Darum gehts
- Bertrand Piccard äussert sich im Blick-Interview über seine Grenzen und Ängste
- Wie alt er werden will, weiss er nicht. Doch die Gesundheit muss stabil bleiben
- Piccard will noch 2026 ein neues Buch herausbringen. Es wäre sein siebtes
Bis zum 1. Februar läuft in Château-d’Œx VD das weltweit bekannte Ballonfestival. Immer aktiv mit dabei ist der preisgekrönte Entdecker, Umwelt-Pionier und Pilot Bertrand Piccard (67). Blick trifft ihn zum Interview nach seinem Flug vom Festivalgelände nach Greyerz.
Blick: Auf einer Skala von 1 bis 10, wie gut war Ihre Ballonfahrt heute?
Bertrand Piccard: Es wäre eine 10 gewesen, wenn ich das Ziel mit dem Marker am Schloss Greyerz nach einem über zweistündigen Flug nicht um 20 Meter verfehlt hätte. Aber alles andere war perfekt. Die Herausforderung ist immer, das Ziel zu erreichen und einen perfekten Flug zu machen. Aber auch die Philosophie ist Teil der Kunst des Fliegens. Man ändert die Höhe und dadurch die Richtung. Und im Leben ist es genauso. Wir sind sehr oft Gefangene der Winde des Lebens. Gefangene unserer Ängste, unserer Probleme, politischer Entscheidungen oder wirtschaftlicher Krisen. Alles ist unvorhersehbar. Wenn wir immer auf die gleiche Weise denken, sind wir Gefangene der Situation. Wenn wir jedoch unsere Sichtweise ändern, wird unser Leben eine andere Richtung einschlagen. Wir werden es anders verstehen. Für mich ist das Leben wie eine grosse Ballonfahrt.
Letzten Herbst erschien der Film «The Balloonists» über Sie, der auch am ZFF lief. Und sie sitzen offenbar an einem neuen Buch...
Richtig, es handelt von der Lage der Welt und wie man darauf reagieren sollte. Es wird voraussichtlich im September 2026 veröffentlicht, mein siebtes Buch. Die Welt von heute ist auf einem heiklen Weg. Es gibt so viele Menschen, die narzisstisch, paranoid oder psychopathisch sind, dazu gehören auch politische Leader. Das ist beängstigend. Wenn wir tatenlos zusehen, kann es wie im Zweiten Weltkrieg enden. Deshalb müssen wir reagieren. Einstein hat gesagt: «Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.» Wir tragen alle eine grosse Verantwortung.
Lassen Sie uns über Energie sprechen. Sie sind 67 und sehen aus wie 40. Woher nehmen Sie Ihre Kraft?
Vermutlich aus meiner Leidenschaft, Dinge besser zu machen, als sie sind. Ich glaube, ich bin mit Neugierde erzogen worden, denn ohne Neugierde probiert man nichts Neues aus. Mit Ausdauer, denn ohne Ausdauer hat man keinen Erfolg bei den neuen Dingen, die man ausprobiert. Und mit Respekt, denn ohne Respekt hat der Erfolg keinen Wert. Ich habe meine Kindheit mit Menschen verbracht, die das Unmögliche möglich machten. Die Astronauten aus dem früheren US-Raumfahrtprogramm kamen zu uns nach Hause, um meinen Vater zu treffen. Und ich war dabei. Ich durfte Taucher, Umweltschützer und Bergsteiger kennenlernen. Das hat mich inspiriert. Ich habe Menschen gesehen, die Dinge getan haben, die noch nie zuvor getan worden waren. Und ich dachte, das sei die normale Art zu leben. Ich finde, es ist falsch, zu sagen, dass etwas unmöglich ist, bevor wir es versucht haben. Es ist sogar arrogant, zu sagen, dass etwas unmöglich ist. Das Beste ist, es zu versuchen. Das ist es, was mich jung hält. Aber ich habe auch eine sehr enge Beziehung zu dem Kind, das ich früher war. Ich finde es wichtig, durchs Leben zu gehen und das innere Kind an der Hand zu halten. Und jetzt habe ich so viel Glück. Ich bin der Erwachsene geworden, von dem ich als Kind geträumt habe. Als Erster in der grossen Welt etwas zu schaffen, was noch nie jemand geschafft hat. Deshalb glaube ich, dass ich gar kein Recht habe, aufzuhören.
Wie alt möchten Sie werden?
Ich habe keine bestimmte Zahl im Kopf. Solange ich gesund bin, mache ich gerne weiter. Damit aufzuhören wird ein weiteres Abenteuer sein. Eine weitere Sache, die es zu erforschen gilt. Sterben stelle ich mir als eine grosse Entdeckungsreise vor. Man weiss nicht, was auf der anderen Seite ist. Das wird sicher sehr interessant. Es wird eine weitere Ballonfahrt in grösserer Höhe sein.
Gibt es für Sie überhaupt Grenzen?
Grenzen ja, aber keine Einschränkungen. Eine Einschränkung ist eine Grenze, die man sich selbst auferlegt. Und man glaubt, dass man etwas nicht kann, noch bevor man es überhaupt versucht hast.
Gibt es Dinge, vor denen Sie Angst haben?
Bergsteigen. Wenn ich einen Film über Bergsteigen sehe, bekomme ich schwitzige Hände und mein Herz schlägt schneller. Und Tauchen in Höhlen. Das würde mir Angst machen. Und ich würde nicht mit einem Wingsuit von einer Klippe springen. Nicht als Vater von drei Kindern. Aber Fallschirmspringen ist kein Problem. Das gefällt mir. Ich mag diese Momente, in denen man aufwacht. Denn im Leben ist man so oft im Autopilot-Modus. Man macht jeden Tag dasselbe, trifft dieselben Leute etc. Und plötzlich sitzt man in einem Flugzeug, hat 4000 Meter unter sich und die Tür geht auf. Das ist wie ein Weckruf. Aber ich bin kein Draufgänger. Ich mache das nicht, weil es gefährlich ist. Ich mache es, weil es mich aufmerksam und bewusst macht für das, was ich tue.
Wenn Sie über den Klimawandel und andere Umweltprobleme nachdenken, sind Sie dann optimistisch, was das Fortbestehen der Menschheit angeht?
Wissen Sie, es ist genau wie das, was ich über die Veränderung der Höhe gesagt habe. Es gibt eine Höhe, in der wir Menschen weitermachen wie bisher. Oder aber wir ändern die Höhe und nehmen den Einfluss einer anderen Richtung auf. Das bedeutet erneuerbare Energien, Elektroautos, Wärmepumpen, gut isolierte Gebäude, moderne, saubere und effiziente industrielle Prozesse. Ich weiss nicht, welche Richtung die Menschheit einschlagen wird. Vielleicht werden die Menschen aufwachen, ihre Höhe ändern und den Ballast der alten Erzählung abwerfen. Die alte Erzählung, dass Ökologie langweilig und wirtschaftlich rückläufig ist. Wenn man Ökologie so betrachtet, landet man bei Leuten wie Donald Trump. Eine Veränderung der Perspektive bedeutet, dass wir jetzt eine neue Erzählung brauchen. Eine Erzählung, in der es mehr Lösungen als Probleme gibt. In der die Industrie Lösungen anbietet. In der Ökologen diese Lösungen nutzen, anstatt gegen die Industrie zu kämpfen. Und die Industrie Ökologie zum Kern ihres Geschäfts macht, anstatt gegen die Ökologen zu kämpfen. Ich bin weder pessimistisch noch optimistisch. Wenn man pessimistisch ist, tut man nichts, weil man glaubt, dass alles verloren ist. Wenn man optimistisch ist, tut man nichts, weil man glaubt, dass sich alles von selbst regelt. Ich versuche, realistisch zu sein und Lösungen umzusetzen, die nicht von einer Ideologie abhängig und für alle gut sind. Das streben wir übrigens auch mit der Solar Impulse Foundation an.
Sie sind Schirmherr des «Kleinen-Prinz»-Museums in Solothurn. Warum fasziniert diese Geschichte so viele Menschen auf der ganzen Welt?
Ich habe meine ganze Kindheit mit den Büchern von Antoine de Saint-Exupéry verbracht. Ich liebe die Art und Weise, wie er schreibt. Mit Mitgefühl, Respekt und Verantwortung. Wahrscheinlich sind die Menschen so fasziniert vom «Kleinen Prinzen», weil ihr Unterbewusstsein genau weiss, dass wir so leben sollten. Das Problem ist, dass wir nicht so leben. Und es gibt einen grossen Kontrast zwischen dem, was wir unbewusst gerne tun würden, und der Realität. Dieses Paradoxon macht den «Kleinen Prinzen» zu einem Leitstern. Ausserdem war ich mit Museumsgründer Jean-Marc Probst im Kindergarten. Und ich bin meinen Freunden gegenüber immer sehr loyal.
Sie haben in Ihrem Leben unzählige Auszeichnungen erhalten. Welche ist für Sie die wertvollste?
Als meine drei Töchter nach der geglückten Ballonfahrt um die Welt 1999 in meine Arme sprangen, waren sie fünf, sieben und neun Jahre alt. Und sie sagten: «Papa, du hast es geschafft.» Das ist meine schönste Auszeichnung. Natürlich gab es auch andere Auszeichnungen von anderen Menschen, die grossartig sind. Aber diese kommt vor allen anderen. Ich sah meine Töchter auf mich zurennen. Die Älteste kam als Erste an, dann die Zweite, und die Dritte rannte wie verrückt, um die anderen einzuholen (kämpft mit den Tränen).
Was bedeutet Glück für Sie?
Zu verstehen, dass das Leben ein ständiger Lernprozess ist. Das Leben besteht aus Erfahrungen. Wenn man alle Krisen, Fehler und Misserfolge als Chance zum Lernen betrachtet, kann man nur glücklich sein. Wenn man jedoch glaubt, dass Glück nur mit guter Gesundheit und viel Geld zu erreichen ist, kann man bloss enttäuscht werden.
Der gebürtige Lausanner Bertrand Piccard stammt aus einer berühmten Forscherfamilie. Sein Grossvater Auguste Piccard (1884-1962) stieg 1931 als erster Mensch mit einem Ballon in die Stratosphäre auf. Vater Jacques Piccard (1922-2008) wurde als Tiefseetaucher weltbekannt. Piccard selber wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern auf. Er studierte Medizin und spezialisierte sich auf Psychiatrie und Psychotherapie. 1999 gelang ihm mit Brian Jones (78) im «Breitling Orbiter 3» die erste Nonstop-Weltumrundung. 2016 umrundete er mit André Borschberg (73) im Solarflugzeug «Solar Impulse» die Erde. Als Gründer der Solar Impulse Foundation setzt sich Piccard für nachhaltige Energielösungen ein. Er ist verheiratet und Vater dreier Töchter.
Der gebürtige Lausanner Bertrand Piccard stammt aus einer berühmten Forscherfamilie. Sein Grossvater Auguste Piccard (1884-1962) stieg 1931 als erster Mensch mit einem Ballon in die Stratosphäre auf. Vater Jacques Piccard (1922-2008) wurde als Tiefseetaucher weltbekannt. Piccard selber wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern auf. Er studierte Medizin und spezialisierte sich auf Psychiatrie und Psychotherapie. 1999 gelang ihm mit Brian Jones (78) im «Breitling Orbiter 3» die erste Nonstop-Weltumrundung. 2016 umrundete er mit André Borschberg (73) im Solarflugzeug «Solar Impulse» die Erde. Als Gründer der Solar Impulse Foundation setzt sich Piccard für nachhaltige Energielösungen ein. Er ist verheiratet und Vater dreier Töchter.