Was mir an der Schweiz gefällt? Alles! Irgendwie erinnert mich die Landschaft an Tennessee, wo ich aufgewachsen bin, besonders die Höfe und Almwiesen. Ich liebe es aber auch, die Städte mit ihren wundervoll erhaltenen historischen Gebäuden zu erkunden. Und egal wo ich hingehe, es überrascht mich immer wieder, wie sauber es hier ist. Die Luft ist so rein, dass ein Atemzug sich anfühlt wie ein Schluck kaltes, klares Wasser.
Ebenso gefällt mir der Wandel der Jahreszeiten. Jede ist deutlich spürbar von der anderen abgegrenzt. Die Bäume verlieren ihr Laub, und im folgenden Jahr wächst es wieder. Das klingt nach nichts Besonderem – als Kind nahm ich das als gegeben hin. Aber wir haben das Gefühl für den Rhythmus der Natur in so vielen Teilen der Welt verloren. In der Schweiz gibt es einen richtigen Winter, knackig kalt und sehr malerisch mit seinem Bilderbuchschnee. Bei uns im Dorf haben wir einen Eislaufplatz, der anmutet wie ein Postkartenmotiv.
Bundesrat, Tempolimit, Pünktlichkeit
Die Schweizer Landschaft ist berühmt, aber es gibt noch weitere Vorzüge. Ich mag die Regierung – in der Schweiz gilt das Gesetz. Das Tempolimit wird durchgesetzt. Fährt man zu schnell, ist der Führerschein weg. Die Regeln sind unmissverständlich, und man weiss genau, woran man ist. Pünktlichkeit ist ein hohes Gebot, womit ich anfangs so meine Probleme hatte. Als ich kurz nach meinem Umzug mit der üblich moderaten Verspätung bei einer Veranstaltung erschien, erhielt ich sanften Tadel für meine Unpünktlichkeit. Auch Prominente dürften nicht zu spät kommen, hiess es. Das liess ich mir nicht zweimal sagen.
«Mach die Tür auf!»
In diesem Land steht Höflichkeit an erster Stelle. Im Supermarkt, an der Tankstelle, egal wo. Bevor es ans Geschäftliche geht, wird eine freundliche Begrüssung – ein «Guten Morgen» oder «Guten Tag» – erwartet. Menschen sollen so einander näherkommen. In den USA neigen wir zur Eile und vergessen häufig die kleinen Freundlichkeiten, oder wir diskreditieren sie als oberflächlich. Einmal klingelte es an der Haustür, und ohne nachzudenken rief ich Erwin zu: «Mach die Tür auf!» Meine Worte haben ihn verletzt. «Schatz, könntest du bitte an die Tür gehen?», hätte ich besser sagen sollen. Und genau das tat ich auch, als es wieder läutete. Höflichkeit und Rücksichtnahme in der Sprache wie im Benehmen machen das Leben für alle angenehmer.
Zum Glück für mich sind die Schweizer traditionell offen für Einwanderer. Solange man sich an ihre Regeln hält. Erwin und ich haben über die Jahre wundervolle Freunde gefunden, die nichts mit dem Showgeschäft zu tun haben. Sagen wir es einfach so: Ich fühle mich wohl in der Schweiz. Ich fühle mich hier geborgen.
(….)
Hochdeutsch für die Prüfung
Wie sich herausstellte, ist es weitaus leichter, durch Geburt eine Staatsbürgerschaft in einem Land zu bekommen, als eine zu beantragen. Ich musste dazu Prüfungen ablegen, die so schwer waren, dass ich mir einen Lehrer suchte. Unter anderem wurde erwartet, dass ich mich mit der Schweizer Geschichte vertraut machte und ein bisschen Hochdeutsch lernte, die korrekteste (und ziemlich schwere) Version einer der diversen Schweizer Landessprachen. Dann musste ich im Jahr 2012 vor eine Kommission treten, die meinen Antrag prüfen würde. Als ich nachfragte, ob Erwin mich zu diesem grossen Ereignis begleiten dürfe, erfuhr ich, dass ich allein zu erscheinen habe.
Sieben Gutachter für den Weltstar
Okay.
Ich kam in einen Raum, in dem sieben Gutachter auf mich warteten. Da war ich nun schon vor Millionen von Menschen aufgetreten, ohne das geringste Lampenfieber zu empfinden, doch als ich vor dieser Gruppe stand, sank mir das Herz in die Hose. Um die Spannung ein bisschen abzubauen, gab ich sogleich zu, schrecklich nervös zu sein. Keine Reaktion. Daraufhin bot ich ihnen Lutschpastillen an, die ich eigens für diesen Anlass gekauft hatte. Letztlich mag jeder Bonbons, dachte ich, besonders in der Schweiz. Als auch darauf niemand einging, wurde mir klar, dass ich damit keine Punkte sammeln konnte. Die Kommission nahm ihren Auftrag sehr ernst. Und ich war auf mich allein gestellt.
«Ich bin Tina Turner»
«Wissen Sie, dass Sie die Landessprache sprechen müssen, ehe Sie die Einbürgerung beantragen?», fragte ein Mann mit einer tiefen Bassstimme.
«Ja», beeilte ich mich zu antworten, «ich kann Ihnen auf Hochdeutsch sagen, wie ich heisse, wie viele Kinder ich habe und wo ich herkomme.» Irgendwie. Es war ein Wagnis, aber ich hatte keine Alternative. Ausserdem hatte ich die Möglichkeit, notfalls ein kleines Büchlein mit Antworten zurate zu ziehen. Vielleicht war ich ja paranoid, aber ich hätte schwören können, dass eins der jüngeren Kommissionsmitglieder mich penetrant anstarrte, um mich noch nervöser zu machen, als ich ohnehin schon war.
Ich holte tief Luft und sagte auf Deutsch: «Ich bin Tina Turner.»
«Erzählen Sie uns etwas über die Schweiz!»
Um auf die nächste Frage zu antworten, musste ich in meinem Büchlein nachschauen, dachte aber noch rechtzeitig daran, auf Deutsch um Erlaubnis zu bitten: «Darf ich?» Mein Lehrer hatte mir unentwegt erklärt, dass die Schweizer grossen Wert auf gute Umgangsformen legen und man deshalb immer erst nachfragen sollte. Nun, das hatte ich gemeistert.
Die letzte Frage war die schwierigste. «Bitte erzählen Sie uns etwas über die Schweiz!»
Ich stand auf dem Schlauch. Dann fiel mir ein, dass jemand auf einer Party kürzlich über den Schweizerpsalm gesprochen hatte, die Nationalhymne des Landes. Er hatte gemeint, sie klinge sehr nach Kirche und sei, wie der Name «Psalm» schon andeute, eher ein Choral als ein patriotisches Lied. Augenblicklich beschloss ich, dieses Wissen für meine Antwort zu verwenden. «Ich bin gerade dabei, die Nationalhymne zu lernen», sagte ich selbstbewusst, «und finde es interessant, dass sie religiöse Anklänge hat, ähnlich wie ein Choral, den man in der Kirche hört.»
Danke, Schweizerpsalm
Der Fragesteller war verdutzt. Es hätte ihn wahrscheinlich weniger gewundert, wenn ich über DJ BoBo, den Schweizer Tausendsassa in der Musikbranche, gesprochen hätte statt über den Schweizerpsalm, die würdigste Hymne des Landes. Tatsächlich war es die beste Antwort, die ich geben konnte – wieder einmal hatte ein Lied mich gerettet. Die Kommission sprach sich für meine Einbürgerung aus, und ich wurde stolze Besitzerin eines Schweizer Passes.
Unerklärlicherweise sprach sich mein Nationalitätenwechsel rasch herum und schien für viele Unbeteiligte von brennendem Interesse zu sein. Es gab ein grosses Geschrei, begleitet von der wiederkehrenden Spekulation, ich hätte alles nur aus Steuergründen getan. Aber das stimmte nicht. Meiner Meinung nach hat man ausreichend Anlass, ein Land seine «Heimat» zu nennen, wenn man dort – gemeinsam mit einem geliebten Menschen – siebzehn Jahre gelebt hat, vor allem, wenn man mit seinem Partner demnächst den Bund der Ehe schliessen würde.
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