Kult-Pfarrer verabschiedet sich in den Ruhestand
«Du sollst nicht lügen ist das herausforderndste Gebot»

Pfarrer Andrea Marco Bianca, der das «Vater unser» umschrieb und Tiersegnungen einführte, geht nach 30 Jahren in Küsnacht in Pension. Am Sonntag feiern ihn über 500 Gäste – ein Abschied der Superlative.
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Der reformierte Pfarrer Andrea Marco Bianca im September 2021 an der Eröffnung des Zurich Film Festival.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Pfarrer Andrea Marco Bianca (65) verabschiedet sich nach 30 Jahren Küsnacht
  • 500 Gäste feiern mit Schlagersängerin und Yogalehrerin seinen Ruhestand
  • Abschiedsfeier am 15. März um 16.30 Uhr in Küsnacht
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Flavia SchlittlerRoyal- und People-Expertin

Er hat das «Vater unser» umgeschrieben, Hunde am Dorfbrunnen gesegnet und einen Komiker auf die Kanzel eingeladen. Jetzt geht Kultpfarrer Andrea Marco Bianca (65) nach 30 Jahren in Küsnacht ZH an der Goldküste in Pension. Ruhig wird es um den Geistlichen mit Lederjacke und VW Käfer, den er in einem SonntagsBlick-Wettbewerb gewonnen hat, sicher nicht.

Am 27. September 2005 nahm Andrea Marco Bianca seinen in einem SonntagsBlick-Wettbewerb gewonnenen VW Käfer in Empfang.
Foto: Thomas Buchwalder

Am Sonntag feiert er seinen Abschied – mit mehr als 500 Gästen. So viele, dass die Kirche aus allen Nähten platzt. Die Feier wird deshalb auch ins Kirchgemeindehaus übertragen. Mit dabei: zehn Musiker von Blues bis Schlager, seine Yogalehrerin – und eine Gemeinde, die ihren Pfarrer gebührend feiern will.

Alles und ein bisschen mehr war immer die Maxime des Mannes, der Weltstar Chris de Burgh (77) zweimal für ein Ukraine-Benefizkonzert in seiner Kirche hatte. Mit Blick spricht Bianca über seine wichtigsten Stationen als Pfarrer – und über das, was ihn wirklich bewegt hat.

Am 27. März 2022 gab «The Lady in Red»-Weltstar Chris de Burgh (r.) ein Benefizkonzert mit den Swiss Gospel Singers um Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine zu unterstützen. Hier posiert er mit Pfarrer Andrea Marco Bianca.
Foto: Zvg

Humor auf der Kanzel

Bianca war nie der klassische Pfarrer. Einmal liess er Komiker Beat Schlatter (64) eine Gastpredigt halten – inklusive Vorschlag, neonfarbene Strumpfbandwerbung als neue Einnahmequelle einzusetzen. «Ich habe entdeckt, wie wichtig Humor im Glauben ist», sagt Bianca. «Humorvolle Leichtigkeit hilft Menschen, die ernsten Seiten des Lebens zu bewältigen.»

Komiker Beat Schlatter (r.) hielt im September 2017 eine Gastpredigt in der reformierten Kirche Küsnacht, die für viele Lacher sorgte. Da posiert er mit Pfarrer Andrea Marco Bianca.
Foto: Zvg

Schlager in der Kirche

Mit der Reihe «pop+more» brachte Bianca eine neue Form von Feiern in die Kirche. «Ich habe nie nur über Bibeltexte gesprochen, sondern über Lebenstexte», erklärt er. Die Idee entstand nach einem Gespräch mit einem schwer kranken Banker: «Ich fragte ihn, was ihm jetzt Kraft gibt. Er sagte: Schlager hören. Das hat mich sehr berührt.» Als später Linda Fäh (38) in der Kirche auftrat, wurde der Pfarrer beim Einkaufen von Fremden angesprochen: «Viele sagten mir, wie sehr sie meine Interpretation von Lindas Liedern berührt haben.»

Linda Fäh brachte am 10. März 2024 erstmals Schlager in die reformierte Kirche Küsnacht.
Foto: Zvg

Scheidungen und Tiersegnungen

Bianca brachte die Kirche dorthin, wo Menschen stehen. Eine Bar in der Kirche, Tiersegnungen am Dorfbrunnen und Scheidungsrituale gehörten dazu. Darüber hat er seine Doktorarbeit geschrieben: «Wenn Menschen vor Gott ein Versprechen geben können, sollten sie es auch vor Gott wieder lösen dürfen», sagt er. «Die Kirche braucht Dialog und Respekt für das, was Menschen beschäftigt, egal wie religiös es ist.»

Ein neues «Vater unser»

Auch das wichtigste Gebet passte er an. Nach dem Wort «unser» macht er bewusst eine Pause. «Manche beten zu Gott als Vater, andere zum Universum. Jeder soll dort sein eigenes Bild einsetzen können, das ihn am besten mit einer höheren Macht verbindet.» Zur Zeile «Und führe uns nicht in Versuchung» sagt er nun: «Ich bete bewusst: ‹Und führe uns in der Versuchung›. Versuchungen gehören zum Leben.»

Der reformierte Kultpfarrer Andrea Marco Bianca mit einem Taufbecken in der Hand und elektronischen Gitarrenklängen.
Foto: Zvg

Das herausforderndste Gebot

Von den zehn biblischen Geboten beschäftigt ihn eines besonders: «Du sollst nicht lügen», sagt Andrea Marco Bianca. «Für mich ist es das herausforderndste Gebot.» Ehrlichkeit bedeute auch, sich nichts vorzumachen und zu sich und seiner Meinung zu stehen. «Wie schnell weichen wir aus, nur damit ein Abend nicht eskaliert oder kein Konflikt entsteht? Aber Wahrhaftigkeit lohnt sich immer.» 

Zweifel und Kirchenaustritte

Kirchenaustritte haben ihn getroffen. «Jeder hat mir wehgetan.» Und aus jedem habe er auch gelernt: «Die Kirche muss die Menschen in ihrem Innersten berühren und vor Ort sein, wo sie sind. Von Stammtischen, Dorfplatzpicknicks bis zum Sport, es gibt unzählige Möglichkeiten.» Und: «Die Kirche muss besser kommunizieren – auch auf Social Media. Ich freue mich auf viele Godfluencer.» 

Sein Ruhestand wird laut

Ganz aufhören will und kann er nicht. Bis Ende 2027 bleibt Bianca Vizepräsident im Kirchenrat vom Kanton Zürich. Danach zieht er mit seiner Frau, Spitalseelsorgerin Katharina Hoby (64), nach Schaffhausen. Und dann? «Ich möchte den grossen Töffführerschein machen», sagt er. Als Freelance-Pfarrer will er Menschen bei der Sinnfindung und Organisationen bei der Kulturentwicklung begleiten – und sich den Themen Rituale, Ethik und Spiritualität widmen. «Vielleicht entsteht daraus sogar eine Bewegung. Wie ein Club mit Menschen, die christliche Werte leben und gemeinsam die coolsten Feiern planen.»

Der reformierte Andrea Marco Bianca und Gattin, Spitalseelsorgerin Katharina Hoby, ziehen von Küsnacht nach Schaffhausen.

Die Abschiedsfeier für Andrea Bianca beginnt am Sonntag, 15. März, ab 16.30 Uhr in der reformierten Kirche Küsnacht. Anmeldung über www.rkk.ch. 

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