Darum gehts
- Die Ausstellung «Die Langeweile – ganz schön vielfältig» läuft in Pfäffikon SZ
- Langeweile kann ein Impuls des Hirns für Veränderung sein
- Studien: Langeweile erreicht in der späten Pubertät ihren Höhepunkt
Permanente Reizüberflutung – das ist unsere Welt, und in ihr hat Langeweile scheinbar kaum mehr Platz. Wer hat sich kürzlich mal so richtig gelangweilt, ohne das Handy zu zücken? Wieso halten wir dieses Gefühl so schwer aus?
«Einstein» war auf der Suche nach Antworten und zeigt diese im Vögele Kultur Zentrum in Pfäffikon SZ. Dort haben Karolina Widla und Anouk Estermann die multimediale Ausstellung «Die Langeweile – ganz schön vielfältig» kuratiert.
TELE Wer kennt es nicht: Man wartet auf den Bus und greift zum Handy. Sie auch?
Anouk Estermann: Immer mal wieder, denn Langeweile verändert die Wahrnehmung, sie macht, dass die Zeit sich ausdehnt, nur langsam verstreicht. Es heisst ja auch «Langeweile ist, als schaue man Gras beim Wachsen zu» oder «das zieht sich wie ein Kaugummi».
Das ist wohl nicht die landläufige Definition.
Karolina Widla (Lacht.) Natürlich nicht. Die stammt vom kanadischen Psychologen John Eastwood. Er sagt: «Langeweile ist das unangenehme Gefühl, einer zufriedenstellenden Tätigkeit nachgehen zu wollen, es aber nicht zu können.»
A. E.: Und das geschieht, weil äussere Umstände es verunmöglichen oder man nicht weiss, was man tun kann, das einem Freude bereitet. Langeweile ist ein Impuls des Hirns, der darauf hinweist, dass das, was wir gerade tun, nicht gut ist für uns oder nicht zu uns passt.
K. W.: Damit wir angetrieben werden, etwas zu suchen, das zufrieden macht. Es ist wie ein Stachel im Fleisch.
Passt Langeweile zum Zeitgeist?
K. W.: Nein, sie steht konträr zu unserer Leistungsgesellschaft. Man gibt ungern zu, dass man gelangweilt ist, weil das ja heissen könnte, man sei faul oder nutze seine Zeit nicht.
A. E.: Heutzutage muss alles produktiv und effizient sein. Wir hörten oft, man kenne Langeweile gar nicht mehr und wünschte sich, sie mal wieder zu verspüren. Effektiv ist sie aber kein Luxus, sondern ein Gefühl des Unbehagens.
Langweilen wir uns alle?
K. W.: Wir haben nichts gefunden, das auf etwas anderes hinweist. In Studien zeigt sich jedoch, dass Langeweile in jungen Jahren immer mehr zunimmt und es in der späten Pubertät einen Peak gibt. Die Erklärung dafür ist die Diskrepanz zwischen dem, was man will, und dem, was man kann.
Was heisst das?
K. W.: Man hat einen starken Freiheitsdrang, möchte reisen oder sich abgrenzen, hat aber zu wenig Geld, schulische Verpflichtungen oder die Eltern erlauben Dinge nicht. Im mittleren Lebensalter nimmt Langeweile ab, wohl weil wir stärker ausgelastet sind, mehr Möglichkeiten haben. Später, im Alter, nimmt sie oftmals wieder zu, aufgrund unterschiedlicher Einschränkungen.
Langeweile ist also nicht gleich Langeweile, richtig?
A. E.: Die situative Langeweile beschreibt die alltägliche Langeweile mit klarem Anfang und Ende. Wenn man auf den Bus wartet und der einfach nicht kommt. Aber sobald der einfährt, ist die Langeweile weg.
Und die chronische?
K. W.: Kann sich über ganze Lebensbereiche legen, dauert länger. Ein klassisches Beispiel ist langanhaltende Langeweile am Arbeitsplatz – dies kann zu einem sogenannten Boreout führen.
Welche Form ist häufiger?
K. W.: Situative Langeweile, chronische ist die Ausnahme. Diese bilden wir in der Ausstellung anhand persönlicher Schicksale ab, wie beispielsweise eine Long-Covid-Erkrankung. Die interviewten Betroffenen haben Strategien entwickelt, um mit der einschränkenden Lebenssituation umzugehen. Das ist schön, denn in einer ganz puren Form ist chronische Langeweile ungemein bedrückend.
Langeweile gleich Nichtstun?
A. E.: Nein. Auch wer einen komplett durchgetakteten Tag hat, kann sich extrem langweilen, wenn man beispielsweise Dinge tun muss, die keine Freude bereiten. Im Englischen gibt es dafür sogar einen Ausdruck: «busy bored».
Arbeit am Fliessband etwa?
A. E.: Monotone Arbeit führt nicht zwingend zu Langeweile, wenn Menschen hinter dem stehen, was in einer Fabrik produziert wird. Langeweile hat also auch mit Sinnempfinden zu tun. Finde ich, was ich mache, gut und bin stolz darauf, langweile ich mich weniger schnell.
Langeweile ist negativ konnotiert. Hat sie positive Seiten?
K. W.: Ja, wenn man einen Umgang mit ihr findet, sie als geschenkte Zeit wahrnimmt und dieses Dolcefarniente geniessen kann.
A. E. Obwohl, sobald es sich anfühlt wie süsses Nichtstun, ist das wohl nicht mehr Langeweile.
«Einstein – Langeweile: Warum sie wichtig ist» – Donnerstag, 11. Juni, 21.05 Uhr, SRF 1