Darum gehts
- Oscars 2026 finden am 15. März in Los Angeles statt
- Schweizer Castingdirektorin Corinna Glaus erstmals Teil der Oscar-Jury
- 10'500 Filmschaffende bestimmen Gewinner, erstmals Oscar für bestes Casting
«And the Oscar goes to …» – Wenn am Montagmorgen (Schweizer Zeit) im Dolby Theatre in Los Angeles dieser legendäre Satz fällt, blickt die Filmwelt gebannt auf die Bühne. Bereits zum 98. Mal werden die begehrten Goldmännchen verliehen – vergeben von einer weltweiten Jury aus rund 10'500 Filmschaffenden. Inmitten dieses exklusiven Kreises entscheidet auch eine Schweizerin über Triumph und Tränen: Corinna Glaus (69). Die Zürcherin gilt als die profilierteste Casterin des Landes («Die göttliche Ordnung», «Platzspitzbaby»); zuletzt verantwortete sie etwa das Casting von Petra Volpes «Heldin».
Für Glaus steht diese Saison unter einem ganz besonderen Stern: Zum ersten Mal vergibt die Academy 2026 einen Oscar für das beste Casting. Ein historischer Moment für eine Kunstform, die oft hinter den Kulissen bleibt, aber für den Erfolg eines Films entscheidend ist. «Die Darstellerinnen und Darsteller sind die, die uns für eine Geschichte abholen», sagt Glaus. «Wenn jemand einen kaltlässt, kann die Story noch so gut sein – man steigt nicht ein.» Casting bedeute nicht, einzelne grosse Namen zu besetzen, «sondern ein Ensemble zu komponieren, das bis in die kleinste Nebenrolle eine glaubhafte Welt erschafft». Der Schweizer Illustrierten verrät Glaus, wer dieses Jahr ihre Favoritinnen und Favoriten für einen Oscar sind.
Beste Hauptdarstellerin
«Bei den Hauptdarstellerinnen sind mehrere Leistungen dieses Jahr sehr stark. Am überragendsten ist für mich aber Rose Byrne. Was die 46-Jährige in ‹If I Had Legs I’d Kick You› macht, hat mich sehr berührt. Sie spielt eine Frau, die permanent am Rand des Zusammenbruchs steht und trotzdem nie in die Opferrolle kippt. Sie ist nicht weinerlich, sondern kämpft gegen alles an, was auf sie einprasselt. Genau das macht die Figur so stark. Gleichzeitig hat Rose Byrne eine Frische und einen Humor, die die Rolle tragen. Ich finde, sie spielt das ausserordentlich überzeugend und mit einer Klarheit, die man selten sieht.»
Bester Hauptdarsteller
«Ethan Hawke in ‹Blue Moon› hat mich sehr beeindruckt, ebenso Timothée Chalamet in ‹Marty Supreme›. Aber mein Tipp geht an Leonardo DiCaprio in ‹One Battle After Another›. Der 51-Jährige spielt einen Mann, der eigentlich schon am Ende ist – erschöpft, desillusioniert, ohne Perspektive. Doch trotzdem mobilisiert er alles, als seine Tochter in Gefahr gerät. Gerade dieser Widerspruch macht seine Figur so stark: kein klassischer Held, sondern ein gebrochener Mann, der trotzdem weiterkämpft. DiCaprio zeigt hier eine enorme Tiefe und Verletzlichkeit. Er trägt den Film emotional – selbst in Momenten, in denen die Handlung eskaliert, bleibt man ganz nah bei ihm.»
Beste Nebendarstellerin
«In dieser Kategorie überzeugte mich vor allem Wunmi Mosaku in ‹Sinners›. Der Film führt uns zurück ins Mississippi-Delta der 1930er-Jahre, wo zwei Zwillingsbrüder auf eine bedrohliche Welt treffen. Mosaku spielt eine Heilerin und ist der eigentliche Anker der Erzählung. Was mich beeindruckt, ist ihre enorme Präsenz: Sie agiert völlig ohne Effekthascherei. Ihre Figur wirkt nicht wie ein Element aus einem Fantasy-Genre, sondern wie eine Frau, deren Wissen vollkommen im Alltag verwurzelt ist. Genau diese Authentizität ist es, die uns als Zuschauer sicher durch die düstere Geschichte leitet. Es ist eine meisterhafte, stille Performance, die den Film im Innersten zusammenhält.»
Bester Nebendarsteller
«Sean Penns Darstellung in ‹One Battle After Another› vergisst man nicht mehr. Er verkörpert darin den militärischen Gegenspieler, der wie ein dunkler, unerbittlicher Motor im Hintergrund läuft. Penn zeichnet dabei keine plumpe Karikatur, sondern eine Figur, die psychologisch lesbar bleibt. In seiner Haltung und Mimik spürt man: Da ist nicht nur Machtgier, sondern eine Biografie, die ihn an diesen Punkt getrieben hat. Er spielt keinen klischeehaften Bösewicht, sondern einen Antagonisten auf Augenhöhe. Gerade weil Leonardo DiCaprio als Hauptfigur so zerbrechlich wirkt, braucht es ein Gegenüber mit dieser Wucht.»
Bestes Casting
«Am meisten begeistert hat mich Jennifer Venditti für ‹Marty Supreme›. Die Mischung aus Stars und neuen Gesichtern funktioniert hier besonders gut. Ein Ensemble muss wie ein Orchester funktionieren, in dem jede Stimme die andere stützt. Venditti hat hier Mut bewiesen und Besetzungen gewagt, die nicht offensichtlich waren, sich im Film aber richtig anfühlen. Wenn Casting gelingt, merkt das Publikum es oft gar nicht bewusst – aber die Welt, die da gezeigt wird, wirkt plötzlich stimmig. Das ist die hohe Kunst unseres Berufes: eine Gemeinschaft zu erschaffen, die man für die Dauer des Films nie infrage stellt.»
Beste Regie
«Die Regie-Kategorie gleicht dieses Jahr einem faszinierenden Duell der Erzählweisen. Am stärksten ist für mich aber Chloé Zhao mit ‹Hamnet›. Sie verwandelt den historischen Stoff nicht in einen starren Museumsfilm. Im Zentrum stehen Shakespeare und Agnes, gezeichnet vom Schmerz über den Verlust ihres Sohnes. Zhao schenkt ihren Darstellerinnen und Darstellern enorm viel Raum und führt sie aber gleichzeitig sehr präzise. Für mich ist das ein schöner Schauspielerfilm. Und ich glaube wirklich, dass es ihr Verdienst ist, dass dieser Film so stark ist und so gut funktioniert.»
Bester Film
«Es gibt dieses Jahr mehrere Filme, die absolut preiswürdig sind. ‹Marty Supreme› etwa ist eine klassische, mitreissende Geschichte: Ein Getriebener, hungrig und verbissen, der sich im rasanten Tempo in der Pingpong-Welt nach oben spielt. Der 30-jährige Timothée Chalamet trägt diesen Film unglaublich gut. Doch wenn ich alles nebeneinanderstelle, ragt für mich ‹One Battle After Another› mit Leonardo DiCaprio und Sean Penn heraus. Er ist nicht nur inszenatorisch spektakulär, sondern greift tief in unsere Gegenwart: politische Paranoia, Radikalisierung und im Kern eine Vater-Tochter-Geschichte, die einen emotional festhält. Das ist nicht bloss ein Thriller, den man konsumiert. Das ist ein Werk, das im Kopf lange weiterarbeitet.»