Darum gehts
- Pfarrer Andrea Marco Bianca (65) verabschiedet sich nach 30 Jahren Küsnacht
- 500 Gäste feiern mit Schlagersängerin und Yogalehrerin seinen Ruhestand
- Abschiedsfeier am 15. März um 16.30 Uhr in Küsnacht
Er hat das «Vater unser» umgeschrieben, Hunde am Dorfbrunnen gesegnet und einen Komiker auf die Kanzel eingeladen. Jetzt geht Kultpfarrer Andrea Marco Bianca (65) nach 30 Jahren in Küsnacht ZH an der Goldküste in Pension. Ruhig wird es um den Geistlichen mit Lederjacke und VW Käfer, den er in einem SonntagsBlick-Wettbewerb gewonnen hat, sicher nicht.
Am Sonntag feiert er seinen Abschied – mit mehr als 500 Gästen. So viele, dass die Kirche aus allen Nähten platzt. Die Feier wird deshalb auch ins Kirchgemeindehaus übertragen. Mit dabei: zehn Musiker von Blues bis Schlager, seine Yogalehrerin – und eine Gemeinde, die ihren Pfarrer gebührend feiern will.
Alles und ein bisschen mehr war immer die Maxime des Mannes, der Weltstar Chris de Burgh (77) zweimal für ein Ukraine-Benefizkonzert in seiner Kirche hatte. Mit Blick spricht Bianca über seine wichtigsten Stationen als Pfarrer – und über das, was ihn wirklich bewegt hat.
Humor auf der Kanzel
Bianca war nie der klassische Pfarrer. Einmal liess er Komiker Beat Schlatter (64) eine Gastpredigt halten – inklusive Vorschlag, neonfarbene Strumpfbandwerbung als neue Einnahmequelle einzusetzen. «Ich habe entdeckt, wie wichtig Humor im Glauben ist», sagt Bianca. «Humorvolle Leichtigkeit hilft Menschen, die ernsten Seiten des Lebens zu bewältigen.»
Schlager in der Kirche
Mit der Reihe «pop+more» brachte Bianca eine neue Form von Feiern in die Kirche. «Ich habe nie nur über Bibeltexte gesprochen, sondern über Lebenstexte», erklärt er. Die Idee entstand nach einem Gespräch mit einem schwer kranken Banker: «Ich fragte ihn, was ihm jetzt Kraft gibt. Er sagte: Schlager hören. Das hat mich sehr berührt.» Als später Linda Fäh (38) in der Kirche auftrat, wurde der Pfarrer beim Einkaufen von Fremden angesprochen: «Viele sagten mir, wie sehr sie meine Interpretation von Lindas Liedern berührt haben.»
Scheidungen und Tiersegnungen
Bianca brachte die Kirche dorthin, wo Menschen stehen. Eine Bar in der Kirche, Tiersegnungen am Dorfbrunnen und Scheidungsrituale gehörten dazu. Darüber hat er seine Doktorarbeit geschrieben: «Wenn Menschen vor Gott ein Versprechen geben können, sollten sie es auch vor Gott wieder lösen dürfen», sagt er. «Die Kirche braucht Dialog und Respekt für das, was Menschen beschäftigt, egal wie religiös es ist.»
Ein neues «Vater unser»
Auch das wichtigste Gebet passte er an. Nach dem Wort «unser» macht er bewusst eine Pause. «Manche beten zu Gott als Vater, andere zum Universum. Jeder soll dort sein eigenes Bild einsetzen können, das ihn am besten mit einer höheren Macht verbindet.» Zur Zeile «Und führe uns nicht in Versuchung» sagt er nun: «Ich bete bewusst: ‹Und führe uns in der Versuchung›. Versuchungen gehören zum Leben.»
Das herausforderndste Gebot
Von den zehn biblischen Geboten beschäftigt ihn eines besonders: «Du sollst nicht lügen», sagt Andrea Marco Bianca. «Für mich ist es das herausforderndste Gebot.» Ehrlichkeit bedeute auch, sich nichts vorzumachen und zu sich und seiner Meinung zu stehen. «Wie schnell weichen wir aus, nur damit ein Abend nicht eskaliert oder kein Konflikt entsteht? Aber Wahrhaftigkeit lohnt sich immer.»
Zweifel und Kirchenaustritte
Kirchenaustritte haben ihn getroffen. «Jeder hat mir wehgetan.» Und aus jedem habe er auch gelernt: «Die Kirche muss die Menschen in ihrem Innersten berühren und vor Ort sein, wo sie sind. Von Stammtischen, Dorfplatzpicknicks bis zum Sport, es gibt unzählige Möglichkeiten.» Und: «Die Kirche muss besser kommunizieren – auch auf Social Media. Ich freue mich auf viele Godfluencer.»
Sein Ruhestand wird laut
Ganz aufhören will und kann er nicht. Bis Ende 2027 bleibt Bianca Vizepräsident im Kirchenrat vom Kanton Zürich. Danach zieht er mit seiner Frau, Spitalseelsorgerin Katharina Hoby (64), nach Schaffhausen. Und dann? «Ich möchte den grossen Töffführerschein machen», sagt er. Als Freelance-Pfarrer will er Menschen bei der Sinnfindung und Organisationen bei der Kulturentwicklung begleiten – und sich den Themen Rituale, Ethik und Spiritualität widmen. «Vielleicht entsteht daraus sogar eine Bewegung. Wie ein Club mit Menschen, die christliche Werte leben und gemeinsam die coolsten Feiern planen.»
Die Abschiedsfeier für Andrea Bianca beginnt am Sonntag, 15. März, ab 16.30 Uhr in der reformierten Kirche Küsnacht. Anmeldung über www.rkk.ch.