«Hoffnung kann man lernen»
Zukunftsforscher Andreas Krafft über Zuversicht in Umbruchszeiten

Am 12. Juli ist der Internationale Tag der Hoffnung. Zukunftsforscher und HSG-Dozent Andreas Krafft erstellt jedes Jahr einen Hoffnungsbarometer. Er sagt, wie wir diese Fähigkeit pflegen und was wir aus der Vergangenheit lernen können.
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Viele Wege führen nach oben: Andreas Krafft im «Square», dem luftigen Neubau der Universität St. Gallen.
Foto: Joseph Khakshouri

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Experte Andreas Krafft: Hoffnung wächst in Beziehungen, nicht im Alleingang
  • Schweizer Hoffnungsbarometer: Weniger Hoffnung als in ärmeren Ländern
  • 50 Prozent unserer Gedanken richten sich laut Krafft auf die Zukunft
Lynn Scheurer
Schweizer Illustrierte

Herr Krafft, Sie begegnen jemandem, der von einer Brücke springen will. Was sagen Sie?
Das ist mir noch nie passiert, aber ich habe einen Freund, der gesprungen ist. Von einer Brücke hier in St. Gallen. Auch andere Menschen aus meinem Umfeld begingen Suizid.

Das tut mir leid.
Danke. Ehrlich gesagt, weiss ich nicht, was ich sagen würde. Ich würde wohl versuchen, die ­Person sanft da runterzuholen. In einer solchen Extremsituation gibt es keine richtigen Worte. Aber solange es Leben gibt, kann es auch Hoffnung geben. Sie stirbt sprich- wörtlich zuletzt, aber manchmal stirbt sie tat- sächlich. Und in der Schweiz geschieht es relativ häufig, dass die Hoffnung jemanden komplett verlässt.

Was ist Hoffnung überhaupt?
Hoffnung heisst: Man hat einen tiefen Wunsch, glaubt daran und beschliesst zu handeln. Man wagt etwas und vertraut dabei. Gleichzeitig bleibt man realistisch. Hoffnung ist nicht dasselbe wie blinder Optimismus, der sagt: Keine Sorge, alles wird gut, wird schon klappen.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Waren frühere Generationen hoffnungsvoller als wir?
Nicht grundsätzlich – es gibt Zyklen. Hoffnung ist immer dann besonders relevant, wenn es uns nicht gut geht. Wer im Krieg ist, hofft auf Frieden. Wer krank ist, hofft auf Gesundheit. Wer auswandert, hofft auf ein besseres Leben. Wir erstellen jedes Jahr ein Hoffnungsbarometer. Dafür befragen wir etwa 10000 Personen in 15 bis 20 Ländern. Und stellen immer wieder fest: Die Schweizerinnen und Schweizer haben weniger Hoffnung als Menschen in ärmeren Ländern.

Weil es uns zu gut geht?
Es geht auch um die Frage, worauf man eigentlich hofft. Manchmal scheint es, als hätten wir das Hoffen verlernt. Grundsätzlich würde ich sagen: Menschen wünschen sich ein besseres Leben für sich und für ihre Kinder.

Klingt einleuchtend.
Jetzt gibt es aber einen Widerspruch. Die materiellen Ziele, die vor allem meine Generation hegte, haben wir inzwischen erreicht. Worauf sollen wir nun als Nächstes hoffen? Was wünschen wir uns als Gesellschaft?

Was sagt Ihr Hoffnungsbarometer dazu?
Die Menschen hier wollen ihren Wohlstand bewahren. Gleichzeitig wünschen sie sich Frieden, Nachhaltigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Gesundheit. Doch gerade bei Themen wie dem Klimawandel fehlt vielen die Perspektive, ihre Hoffnung in die Tat umzusetzen und zu glauben, dass es gelingt.

Warum?
Man denkt: Ich schaff das nicht allein. Gleichzeitig traut man der Politik und anderen Institutionen das auch nicht zu.

Wieso geben uns Politikerinnen und Politiker nicht mehr Hoffnung?
Weil sie selbst nicht wissen, wie sie diese grossen Probleme lösen sollen. Wir sind gerade in einer historischen Umbruchsituation. Einerseits haben wir Angst zu verlieren, was wir errungen haben. Andererseits erkennen wir, dass wir vor komplett neuartigen Herausforderungen stehen. Die Folge? Man setzt auf Altbewährtes. Wir holen die Atomkraft wieder hervor, statt dieses Geld in Alternativen zu investieren.

Wir wissen halt, dass die Atomkraft in der Vergangenheit meist funktioniert hat.
Stimmt. Aber aus der Zukunftsforschung wissen wir eins ganz bestimmt: Die Zukunft wird anders sein als die Gegenwart und die Vergangenheit.

Persönlich

Andreas Krafft, 59, wuchs in Buenos Aires auf, wo er BWL studierte. Er ist Dozent an der Uni St. Gallen und leitet seit über zehn Jahren die Hoffnungsbarometer-Umfragen. Er hat mehrere wissenschaftliche Artikel und Bücher zum Thema Hoffnung und Zukunft veröffentlicht. Krafft lebt mit seiner Frau in Speicher AR und Goms VS und hat zwei erwachsene Kinder.

Andreas Krafft, 59, wuchs in Buenos Aires auf, wo er BWL studierte. Er ist Dozent an der Uni St. Gallen und leitet seit über zehn Jahren die Hoffnungsbarometer-Umfragen. Er hat mehrere wissenschaftliche Artikel und Bücher zum Thema Hoffnung und Zukunft veröffentlicht. Krafft lebt mit seiner Frau in Speicher AR und Goms VS und hat zwei erwachsene Kinder.

Irgendwie mühsam, diese ständige Veränderung.
Sie bringt Unsicherheit. In der Schweiz leben wir seit zwei, drei Generationen in einer sehr sicheren Gesellschaft. Ich bin in Argentinien aufgewachsen, wo Unsicherheit alltäglich ist. Wir hatten eine Militärregierung, viele Präsidenten und Jahre mit 5000 Prozent Inflation. Man lernt, das zu akzeptieren, und schöpft aus der Veränderung auch Hoffnung. Denn was würde geschehen, wenn wir nicht mehr hoffen würden? Und Auswege aus einer Krise hat es meistens gegeben.

Doch wie können wir das in der Schweiz lernen? Sollen wir einen Krieg anzetteln?
Natürlich nicht. Aber es lohnt sich, zu überlegen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Was wünschen wir uns von Herzen? Was könnten wir in 20, 30 Jahren verwirklichen? Es macht viel aus, wie wir nach vorne blicken. Mehr als 50 Prozent unserer Gedanken sind in die Zukunft orientiert. Für Schweizer ist Zukunft eine Bedrohung. Für viele andere ist sie ein Versprechen.

Der kanadische Schriftsteller Ian Reid schrieb: «Alle Tiere leben in der Gegenwart, ausser der Mensch. Darum hat er die Hoffnung erfunden.»
Es ist gut, dass wir nicht nur in der Gegenwart leben. Tiere entwickeln sich ja nicht weiter. Mein Hund war genau so ein Hund wie vor 100 Jahren. Menschen kennen als einzige Gattung den Fortschritt. In den letzten 600 Jahren haben wir extrem viele positive Entwicklungen erlebt. Heute werden keine Hexen mehr verbrannt, und wir kamen vom Aberglauben zum Wissen.

Man kann auch sagen: Die Menschen bekriegen sich genauso wie früher. Wieso sollte das je besser werden?
Der Philosoph Immanuel Kant hat sinngemäss gesagt: Wir Menschen haben die Neigung zum Bösen, aber die Bestimmung zum Guten. Kriege lösen in uns Empörung und Wut aus. Was mit anderen geschieht, ist uns nicht egal. Je mehr Menschen so empfinden, desto eher können wir Schwierigkeiten gemeinsam überwinden.

Also ist Hoffnung ansteckend?
Mehr als das. Sie gedeiht vor allem in der Beziehung. Zwar kann man auch allein im stillen Kämmerlein ein bisschen hoffen, aber diese Hoffnung ist labil. Neurologisch und entwicklungspsychologisch kann man aufzeigen, dass Hoffnung erst in der Beziehung zu anderen richtig wächst.

Warum ist das so?
Wer hofft, möchte handeln. Gleichzeitig erkennen wir dabei unsere Grenzen und merken: Ich brauche die anderen, um etwas zu erreichen.

Ist Angst das Gegenteil von Hoffnung?
Nein, Angst ist die andere Seite der Medaille. Sie gehört zum Hoffen dazu. Das Gegenteil von Hoffnung ist einerseits die Verzweiflung und andererseits die Gleichgültigkeit.

Was kann man im Alltag tun, um hoffnungsvoll zu bleiben?
Zuallererst dürfen wir unsere Wünsche hochhalten und nicht gleich aufgeben. In der Vergangenheit ist vieles gelungen, worauf wir stolz oder wofür dankbar sein können. Das gibt uns Kraft. Zudem sollten wir uns mit Menschen verbinden, die uns ermutigen und unterstützen. Einsamkeit ist der grösste Hoffnungskiller.

«In der Schweiz geschieht es relativ häufig, dass die Hoffnung jemanden komplett verlässt», beobachtet Andreas Krafft.
Foto: Joseph Khakshouri

Kann man Hoffnung lernen?
Ja, es ist eine Fähigkeit. Es kommt darauf an, sich etwas zuzutrauen und Enttäuschungen zu überwinden.

Wer ist hoffnungsvoller: ein Kind oder ein alter Mensch?
Statistisch gesehen wächst die Hoffnung mit dem Alter. In jungen Jahren ist jede Krise eine Katastrophe – weil wir sie zum ersten Mal erleben. Der erste Liebeskummer zum Beispiel. Je älter wir sind, desto mehr Krisen haben wir kennen und meist auch meistern gelernt.

Apropos Krisen: Durch die Medien hat man den Eindruck, die Welt bestehe nur aus Mord und Totschlag.
Ja, und wir Menschen haben den sogenannten Negativitätsbias. Unsere Aufmerksamkeit geht automatisch auf das Negative. Die Medien nutzen das, aber manchmal übertreiben sie es. Deshalb brauchen wir auch konstruktiven Journalismus. Geschichten von Menschen, die ein Problem angegangen sind und andere inspirieren können.

Werden Sie als Experte für sogenannte Positive Psychologie manchmal belächelt?
Klar, von klassischen klinischen Psychologen. Ich verstehe das. Sie haben gelernt, dass alles ein Trauma oder irgendwie schlimm ist. Da liegt die Kraft der Hoffnung nicht so nahe.

Der technische Fortschritt gab den Menschen immer wieder Hoffnung. Gilt das auch für die künstliche Intelligenz?
Wie alle neuen Technologien weckt sie Ängste und Hoffnungen. Sie kann uns auf jeden Fall viel mühsame Arbeit abnehmen. Die Wissenschaft verbessert sie schon jetzt.

Inwiefern?
Wer nicht auf Englisch publiziert, war vom wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen. Nun können alle in ihrer Sprache schreiben und dank automatischer Übersetzung zur Forschung beitragen.

«In Argentinien war die Unsicherheit alltäglich», sagt Andreas Krafft, der in Buenos Aires aufwuchs. «Aber daraus kann man Hoffnung schöpfen.»
Foto: Joseph Khakshouri

Geben Sie uns zum Schluss noch ein wenig Hoffnung mit auf den Weg?
Gerne (lacht). Denken wir zurück an das Jahr 1926. Vor 100 Jahren gab es in der Schweiz eine Hungersnot, viele wanderten aus nach Amerika und Lateinamerika – unter ihnen auch die Grossmutter meiner Frau. Wer hätte sich damals vorstellen können, in welchem Wohlstand und Reichtum die Schweiz 50 Jahre später sein würde?

Wohl kaum jemand.
Genau. Und so ist es heute im Jahr 2026 auch fast undenkbar, in welcher Nachhaltigkeit, in welchem Frieden und in welcher Harmonie wir in 50 Jahre leben werden können. Die Geschichte zeigt: Es gibt Grund zur Hoffnung.

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