Darum gehts
- Die Ausstellung «My Atlas» von Thomas Hirschhorn läuft bis zum 6. Dezember 2026
- Hirschhorns Werke polarisieren oft und lösen immer wieder Diskussionen aus
- Der in Davos aufgewachsene Künstler arbeitet gerne im öffentlichen Raum
Seit Samstag, 22. August, ist im Bündner Kunstmuseum Chur die Ausstellung «My Atlas» von Thomas Hirschhorn (69) zu sehen. Der international bekannte Installationskünstler löst mit seinen Werken immer wieder Diskussionen aus.
Im Februar 2026 sorgte seine geplante Installation für das Reformationsjubiläum im Berner Münster für grosse Aufregung in der Kirchgemeinde. Die Gebäudeversicherung äusserte Sicherheitsbedenken, worauf Hirschhorn sein Projekt zurückzog.
Und beim in Genf realisierten Kunstprojekt «Pavillon Simone Weil» gab es diesen Frühling Diskussionen wegen einer Bar mit Gratisalkohol. Unter dem Konzeptbegriff «radikal inklusiv» wollte Hirschhorn dort einen frei zugänglichen Quartiertreffpunkt für alle Menschen schaffen.
Kein «Genie», sondern «Arbeiter»
Fällt Hirschhorns Name, folgen oft Begriffe wie «Berufsprovokateur», «der grosse Unverstandene» oder «Genie». «Genie gefällt mir», sagt Hirschhorn bei der Ausstellungsvorschau in Chur gegenüber Blick.
Um dann ernsthaft zu werden. «Werde ich Provokateur genannt, ist das der Preis, den ich zahlen muss. Wenn sich jemand provoziert fühlt, kann ich nichts dafür. Denn ich will niemanden provozieren, sondern ganz einfach meine Arbeit machen. Per se provozieren zu wollen, würde auch nicht lange funktionieren. Dieser Atlas soll nun zeigen, wie ich meine Kunst wirklich aufbaue. Nicht als Genie, sondern als Arbeiter.»
Der Werkkomplex «My Atlas» ist erstmals in der Schweiz zu sehen und liefert einen Überblick über Hirschhorns Schaffen von Anfang der 1980er-Jahre bis heute. Er ist inspiriert vom Bilderatlas «Mnemosyne» des berühmten deutschen Kunsthistorikers Aby Warburg (1866–1929) und zeigt die Komplexität und Relevanz seiner Tätigkeit.
«My Atlas» besteht aus 45 grossflächigen Kartontafeln mit Dokumenten, Bildern, Zeichnungen, Skizzen, Referenzen und Originalwerken. Der Titel verrät Hirschhorns Absicht, sein Selbst («My») mit der Welt («Atlas») zu konfrontieren.
«Nicht-exklusives» Publikum im Visier
Statt eines teuren Kataloges gibt es einen bebilderten Leitfaden, der gratis erhältlich ist. Hirschhorns Absicht ist es nicht nur, in Chur mit seiner Kunst auch ein «nicht-exklusives» Publikum anzusprechen, wie er es nennt. «Das ist mein Auftrag, meine Mission als Künstler.»
Er versuche mit seiner Arbeit stets alle zu erreichen, durch Klarheit, Einfachheit und Präzision. «Wer ins Museum kommt, interessiert sich grundsätzlich für Kunst. Aber ich kann nicht das Publikum im Museum ändern. Deshalb mache ich auch so oft und gerne Kunst im öffentlichen Raum», sagt Hirschhorn. «Diese Leute anzusprechen, ist viel schwieriger.»
Auf die Frage, ob Kunst die Welt wirklich besser machen könne, meint Hirschhorn: «Ändern sicher. Den Blick auf die Welt verändern und ihn verfeinern. Eine Alternative schaffen, die Dinge neu und anders zu sehen.»
Emotionale Heimkehr
Aufgewachsen ist Hirschhorn in Davos GR. Vor 50 Jahren kam er im Museum in Chur während der Gewerbeschule als Schriftsetzerlehrling erstmals überhaupt mit Kunst in Berührung. «Es berührt mich sehr, dass die Ausstellung gerade hier gezeigt wird.»
1983 zog er nach Paris, wo er seitdem lebt. «Diese Stadt gab mir eine gewisse Anonymität und die Möglichkeit, zu werden, was ich wollte. Paris nahm sehr viel Druck weg.»
Doch er kommt immer noch gerne zurück. «Ich bin in der Kunst daheim, also auch in diesem Museum. Nicht in einer bestimmten Gegend.»
«My Atlas» ist bis zum 6. Dezember 2026 zu sehen.