Darum gehts
- Gardi Hutter (73) tourt mit «gardiZERO» durch die Schweiz
- Sie erforscht auf leerer Bühne Kreativität aus dem Nichts
- Seit den 70ern spürt sie gesellschaftlichen Wandel und zunehmenden Frauenhass
Geschickt klettert Gardi Hutter (73) auf einen Baum im Zürcher Irchelpark. Verspielt und aufgeweckt ist sie auch im Gespräch. Die Clownin ist wieder auf Tour. Mit «gardiZERO» zeigt sie dem Publikum eine andere Seite von sich: Ohne dicken Bauch und auf einer leeren Bühne erforscht sie, wie aus dem Nichts etwas entstehen kann. Doch beginnen wir mit dem Konkreten.
Gardi Hutter, gibt es ein Ritual, das Sie glücklich macht?
Gardi Hutter: Ich wache jeden Morgen ohne Wecker auf. Herrlich. Dann mache ich mir einen feinen Grüntee und sitze eine Stunde lang im Bett.
Warum denn so lange?
Verlangsamung, Beruhigung. Ich schaue nicht aufs Handy, schalte nicht das Radio an. Ich spüre, welche Themen und Gefühle sich mir aufdrängen. Nur kontemplativ, quasi im Stand-by.
Und was empfehlen Sie denen, die dafür keine Zeit haben?
Im Zweifelsfall früher aufstehen.
Echt?
Mir hilft diese Stunde sehr. Mein Künstlerleben schwankt von Extrem zu Extrem. Entweder stehe ich als Komödiantin im Zentrum und werde beklatscht – oder ich bin alleine, und es ist ganz still. Das muss ich aushalten können.
Können wir das überhaupt noch, Stille aushalten?
Heute erlebe ich in zwei Wochen so viel wie früher in einem halben Jahr. Da komme ich gar nicht mehr hinterher mit Verarbeiten. Wir sollten alle etwas öfter versuchen, zur Ruhe zu kommen.
Was, wenn ich nur auf den Malediven zur Ruhe komme?
Man verwechselt manchmal Konsum mit Glück. Es stimmt nicht, dass man dies und jenes braucht, um sich entspannen zu können. Eigentlich braucht man gar nichts.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
Wir werden jeden Tag mit schlechten Nachrichten aus der ganzen Welt konfrontiert. Da ist es doch verständlich, wenn man in den Ferien nach Glücksmomenten sucht.
Ich habe das Gefühl, Stille ist Glück. Unsere ganze Gesellschaft tendiert zu ADHS. Wir wollen möglichst viel erleben und das dann auch noch alles festhalten und mit anderen teilen. Früher sass man auf dem Bänkli vor dem Haus. Wo sind diese Orte heute? Wer schaut im Tram einfach aus dem Fenster statt aufs Handy?
Manchmal braucht man Zerstreuung.
Ich weiss. Auch ich habe Suchtpotenzial: Solitär, Serien, Sudoku – wenn ich erschöpft bin, kann ich gar nicht mehr damit aufhören.
Kriege, Naturkatastrophen und Tragödien wie in Crans-Montana. Muss man das alles verdrängen, um glücklich zu sein?
Wenn ich über die Welt nachdenke, werde ich pessimistisch. Dann haben wir keine Chance als Menschheit. Wir gehen im Krieg oder in Naturkatastrophen unter. Wir konsumieren mehr, als die Natur hergibt. Das wissen wir. Und machen trotzdem weiter.
Wie also damit umgehen?
Es hilft niemandem, wenn man darüber depressiv wird. Die einzige Möglichkeit ist eine Trotz-allem-Haltung. Obwohl weltweit verrückte Gockel an der Macht sind und Überheblichkeit und Dummheit vieles zerstören, steht hier auf dem Tisch eine schöne Tulpe. Man muss sich an den kleinen Dingen freuen.
Ist das nicht banal?
Man ändert die Welt nicht damit, es ist nur ein Trost. Aber ich denke, es ist dennoch besser, wenn einem wohl ist, als wenn man sich von der Weltlage lähmen lässt. Also lachen – trotz allem.
Finden Menschen auf der ganzen Welt dasselbe lustig?
Bei mir lacht das Publikum an den gleichen Stellen – egal, in welchem Land ich bin. Es ist nur die Sprache, die uns unterscheidet. Weil ich nicht rede, kann ich in China und in Brasilien spielen. Alle Menschen lachen gleich schön.
Wer lacht am lautesten?
Die Lateinamerikaner. Die Asiaten lachen stiller. Lustigerweise sind die Deutschen das Lieblingspublikum vieler Komödianten.
Warum?
Vielleicht, weil sie im Leben ernsthaft sind. Deshalb geniessen sie es, wenn der Damm bricht und sie einfach loslachen.
Wie bringt man jemanden zum Lachen?
Beruflich muss ich viel dafür tun. Und am Schluss darf es auf keinen Fall nach Arbeit aussehen, sondern muss ganz leicht wirken.
Ist Religion lustig?
Ich bin sehr katholisch aufgewachsen. Das Katholische hat etwas Theatralisches. Als Clown kehre ich es einfach um, vom Sakralen zum Profanen. Religion, Theater, Philosophie – das sind alles Versuche, dem Leben einen Sinn zu geben.
Wozu sind wir überhaupt auf dieser Erde? Was soll das alles?
Ja – eben (lacht). Das wissen wir nicht. Wir haben eine Lebensspanne von 100 Jahren, wenns gut kommt. Was war davor, was kommt danach? In meinem neuen Stück geht es um diese Leere.
Inwiefern?
Ich liefere mich der Leere aus. Bisher waren meine Figuren eine Wäscherin oder Schneiderin, also konkret und erdig. Jetzt ist sie eher ein Luftwesen, das auf leerer Bühne spielt, sich immer wieder neu erfindet. Es ist ein Spiel im Spiel im Spiel.
Ostern ist das Fest der Auferstehung. Glauben Sie an die Wiedergeburt?
Jeder Frühling ist eine Auferstehung. Die Religion kopiert die Natur. Nach dem Tod werde ich wieder Teil eines Ganzen, und irgendwann formt sich wieder etwas. Dass das dann wieder eine Gardi ist, glaube ich aber nicht(lacht).
Auf der Bühne sind Sie schon oft gestorben …
… ich bin Profi fürs fröhliche Sterben!
Was fühlen Sie, wenn Sie an den eigenen Tod denken?
Ich hoffe auf einen leichten Tod. Aber ich fürchte mich nicht davor. Ich glaube, das hat mit Entspannung zu tun. Lachen im Angesicht des Todes. Die ganze Lachkultur kommt ja aus der Sterbekultur.
Wie meinen Sie das?
Lachen ist eine kulturelle Errungenschaft. Das haben wir Menschen erfunden. Wir können den Tod nicht überwinden, aber wir können über ihn lachen. An Fastnacht wird der Winterdämon verjagt, also der Tod.
Wer lacht, der fürchtet sich nicht?
Das gilt nicht nur für den Tod, sondern auch für andere Ängste. Die Angst zu scheitern. Nicht die Beste, Schönste oder Klügste zu sein. Wir werden im Leben scheitern. Und es hilft, darüber zu lachen, dass wir nicht ideal sind, dass wir kein Held, keine Heldin sind. Sondern ziemlich beschränkt.
Sie sind jetzt 73. Wie hat sich unsere Gesellschaft seit Ihrer Kindheit verändert?
In den 1970er- und 1980er-Jahren spürten wir alle den Aufbruch. Man dachte, die Welt wird immer besser. Heute hingegen stehen die Zeichen auf Abbruch. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Demokratie je wieder so bedroht ist wie jetzt. Dass sich wieder so ein Frauenhass formiert wie jetzt. Man fragt sich heute eher: Kommen wir überhaupt noch davon? Wird es unseren Kindern schlechter gehen als uns?
Ist die Gesellschaft gespaltener als früher?
Es sollte mehr über Konflikte geredet werden! Viel gefährlicher als eine hitzige Auseinandersetzung ist doch, wenn man gar nichts mehr miteinander zu tun hat. Wenn jeder in seiner Bubble lebt und mit niemandem redet, der anderer Meinung ist. Mir machen Konflikte keine Angst. Auf der Bühne geht es gar nicht ohne. Ein Theater, ein Leben voller Harmonie wäre langweilig.
Was ist lustig am Älterwerden?
Oh, ich bin so viel entspannter! Die Pflicht ist erledigt, jetzt kommt die Kür. Mit 30 und 40 musste ich mir ein Publikum aufbauen, mich beweisen. Das ist jetzt vorbei. Das neue Stück mache ich nur, weil ich Lust dazu habe.
Wie fühlen Sie sich, wenn das Publikum lacht?
Ich darf nicht mitlachen, sondern bleibe in meiner Figur als Clown todernst. Trotzdem ist es so ansteckend, dass auch ich mich danach fühle, als hätte ich den ganzen Abend lang gelacht. Es ist so einfach zu lachen. Es ist ja das Gleiche wie weinen, nur auf lustig.
Wie meinen Sie das?
Körperlich passiert dasselbe: Es schüttelt dich, du hast Tränen in den Augen, es putzt dich so richtig durch. Wir brauchen beide Gefässe, das Lachen und das Weinen, um mit dem Leben klarzukommen.
Was war die glücklichste Zeit in Ihrem Leben?
Das ist ja das Schöne: Es geht mir von Jahr zu Jahr besser.