Darum gehts
- Immer mehr Wildtiere als Haustiere in der Schweiz, trotz strenger Gesetze
- Hybridkatzen wie F1-Tiere oft illegal, hohe Nachfrage wegen Statussymbol-Charakter
- 2000 Euro für Serval aus illegaler Zucht, Herkunftsnachweise oft gefälscht
Ob Reptil, Primat oder Wolfshybrid: Auf Social Media sorgen Wildtiere, die als Haustiere gehalten werden, für viele Likes. Ein Hype mit Folgen. «So was hätte ich auch gern!», das ist schnell gedacht – und getan. Das Geschäft mit illegalen Wildtieren und Exoten ist lukrativ, das Tierwohl spielt dabei keine Rolle.
Laurin Merz blickt in «Wildtiere fürs Wohnzimmer» kritisch auf den boomenden Markt, indem er in seinem Film Missstände im In- und Ausland aufzeigt.
TELE: Ein Mausklick nur – und schon hat man eine Wildkatze aus illegaler Zucht daheim. Krass!
Laurin Merz: Das ist so. Im Film melde ich mich ja auf so eine Annonce und hätte nach dem Anruf gleich beim Anbieter vorfahren können und den Serval erhalten. 2000 Euro cash auf die Hand. «Herkunftsnachweis und so haben wir», heisst es ungefragt. Ist aber vermutlich gebastelt.
Viel Schindluderei also.
Ja. Für Tiere, die man bei uns nicht einführen darf, erhält man beim Kauf im Ausland eine Haltebescheinigung mit einer Adresse in Italien oder Deutschland drauf. Wer scharf auf solche Tiere ist, findet immer einen Weg, sie reinzuschmuggeln.
Spätestens, wenn es zum Tierarzt geht, fliegt man aber auf, oder?
Oft wird erst mit Antibiotika rumgepröbelt. Hilfts nicht, dann ab zum Veterinär deines Vertrauens, nach Ladenschluss.
Die Einsicht bei den Anbietern ist vermutlich eher gering, oder?
Wir drehten in einer Zoohandlung, 20 km hinter der Grenze. Da gibt es fast alles zu kaufen: Pelikane, Erdmännchen u. a. Der Chef ist sich keiner Fehler bewusst. Doch was die dort machen, geht gar nicht!
Ganz anders die Schweizer Züchterin von Savannah-Katzen.
Ja. Corina Müller-Rohr ist eine Vorzeigezüchterin. Bei ihr ist alles korrekt, mit der F1-Herstellung hat sie nichts zu tun.
F1-Herstellung?
Die Bezeichnung für Generationen von Hybridkatzen. F1-Tiere haben 50 Prozent Wildtieranteil, sind also eine Kreuzung aus Hauskatze und männlichem Serval, einer afrikanischen Wildkatze. Das Weibchen stirbt häufig vor der Geburt, weil Hybrid-Föten grösser sind als normale und schneller wachsen.
Die gesetzlichen Auflagen für Wildtierhaltung sind bei uns sehr streng.
Richtig, aber wie man beim Einsatz zur Rettung der Erdmännchen im Film sieht, kann es trotzdem Probleme geben. Der Verstorbene hatte die Halte-Erlaubnis, war aber seit Jahren damit überfordert.
Das ist kein Einzelfall?
Es gibt immer irgendwo am Dorfrand ein Haus, von dem alle wissen, dass die Leute seltsame Zwinger haben, dass da vielleicht ein Wolf oder ein Tier mit hohem Wildtieranteil lebt. Die gehen erst bei Dunkelheit mit den Tieren raus. Kürzlich bin ich abends mitten in Zürich einem Typ begegnet: Was er an der Leine hatte, war vermutlich kein Wolf, aber sehr nahe dran.
Oder man hält das Tier drin.
Und legt ihm ein Vibrationshalsband an, das auch Stromstösse abgeben kann, wenn es laut wird. Der Serval, auf den ich im Netz stosse, trägt so eines.
Das ist doch Tierquälerei!
Klar, aber was interessiert die Welt das Kätzchen, das etwas grösser ist?
Man sieht es ja nicht.
Ja, einen Serval oder eine Savannah lässt du nicht raus, sie können Leute angreifen und sind zu kostbar. Wildtiere oder solche mit hohem Wildtieranteil sind nicht gesellschaftstauglich.
In der Natur entstehen aber auch Hybridwölfe, oder?
Eine läufige Wölfin ist unterwegs, ein Hofhund riecht sie ... Ihre Jungen sind gefährlich, da sie kaum menschenscheu sind. Anders als Wölfe sind sie zudem in der Lage, in die Höhe zu springen und eingehegte Schafe zu reissen. Das sind dann vermutlich jene Tiere, die sich Menschen nähern. In Norditalien zum Beispiel gibt es Zuchten für Wolfs-Hybride.
Wirklich?
Ja. Dort kannst du einen Schäferhund mit einem Wolf gekreuzt bestellen, weil Leute fälschlicherweise immer noch das Gefühl haben, dass der Wolf ein perfekter Hund sei. Wieso muss man ihn zu Hause haben? Manche sind ja schon mit einem Hund überfordert. Ein Tier braucht Zeit und Pflege und im Fall von Exoten Erfahrung.
Und Geld.
Darum ist das Geschäft so attraktiv, solche Tiere sind Statussymbole. Man muss aber auch sagen: Es gibt viele Leute, die auf Reptilienmessen legal eine Schlange oder Vogelspinne kaufen, sie zu Hause ganz okay halten und sich Mühe geben.
Manche sind sich ja vielleicht nicht bewusst, etwas Illegales zu tun.
Wenn jemand ein Chamäleon importiert, das er in Deutschland gekauft hat, weiss er vielleicht nicht, dass er sich strafbar macht. Andere wissen aber genau, dass es illegal ist, vom Aussterben bedrohte Tierarten zu erwerben. Das Tier gewinnt an Wert – der Reiz des Verbotenen.