leer.00_00_52_10.Standbild001.jpg
1:02
Bereits 1000 Folgen:Christoph Blocher spricht über die Anfänge von Teleblocher

1000 Folgen «Teleblocher»
«Plötzlich wurde ich überall kritisiert und beschimpft»

Mit «Teleblocher» hat alt Bundesrat Christoph Blocher eine eigene Fernsehsendung. Gestern wurde die 1000. Folge aufgezeichnet. Seit Beginn stellt Journalist Matthias Ackeret alle Fragen. Er wurde dafür beschimpft und belächelt. Dennoch hat er nach wie vor Freude daran.
Kommentieren
1/5
Wöchentlich trifft Journalist Matthias Ackeret Christoph Blocher zum Gespräch.
Foto: Screenshot

Darum gehts

  • Seit 2007 äusserst sich alt Bundesrat Christoph Blocher wöchentlich in der Sendung «Teleblocher»
  • Jetzt wurde die 1000. Folge gedreht, mit Blick schaut Interviewer Matthias Ackeret zurück
  • Ackeret sagt: «Du kannst Blocher alles fragen»
Lucien Fluri
Lucien FluriCo-Ressortleiter Politik

Sein Programm ist klar. Jeden Freitag fährt Journalist Matthias Ackeret (63) um 7 Uhr beim Anwesen von SVP-Doyen Christoph Blocher (86) vor. Ab 7.30 Uhr wird mit Kameramann Claudio Ferrari «Teleblocher» aufgenommen. Seit über 19 Jahren nun. Die Sendung hat die Schweiz bewegt. Bis zu 80’000 Personen verfolgen jede Woche, was der alt Bundesrat zu sagen hat.

Am Freitag wurde die 1000. Folge aufgezeichnet. «Du kannst Blocher alles fragen», sagt Ackeret. Das Konzept ist simpel: Ackeret fragt, Blocher antwortet. Nichts wird geschnitten. Als die Sendung 2007 begann, war Blocher noch Bundesrat. Und das sorgte für mächtig Ärger.

Blick: Matthias Ackeret, nach 1000 Fernsehinterviews mit Christoph Blocher sind Sie vielleicht der grösste Blocher-Versteher der Schweiz. Wie tickt er wirklich?

Matthias Ackeret: Es gibt verschiedene Christoph Blocher. Es gibt den Mann aus der Politik. Er ist streitbar, pointiert und manchmal populistisch. So wie ihn die meisten kennen. Und dann gibt es den differenzierten Wirtschaftsführer. Persönlich ist Christoph Blocher ein sehr umgänglicher, belesener Mann, der in vielen Themen zu Hause ist. Die meisten sind überrascht, wie offen er auf andere Meinungen eingeht und dass er überhaupt nicht nachtragend ist.

Inzwischen haben Sie 1000 Sendungen aufgezeichnet. Was war das Speziellste?

Das Aussergewöhnlichste ist eigentlich, dass wir dies durchgezogen haben. Es ist speziell, dass es diese Sendung immer noch gibt und dass sie noch immer Resonanz hat. Die Sendungen landen gar im Archiv für Zeitgeschichte der ETH, sie sind also mittlerweile schweizerisches Kulturgut. Zu Beginn wurden wir aber für die Sendung geprügelt.

Sie begannen im Herbst 2007, als Christoph Blocher noch Bundesrat war. Es gab einen riesigen, heute unvorstellbaren Wirbel. Was ist damals passiert?

Mit «Teleblocher» hatte Norbert Neininger, der Verleger der «Schaffhauser Nachrichten», eigentlich den ersten Videopodcast überhaupt erfunden. Die erste Sendung löste wahnsinnig viel aus. Die Reaktionen waren brutal. Wir hörten den Vorwurf der Berlusconisierung. Der Bundesrat beschäftigte sich mit der Sendung, und das Bundesamt für Kommunikation fragte sich, ob man das überhaupt darf.

Warum polarisierte diese Sendung so?

Im Herbst 2007 herrschte eine aufgeheizte Stimmung. Als die Sendung begann, war Blocher noch Bundesrat. Es gab die hitzige Debatte um Bundesanwalt Roschacher, in die Blocher involviert war. Anschliessend gewann die SVP die eidgenössischen Wahlen haushoch, und zu guter Letzt wurde Blocher abgewählt. Das polarisierte enorm, und Blocher hatte mit der Sendung sein eigenes Sprachrohr, vor allem nach der Abwahl. Bis heute erzielt er damit Einfluss, auch auf seine Partei. Andere Bundesräte waren damals auf dieses Macht- und Informationsmedium neidisch – und auch, dass Christoph Blocher so viel Aufmerksamkeit bekam.

Hat Sie die Kritik nicht getroffen?

Es gab einen riesigen Wirbel. Ich war damals noch nicht selbständig und bekam fast schon Existenzängste, sollte der mediale Druck weiter zunehmen. Bei Tele Züri, dessen Gründungsteam ich 1994 angehörte, war ich ein bisschen «everybodys darling». Doch plötzlich wurde ich überall kritisiert und sogar beschimpft. Aber irgendwann erkannte ich: Es ist genial. Du machst ein Videointerview und alle reden darüber. Nach einigen Wochen kannte praktisch jeder «Teleblocher» oder hatte zumindest davon gehört.

Blocher polarisiert nicht mehr so wie früher. Was hat sich verändert?

Gefühlte 40 Prozent mochten Blocher damals, 40 Prozent gar nicht. Man rieb sich an der Figur. Doch heute gilt Christoph Blocher als Elder Statesman, als historische Figur. Diese Person begleitet Schweizer Politinteressierte schon ein Leben lang. Einen Politiker, der über so lange Zeit präsent war, gab es in der Schweiz noch nie.

Andere Journalisten gingen mit Ihrem Interviewstil nicht glimpflich um. Es fallen Beschreibungen wie «Mann ohne Eigenschaften», «Mikrofonhalter von Blocher», «der freundlichste Journalist».

Es gab noch Schlimmeres! (lacht) «Mikrofonhalter» habe ich bestimmt 1000-mal gehört. Am Anfang hat mich dies irritiert. Aber letztlich bin ich der Stichwortgeber, der jene Fragen stellen will, die die besten Antworten ermöglichen. Blocher sagt in unserem Format oftmals Dinge, die er sonst nicht sagen würde. Gleichzeitig bin ich überrascht, wie konsistent seine Ansichten zu den verschiedensten Themen über die vielen Jahre hinweg sind. Und wie viele Male er recht bekam.

Die Themen und Überzeugungen von Christoph Blocher sind bekannt. Wird es nicht langweilig, wenn man 1000-mal ähnliche Argumente hört?

Manchmal bin ich überrascht. Manchmal weiss ich, was er sagt, bevor er es sagt. Sicher kenne ich gewisse Argumente ganz gut. (lacht) Die Kunst ist, immer wieder andere Themen einzubringen.

Sie waren Pionier mit den Videointerviews. Heute kann jeder auf Insta oder Facebook jederzeit selbst senden. Braucht es die Sendung noch?

Man konnte sich schon zu Beginn auf anderen Kanälen äussern. In Leserbriefen. Oder per Blog, wie das Moritz Leuenberger tat. Wir sehen aber trotz der neuen Medien: In politisch schwierigen Zeiten wie jetzt mit der Ukraine oder dem Iran steigt die Quote. Viele Leute suchen eine Ankerfigur. Sie wollen wissen, was Christoph Blocher sagt.

Wie lange gibt es die Sendung noch?

Christoph Blocher hat in einem Interview gesagt: Bis ich sterbe. Wir werden also noch eine Zeit lang dranbleiben.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen