strassenbauer und Maler.
Das Blatt wendete sich insbesondere, als er seine Frau kennenlernte. Er machte eine Weiterbildung im IT-Bereich. Heute ist er diplomierter Verkaufsleiter in einem Softwareunternehmen und Feuerwehrmann. Er lebt mit seiner Familie im eigenen Haus in Oberbuchsiten SO.
«Die Schweiz ist ein Traum», sagt Christopherson. Hier sei es sauber, sicher und ordentlich. Es gebe viel Grün und sauberes Wasser. In seinem Heimatland sei das anders. Dort könnten seine Kinder nicht alleine zur Schule gehen. «Wir müssen die Schweiz schützen!», sagt der 38-Jährige.
Dem Dominikaner ist bewusst, dass auch er einst davon profitierte, dass die Schweiz ihre Türen für ihn öffnete. «Irgendwann ist aber einfach genug», sagt er. Zuerst müsste die Schweiz ihre eigenen Probleme lösen, bevor sie sich um andere kümmern könne.
Christopherson engagiert sich politisch bei der SVP. In Zuwanderungsfragen seien seine Positionen teils radikaler als jene anderer Parteimitglieder, sagt er. «Das hat damit zu tun, dass ich weiss, was es bedeutet, in einem Land zu leben, in dem nichts mehr funktioniert.»
Illiana Kyriazi (40) aus Griechenland: «Das ist ein Eigengoal für die Schweiz!»
Illiana Kyriazi (40) lebt seit mehr als acht Jahren mit ihrer Familie in der Schweiz. Der Umzug erfolgte wegen eines Jobangebots ihres Mannes. Dabei erfüllte sich auch ihr langjähriger Traum, eines Tages in der Schweiz zu leben.
Wie ihr Partner arbeitet Kyriazi im Schweizer Bankensektor. «Dort sind viele gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland tätig.» Gleiches gelte in anderen hochqualifizierten Branchen – etwa in der Pharma- oder Techindustrie. «Die Schweiz profitiert stark von der Expertise der Expats», sagt die Rechtswissenschaftlerin.
In Griechenland wandern viele gut ausgebildete Arbeitskräfte aus, weil die Perspektiven anderswo besser sind. Ihr Heimatland stehe wegen des «Brain Drain» vor grossen Herausforderungen.
Die Griechin bezeichnet die 10-Millionen-Initiative als «Eigengoal». Die Frauen bekommen im Durchschnitt nur noch 1,3 Kinder. Ohne Einwanderung geriete das Wirtschafts- und Rentensystem massiv unter Druck.
Die Initiative bereitet Kyriazi Sorgen. «Wenn die Stimmbevölkerung die Initiative annimmt, würde ich mich hier weniger willkommen fühlen», sagt sie. Gleich empfinden viele in ihrem Freundeskreis. Eine Person habe über einen Wegzug nachgedacht.
Goran Trujic (55) aus Ex-Jugoslawien: «Das wäre moderne Sklaverei»
Goran Trujic (55) wuchs auf dem Balkan auf – bei seinen Grosseltern. Als Achtjähriger reiste er erstmals in die Schweiz, wo seine Eltern als Saisonniers arbeiteten. Der Besuch ist nicht mit schönen Erinnerungen verbunden. «Die Angst, dass uns die Fremdenpolizei entdecken könnte, war gross», erinnert er sich. Er und seine Schwester mussten sich immer wieder verstecken.
Das war in den 1970er-Jahren. Trujics Eltern arbeiteten damals als Saisonniers in der Landwirtschaft und der Gastronomie. Die Bedingungen seien hart gewesen: Seine Eltern hätten in Baracken gelebt. Weil sie unterschiedliche Arbeitgeber hatten, durften sie nicht am selben Ort wohnen. Die Arbeit sei körperlich sehr anstrengend gewesen und die Löhne tief.
Aufgrund des Saisonnierstatus durften ausländische Arbeitskräfte damals nur neun Monate in der Schweiz bleiben. Danach mussten sie das Land für drei Monate verlassen, bevor sie wieder zurückkehren mussten. Wegen der temporären Anstellungen hätten sich viele nicht getraut, die schlechten Arbeitsbedingungen zu kritisieren.
«Mit der Nachhaltigkeitsinitiative würden diese Zustände zurückkehren», sagt Trujic. Nach Erreichen des Bevölkerungsdeckels dürften ausländische Arbeitskräfte wieder nur noch temporär – nämlich weniger als zwölf Monate – in der Schweiz leben und arbeiten. Der 55-Jährige plädiert darum vehement für eine Ablehnung der Initiative. «Das wäre moderne Sklaverei!»
Roshina Watti (21) aus Syrien: «Integration braucht Raum!»
Roshina Watti kam als Flüchtlingskind aus Syrien in die Schweiz. In ihrer Heimat wurde ihre Familie wegen ihrer Herkunft bedroht und angegriffen. Als sie acht Jahre alt war, musste sie überhastet ihre Koffer packen und das Land verlassen. «Ich bin unglaublich dankbar, dass die Schweiz uns damals aufgenommen hat», sagt sie heute.
Als Kurdin habe sie sich in Syrien oft wie eine Fremde gefühlt. Erst in der Schweiz habe sie eine Heimat gefunden. Das Ankommen sei nicht immer einfach gewesen. Während ihre Mitschüler nach dem Unterricht frei hatten, besuchte Watti zusätzlich Deutschkurse für Fremdsprachige. «Heute ist meine ganze Familie sehr gut integriert hier», sagt die 21-Jährige stolz. Sie selbst studiert derzeit Jus an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Für die Kurdin ist klar: Die erfolgreiche Integration war nur möglich, weil genügend Kapazitäten vorhanden waren. In Schulklassen, in denen die Mehrheit der Kinder aus dem Ausland kommt, sei das kaum noch möglich. Die Lehrpersonen seien überlastet, langfristig leide das Bildungsniveau. «Das bringt niemandem etwas!» Darum will Watti, die auch Mitglied der SVP ist, für die 10-Millionen-Initiative stimmen.