Dokumentarfilmer Christian Frei
«Ich bin unbescheiden stolz»

Der Solothurner Dokumentarfilmer Christian Frei liebt das Komplexe: In «Blame» zeigt er drei Forschende, die das Coronavirus freigesetzt haben sollen. Ein Lehrstück über Wissenschaft im Strudel von Politik und Beschuldigung.
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Seit über 20 Jahren hat Dok-Filmer Christian Frei eine Wohnung in Zürich-West – oft aber ist er beruflich monatelang gar nicht zu Hause.
Foto: Ellin Anderegg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Christian Frei (66) präsentiert «Blame» über Corona-Forschung und Schulddebatten
  • Gedreht unter Radar von China und USA, politische Brisanz
  • «War Photographer» brachte 2002 Oscar-Nominierung, bislang einziger Schweizer Erfolg
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Vanessa Nyfeler
Schweizer Illustrierte

Rastlos wirkt Christian Frei (66) nicht. Doch in Bewegung ist er ständig. Der Koffer steht griffbereit neben dem Esstisch in seinem Loft in Zürich-West. Eben ist der Filmfest-Juror von Ungarn zurückgekehrt, morgen beginnt die Promotour für seinen neuen Film durch Deutschland. «Ich lebe eigentlich aus dem Koffer.»

Der erfolgreiche Dok-Filmer ist von Neugier getrieben, Beharrlichkeit bringt ihn ans Ziel: in Kriegsgebiete, an Orte von politischen Umbrüchen, in Labore und Machtzentren. «Es gibt nichts Schöneres als diesen Beruf.» Zu Hause erzählen die Wände. Zwischen Bücherstapeln und Filmplakaten ein Wandtattoo von Anousheh Ansari, Protagonistin seines vielfach prämierten Films «Space Tourists» (2008), in dem er den Traum wohlhabender Zivilisten vom Flug ins All begleitet. Daneben ein Ehrendoktor-Diplom und Filmpreise. «Das ist nur ein Bruchteil.» Viele Auszeichnungen lagern im Archiv. Vergessen sind sie nicht. Er spricht spürbar erfreut von ihnen. Frei denkt laut, wechselt zwischendurch ganz selbstverständlich ins Englische. Seine Gedanken springen nach Kuba, zu Mammut-Stosszahnjägern in Sibirien, ins Weltall und landen immer wieder bei Menschen, die ihn bewegen. Privates bleibt dabei meist ausgespart.

Seinen internationalen Durchbruch erzielte er mit «War Photographer». 2002 erhielt er dafür als bislang einziger Schweizer eine Oscar-Nominierung in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm». An die Oscar-Verleihung erinnert er sich bis heute, besonders an den Moment, als er während der langen Show Durst be-kam und die Bar im Foyer des Kodak Theatre geschlossen war. Mit Nicole Kidman machte er sich auf die Suche nach Wasser. «Eine schöne, surreale Erfahrung, mit so einem Star einfach loszuziehen.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Die Suche nach Schuldigen

Mit «Blame» bringt Christian Frei nun sein jüngstes Projekt in die Kinos. Im Mittelpunkt drei renommierte, als umstritten geltende Forschende: die Virologin Zhengli Shi vom Wuhan Institute of Virology, der Virologe Linfa Wang und der Zoologe Peter Daszak. Seit den frühen 2000er-Jahren untersuchen sie Coronaviren aus Fledermäusen und warnten nach dem SARS-Ausbruch 2003 wiederholt vor weiteren Pandemien, ausgelöst durch die Übertragung vom Tier auf den Menschen.Als 2020 Covid die Welt lahmlegte, suchte die Öffentlichkeit nach Schuldigen. Weil Shi zu Fledermaus-Coronaviren forschte, Wang Experte für zoonotische Viren eng mit ihr zusammenarbeitete und Daszaks Organisation entsprechende Projekte mitfinanzierte, rückten alle drei ins Zentrum einer fiebrigen Debatte. Kritiker spekulierten, das Virus könnte im Labor entstanden oder versehentlich freigesetzt worden sein. Während die meisten Fachleute von einem natürlichen Ursprung ausgehen, wird die Labor-Leak-Hypothese von US-Präsident Donald Trump befeuert.

Mut zur Perspektive

Frei wird durch einen Artikel früh auf die drei Forschenden aufmerksam. Er sucht den Kontakt, führt erste Zoom-Gespräche und bleibt hartnäckig. Gedreht wird unter dem Radar der chinesischen und der US-amerikanischen Regierung. «Das sind heikle politische Themen. Ich habe dem chinesischen Drachen regelrecht auf der Nase herumgetanzt.» Mehr dazu wolle er erst in seinen Memoiren erzählen …

Den drei Wissenschaftlern viel Raum zu geben, sei mutig gewesen, sagt er. «Es ist einfacher, Zweifel zu schüren, als Verantwortung für eine Haltung zu übernehmen.» Doch er lässt jene sprechen, auf die alle zeigen. Dass «Blame» ein Jahr nach Fertigstellung aktueller wirkt denn je, überrascht ihn nicht. «Wir leben in einer Zeit, in der Narrative wichtiger sind als Fakten.» Die Dokumentation gilt als Plädoyer für wissenschaftliche Sorgfalt und als Warnung vor der Verführung durch einfache Erklärungen. Zum Zustand der Welt hat er viele Gedanken. Für sich selbst zwei Wünsche. Einerseits eine Liebesbeziehung – eine langjährige Partnerschaft ist kürzlich zu Ende gegangen. Andererseits möchte er weitere Filme produzieren, die Bestand haben. Werke, die man auch in 20 Jahren noch schaut. Das sei ihm bislang gelungen: «Ich bin unbescheiden stolz darauf, dass meine Filme gut altern.»

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