Darum gehts
- Jule X begeistert mit Mundart-Hiphop und originellen Melodien.
- Seine Konzerte enthalten Moshpits ohne Cis-Männer, um alle einzubinden.
- Im Herbst startet eine Schweiz-Tour, im September Reeperbahn-Festival-Auftritt.
Jule X (23) wurde in den letzten drei Jahren zu einer der meistbeachteten Personen des Schweizer Hip-Hop. Seine Hits «Zistig» (mit dem Ausruf «Suffä am nä Zisti») und «Julä Bitte» laufen in urbanen Gebieten genauso rauf und runter wie an Après-Ski-Partys. Sein Geheimnis? Gute Melodien. «Songtexte werden überbewertet», sagt er vor seinem Auftritt am Openair Gampel zu Blick.
«Zuerst ist der Sound, dann der Text.» Hierfür bedient der Stadtberner sich auch etablierter Hit-Melodien wie der von «Daddy Cool» von Boney M. und «Destination Calabria» vom italienischen DJ Alex Gaudino (56). «Natürlich habe ich mich inspirieren lassen und das finde ich auch gut. Aber man muss auch originelle Sachen machen», sagt Jule X.
«Für dein Leben lang so viel Scheissdreck rappen»
Anders war es bei seinem aktuellen Hit «Wohlesee Problem», der im Frühling gemeinsam mit Lorenz Häberli (39) von Lo & Leduc und dem Produzenten Freddy Rochow im Songwriting-Camp der Suisa entstanden ist. «Jetzt habe ich endlich mal einen Song mit Zusammenhang», meint Jule X. «Irgendwie haben wir es hinbekommen, dass die Strophen auch zum Refrain passen. Das Gefühl am Ende war mega geil.»
Trotz des kleineren Fokus auf Texte lässt Jule X auch politische Botschaften in seine Lieder einfliessen. Das habe auch mit der Menge an Inhalten zu tun. «Beim Rap ist es ja nicht wie bei den anderen Genres, wo du eine Zeile so lang ziehst. Du musst ja für dein Leben lang so viel Scheissdreck rappen, da musst du viel sagen», meint Jule X.
Schutzzonen während Auftritten
Aktivistisch wird Jule X bei seinen Konzerten. Dort setzt Jule X auf Schutzzonen: In separaten Moshpits bleiben Cis-Männer draussen, sie sind ausschliesslich für Frauen, trans, inter, nonbinäre und agender Personen. «Ich bekam immer wieder das Feedback, dass die Moshpits mit Cis-Männern für andere unangenehm sein können. ‹Manchmal sind sie extrem grob, total verschwitzte Typen, das regt ein bisschen auf›, hiess es. Und ich finde es schon chillig, wenn sich alle Menschen wohlfühlen bei meinen Gigs. Also haben wir mit dieser Aktion begonnen», erklärt Jule X. Auch beim Gig am Openair Gampel war das nicht anders. Dort unterbrach er seine Musik, als trotzdem Männer im separaten Moshpit zu sehen waren.
Im Februar führte er zudem sein erstes Konzert ohne Cis-Männer im Berner Dachstock durch, angelehnt an die «Nur für Frauen»-Konzerte der deutschen Band K.I.Z.: «Dieser Gig war für alle Beteiligten ein toller Moment. Das will ich unbedingt wieder machen», so Jule X.
«Es ist nicht jeder ein rechtsextremer Idiot, der auf dem Land wohnt»
Im Herbst geht Jule X auf Tournee durch die Schweiz, zuvor steht im September ein Gig am legendären Hamburger Reeperbahn-Festival auf dem Programm. «Der deutsche Markt war eigentlich kein Ziel von mir. Aber es ist bereits das dritte Festival, das wir dort spielen. Die Musik kommt auch da an und bestätigt wahrscheinlich meine These, dass der Text eigentlich egal ist.» Wie viel die Deutschen von seinen Mundart-Raps verstehen, bleibt dahingestellt.
Dass seine Musik auch in ländlicheren Gebieten läuft, findet Luc Julian Peyer, wie Jule X bürgerlich heisst, gut: «Zuerst sah ich meine Musik mehr so im Auto von gleichaltrigen in der Stadt Bern. Das war für mich auch zuerst eine komische Realität, dass meine Titel plötzlich nach Songs der Stubete Gäng gespielt werden. Aber irgendwie ist es auch geil», sagt er. «Es ist nicht jeder ein rechtsextremer Idiot, der auf dem Land wohnt, es gibt auch chillige.»
Er kann von der Musik leben
Jule X setzt jetzt voll auf die Musik. Nach dem Zivildienst hängte er seinen Job an den Nagel und kann heute vom Rap leben. «Ich habe ein bisschen mehr Zeit zu leben, kann mal etwas länger pennen, Musik machen oder ein bisschen Sport treiben.» Nur in der Berner Innenstadt ständig angestarrt zu werden, sei manchmal etwas mühsam. Jule X nimmt es gelassen: «Das Gute überwiegt bis jetzt.»