Pionierin am Berg
So setzte sich Nicole Niquille in der Männerdomäne durch

Lange waren die Berge tabu für Frauen. Ein Dokumentarfilm zeigt, wie sie in die Männerdomäne vorstiessen und welche Widerstände sie überwunden haben.
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Nicole Niquille wurde 1986 die erste weibliche Schweizer Bergführerin.
Foto: SRF

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Miriam Zollinger
Tele

Aller Anfang ist schwer – aller Aufstieg auch. Als im frühen 19. Jahrhundert die ersten Alpinisten aus England Schweizer Gipfel bezwangen, mussten die Frauen im Tal bleiben. Bergsteigen galt als unschicklich, unweiblich. Entsprechend schwierig war es für die Pionierinnen – nicht nur wegen der unpraktischen Röcke – als sie es gegen alle Widerstände dann doch wagten.

Ein Artikel aus «Tele»

Das ist ein Beitrag aus «Tele». Das Fernsehmagazin der Schweiz taucht für dich nach den TV- und Streamingperlen.

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Einen steinigen Weg ging viel später auch Nicole Niquille, die 1986 als erste Frau die Bergführer-Ausbildung absolvieren konnte – nach einem Bundesgerichtsurteil. «Nicole erzählte mir, Männer hätten zwar Frauen schon gern in der Seilschaft gehabt, aber hinten, nicht als Konkurrenz im Beruf», sagt Lisa Röösli, die Niquille und zwei weitere Frauen im Dokumentarfilm «Pionierinnen am Berg» porträtiert. Röösli illustriert das anhand einer Szene, wo Niquille ihrem damaligen Freund (Spitzenalpinist Erhard Loretan) mitteilt, sie wolle Bergführerin werden. «Er lacht sie aus, weil das so undenkbar war damals.» Niquilles Reaktion: Jetzt erst recht!

«Hat einfach ihr Ding am Berg durchgezogen»

«Sie hat die vielen Hindernisse beharrlich und mit mentaler Stärke ausgeräumt.» Das war auch nötig. Niquille erzählte der Filmemacherin, sie sei in der Ausbildung härter getestet worden als Männer. «Man hat ihr etwa bei einer Gletscherspaltenübung extra den schwersten Mann ans Seil gehängt.» Aber Niquille schaute solches nie als Schikane an und stellte sich auch nicht gegen die Männer. «Sie hat in ihrer positiven Art einfach ihr Ding am Berg durchgezogen.» Bis sie 1994 beim Pilzesammeln verunfallte und seither im Rollstuhl sitzt.

Der Beruf ist nach wie vor fest in Männerhand. Frauenanteil im Schweizer Bergführerverband: 3 Prozent! Immerhin, seit sechs Jahren steht ihm eine Frau vor: die Bergführerin Rita Christen. Eine Quotenfrau? Nein, sagt Röösli. Christen ist Juristin und hat sich auf dieser Ebene viele Jahre mit Bergunfällen auseinandergesetzt – ein Wissen, das der Verband gut gebrauchen könne. Wieso üben nicht mehr Frauen diesen Beruf aus? Weil es so schwierig sei, all das mit einer eigenen Familie zu vereinbaren, vermutet Christen. Sie beobachte bei Frauen aber auch eine gewisse Scheu vor Risiken. In Nordwänden oder beim Eisklettern treffe man viel weniger Frauen an als etwa beim Sportklettern, einer Disziplin, die als sicherer gilt.

War während des Drehs im 6. Monat schwanger

Christen sei jedoch kein Fan von Frauenförderung, ergänzt Röösli. «Sie nimmt sich selbst als Massstab und findet, wenn man die Fähigkeiten hat, dann macht man es einfach.» Und kann es auch. Andere sehen das offenbar genauso: Bei den Neuausbildungen verzeichnet der Verband 2025 mit fünf neuen Bergführerinnen einen neuen Rekord. Die dritte porträtierte Frau zählt zu den weltweit besten Profi-Felskletterinnen. Röösli entschied sich für Nina Caprez, weil sie einer anderen Generation angehört und für einen jüngeren Sport steht. «Und sie ist Mutter.» Während des Drehs war Caprez im sechsten Monat schwanger und kletterte weiter.

Dass sie das Ungeborene einem Risiko aussetze, habe Caprez mehrfach zu hören bekommen, erinnert sich Röösli. «Aber Nina kennt ihren Körper so gut und tut nichts, was ihr Kind oder sie gefährden würde.» So geht sie nicht in den Vorstieg, um nicht ins Seil zu fallen. «Aber was sie macht, das beherrscht sie.» Im Film sagt Caprez, sie vergleiche sich nie, weder mit Mann noch mit Frau. Dieser Satz passe zu allen drei Frauen, findet Rössli. «Sie orientieren sich an dem, was sie selbst antreibt, und ordnen ihre Ambitionen nicht in Schubladen ein.»

Ging ihr nie darum, die Schnellste oder Stärkste zu sein

Biologisch bedingte körperliche Unterschiede gibt es, klar. So haben Männer in der Regel mehr Kraft. Dazu sagt Nina Caprez, man müsse das Weniger an Kraft anderweitig kompensieren. Röösli: «Sie ist mental extrem stark und scheint keine Angst zu kennen.» Caprez habe auch nie diese oder jene Route «als erste Frau» klettern wollen, das sei kein Kriterium für sie, so Röösli, «sie wollte einfach eine bestimmte Route klettern». Ähnlich äussert sich Rita Christen: Auch ihr sei es nie darum gegangen, die Schnellste oder Stärkste zu sein. «Sie wollte lediglich in die Berge.»

Aber für das Sponsoring sei es natürlich hilfreich, als erste Frau eine schwierige Route bewältigt zu haben. «Nina Caprez muss diese Klaviatur bis zu einem gewissen Grad spielen, aber eigentlich will sie einfach nur gut klettern.» Den drei Frauen sei neben der Leidenschaft für die Berge noch etwas gemeinsam: eine souveräne Selbstgewissheit. «Sie alle sagen, ich mache das, ich kann das, ohne dass sie sich als Kämpferinnen gegen die Männerwelt verstehen.»

Lisa Röösli, selbst Bergsteigerin, freut sich, dass heute vieles selbstverständlich geworden ist. Dabei sollte aber nicht vergessen gehen, dass es mal anders war und nicht von selbst so weit gekommen ist. «Eine musste den Anfang machen», betont sie, «wir stehen auf den Schultern von Frauen, die ihr Ding durchgezogen und viele Widerstände überwunden haben.»

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