Darum gehts
- Urs Emmenegger, TV-Pionier und «Karussell»-Mitgründer, starb am 15. Mai
- Er war humanitärer Aktivist, Radiopirat, Musikpromoter und TV-Produzent
- «Karussell» lief 1977–1988 und prägte Schweizer Fernsehen nachhaltig
«Hüt bin ich mal wieder de Flury gsi», habe Urs jeweils gesagt und laut gelacht, erzählt Philipp Flury (81) im Gespräch mit TELE. Umgekehrt hörte er dafür oft: «‹Ah, Sie sind doch dr Herr Emmenegger!› Man hat uns häufig verwechselt damals.»
Mit «damals» meint er die Zeit des legendären «Karussells»; jener Vorabendsendung, die zwar nur von 1977 bis 1988 lief, für viele aber bis heute untrennbar mit dem Schweizer Fernsehen verbunden ist. Urs Emmenegger und Philipp Flury gehörten zu den Mitbegründern und ersten Moderatoren des Formats.
Aus anfänglichen Arbeitskollegen wurden «Seelenverwandte», wie Flury es formuliert. Er benutzt ein Wort, das man kaum noch hört: «Kamerad». Ja, genau das sei der Urs gewesen. «Und ein Draufgänger – im besten Sinne! Hatte er etwas im Kopf, zog er es durch!»
Wie die Eltern, so der Sohn
Was häufig vorkam. «Es wäre einfacher, zu erklären, was Urs Emmenegger nicht gemacht hat in seinem Leben», liest man auf seiner Homepage. Er selbst reflektierte sich dort mit den Worten: «Manchmal war ich ein arrogantes Arschloch.» Er habe sein Ziel verfolgt, sich nur um Leute gekümmert, die in diesem Moment von Bedeutung waren. Und damit andere verletzt. «Das ist ein Bedauern, das bleibt.»
Die Leidenschaft für die Medienwelt lag bei Emmenegger wohl in den Genen: Seine Mutter, die «liebe Martha», wurde mit ihrer Sex- und Beziehungsrubrik im «Blick» zur nationalen Berühmtheit, Vater Kurt war ebenfalls Journalist.
Nach einem abgebrochenen Geschichtsstudium («Ich musste raus in die Praxis!») ging er mit 22 als humanitärer Aktivist nach Israel und in mehrere afrikanische Länder. «Das warf mich als gut behüteten Schweizer aus der Bahn», schrieb er später über jene Zeit. Er sei damals «internationalisiert» worden, jegliches «Nationalstaat-Denken» war ihm fremd. Zugleich fühlte er sich dadurch ein Stück weit heimatlos, wie er bekannte. «Man könnte es auch bindungsunfähig nennen.»
Nächste Station war England, wo er zu einer Art Radiopirat wurde und das Land daher verlassen musste. Nur um kurz darauf illegal wieder einzureisen. «Highlife pur» nannte er jene Lebensphase.
Emmenegger, der Alleskönner
Zurück in der Schweiz, fasste er als Musikpromoter Fuss und schrieb ab 1971 für die «Schweizer Illustrierte». Wohl wegen seines wilden Lebensstils (so Emmeneggers eigene Einschätzung) flog er dort jedoch rasch wieder raus.
Mitte der 1970er lockte das Fernsehen und die Chance, für den bis dato drögen Vorabend ein Format zu kreieren, das eine Mischung aus Information und Unterhaltung bieten sollte: «Karussell» war pures Infotainment, lange bevor man den Begriff überhaupt kannte.
Diese ungezwungene, neue Art von Fernsehen stiess intern jedoch auf grossen Widerstand. «Kindergarten» wurde die Sendung in den Gängen des Leutschenbachs abschätzig genannt. Philipp Flury schmunzelt: Sie seien halt «frächi Sieche» gewesen. «Wir haben uns über zahlreiche Konventionen hinweggesetzt. Allen voran der Urs!» So war dieser auch einer der Rädelsführer, als die Redaktion sich für ihre zwei Sekretärinnen stark machte.
Er machte sich für Gleichberechtigung stark
«Gleichberechtigung im Team war uns extrem wichtig», erklärt Flury. «Wir fanden unfair, dass die beiden weniger verdienten.» Da man «weiter oben» auf taube Ohren stiess, steuerte kurzerhand jeder einen Teil des eigenen Lohns bei, um dieses Gefälle auszugleichen. Solch forsche Alleingänge waren in der Chefetage natürlich ganz und gar nicht gern gesehen. Trotz dieses einzigartigen Teamgeistes zog es den nach wie vor rastlosen Emmenegger weiter: diesmal nach Australien, wo er zuerst als Taxifahrer und ab 1984 als Moderator und Produzent beim Sender «Channel O» in Sydney arbeitete.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz Ende der 1980er wechselte er quasi die Fronten, lancierte mehrere Lokalfernseh-Stationen (u. a. Züri 1 und RTV) und gründete eine eigene TV-Produktionsfirma.
In jener Zeit sei der Kontakt loser geworden, sagt Philipp Flury. «Wir haben aber regelmässig telefoniert, zweimal engagierte Urs mich auch für Projekte seiner Firma.» Nicht zu vergessen: die «Karussell»-Treffen! Bis heute geht der harte Kern dieser verschworenen Truppe einmal pro Monat gemeinsam essen. «Leider werden wir immer weniger …»
Die Nachricht vom Tod seines langjährigen Weggefährten am 15. Mai sei ein Stich ins Herz gewesen. Wenngleich er natürlich von Emmeneggers grossen gesundheitlichen Problemen wusste. «Gegen aussen wirkte Urs oft etwas hart», meint Philipp Flury abschliessend, «doch er hatte einen sehr weichen Kern, den er im privaten Gespräch durchaus preisgab.»
Dieses Bild zeichnen auch jene Worte, mit denen sich Urs Emmenegger selbst einmal beschrieben hat: «Ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Manche würden es Träumer nennen. Einige Träume waren erfolgreich, andere weniger. Oder um es banal zu sagen: Ich habe versucht, mich gut zu ‹metzgen› und dabei frohen Mutes zu bleiben.»