Darum gehts
- Steff La Cheffe stoppte im Februar wegen Erschöpfungsdepression das Album-Release und die geplante Tour
- Sie nannte Schlaflosigkeit, Herzrasen, Gedächtnisprobleme und Orientierungsprobleme als Symptome
- Nach fünf Wochen Timeout halfen Garten und Arbeit – das Album «Stoff» erschien später unverändert
Im Februar zog Steff La Cheffe (39) die Notbremse. Nur zwei Wochen vor dem Release ihres neuen Albums «Stoff» stoppte die Berner Rapperin die Veröffentlichung und die geplante Tour. Grund: Erschöpfungsdepression. «Das war das Schwerste, was ich bisher erlebt habe», sagt sie im Blick-Interview.
Blick: Steff La Cheffe, wie lange haben Sie sich diesen Schritt überlegt?
Steff La Cheffe: Ich habe wirklich bis zum Schluss das Gefühl gehabt, dass ich das nicht absagen kann. Es war schon alles aufgegleist, die Tour war fixiert, die Tickets waren schon verkauft. Aber ich habe mich meinem Team geöffnet und mich in einem Zeitraum von etwa zwei Wochen ausgetauscht. Und am Schluss war klar: Ich war total neben der Spur. Es wäre keine gute Idee gewesen, das durchzuziehen. Erste Priorität hat die Gesundheit.
Sich dem Team so offen anzuvertrauen, braucht Mut.
Total. Ich fühlte mich verletzlich und verwirrt. Körperlich wie mental ging fast nichts mehr. Egal, was ich ausprobierte – die Symptome blieben. Da merkte ich: Allein schaffe ich das nicht. Ich habe auch nicht verstanden, dass es ein Burnout oder eine Erschöpfungsdepression ist.
Wieso?
Ich dachte immer, dass man dabei keine Kraft mehr hat oder am Ende sogar ein Herzinfarkt winkt. Aber dass eine Erschöpfungsdepression auch einen grossen Einfluss aufs Gehirn und das Nervensystem hat, das wusste ich nicht. Bei mir war es so: Ich konnte über mehrere Tage nicht mehr schlafen, und das wurde immer krasser. Am Ende konnte ich mich nicht mehr erholen, und dann ist das ganze System zusammengebrochen.
Wie hat sich das geäussert?
Es kamen viele Dinge zusammen. Ich fühlte mich wie frühdement oder so, als hätte ich ADHS, ich hatte extremes Herzrasen und Herzflattern, bekam Erinnerungsstörungen und Orientierungsprobleme. Und irgendwann merkte ich, dass mir sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben die Worte fehlen. Ich hatte Probleme, allein zu sein und mich zu entscheiden. Und ich wusste: So kann ich mein Album nicht veröffentlichen. Ich muss klar, fit und selbstbewusst sein und Freude haben. Das war nicht der Fall.
Was war der Auslöser dafür?
Es gab verschiedene Trigger, die auch mit meiner finanziellen Situation zu tun hatten. Ich realisierte, dass ich dringend irgendwo Geld reinholen muss, und hatte Existenzängste. Ich fing wieder an, bei einem Betrieb zu arbeiten, in dem Käse verarbeitet und verkauft wird. Doch dort herrscht vor Weihnachten Hochbetrieb. Käserei, Albumproduktion, Tourvorbereitung – ich bin eben nicht mehr Anfang 20. Das brachte das Fass zum Überlaufen.
Was passierte in den Wochen danach?
Ich wurde krankgeschrieben und machte ein fünfwöchiges Timeout. An zwei verschiedenen Orten – einem mir bekannten und einem mir bis dahin unbekannten – kam ich zur Ruhe und konnte mich auf mich selbst konzentrieren.
Auch mit Therapie?
Nicht extrem intensiv. Ich frage mich manchmal, wie viel Reden nützt, denn das kann ich ja auch mit Freunden und Familie. Neurofeedback habe ich ausprobiert. Das war spannend: Da werden Hirnströme gemessen, und man sieht auf einem Bildschirm, wie das Gehirn auf Reize reagiert, um Reaktionsmuster aufzubrechen. Im Sommer ging ich dann in meinem Schrebergarten an der Aare total auf: Feuer machen, kochen, gärtnern, baden. Das war die krasseste Therapie. Und auch nach den fünf Wochen wieder arbeiten zu gehen, hat extrem geholfen, um zu sehen, dass ich wieder belastbar bin.
Steff La Cheffe (39), bürgerlich Stefanie Peter, wuchs in einfachen Verhältnissen im Berner Breitenrain-Quartier auf. Ihre Mutter war alleinerziehend und arbeitete als Hausabwartin und Putzfrau, ihr Vater verliess die Familie, als sie drei Jahre alt war. Ihr erstes Album veröffentlichte Steff La Cheffe im Jahr 2010, «Bittersüessi Pille». Im selben Jahr gewann sie den Prix Walo in der Kategorie «Newcomer», ein Jahr später den Swiss Music Award in der Kategorie «Best Talent National». Der bekannteste Hit folgte 2013, «Ha ke Ahnig». Mit «Stoff» veröffentlicht Steff La Cheffe ihr mittlerweile fünftes Album.
Steff La Cheffe (39), bürgerlich Stefanie Peter, wuchs in einfachen Verhältnissen im Berner Breitenrain-Quartier auf. Ihre Mutter war alleinerziehend und arbeitete als Hausabwartin und Putzfrau, ihr Vater verliess die Familie, als sie drei Jahre alt war. Ihr erstes Album veröffentlichte Steff La Cheffe im Jahr 2010, «Bittersüessi Pille». Im selben Jahr gewann sie den Prix Walo in der Kategorie «Newcomer», ein Jahr später den Swiss Music Award in der Kategorie «Best Talent National». Der bekannteste Hit folgte 2013, «Ha ke Ahnig». Mit «Stoff» veröffentlicht Steff La Cheffe ihr mittlerweile fünftes Album.
Ihr Album «Stoff» erschien vergangenen Freitag. Wollten Sie gar nichts mehr daran ändern?
Nein. Es gäbe zwei, drei Dinge, die ich heute anders machen würde. Aber ich wollte alles belassen, wie es war, und hatte auch keine Kapazität, mich damit zu beschäftigen. Und es ist zudem eine Budgetfrage.
Heisst es nicht oft: Krisen beflügeln die Kreativität?
Das ist dieses ungeschriebene Gesetz. Und es stimmt auch, weil Leiden eine grosse Spannung erzeugt und Kunst wie ein Ventil wirkt. Aber in meiner Situation ging es nicht um Kreativität, es ging ums Überleben. Ich hatte keine Zeit zum Singen und auch keine Inspiration. Das hat mir auch Angst gemacht. Die Muse kam erst später wieder zurück. Aber grundsätzlich ermüdet es mich auch etwas, das Leiden so zu glorifizieren. Mein neues Album ist das komplette Gegenteil. Meine Mission da war, gute Musik aus Schönheit entstehen zu lassen. Das ist jetzt die Ironie des Schicksals, dass mich die ganze Arbeit daran so mitgenommen hat.
Lohnt sich der ganze Stress für die Musik überhaupt?
Das habe ich mich sehr intensiv gefragt. Am Ende des Tages liebe ich die Musik und kann mich nicht dagegen wehren. Musik werde ich immer machen, die Frage ist, ob ich davon leben kann oder nicht. Oder wie ich mein Geld sonst verdiene. Im Verlauf der letzten Jahre und Jahrzehnte hat man sich irgendwie stillschweigend darauf geeinigt, dass Musikhören gratis sein soll. Kultur darf zugänglich sein, klar. Aber wir müssen Wege finden, damit Kunstschaffende von ihrer Arbeit wieder leben können. Auch, um eine künstlerische Freiheit bewahren zu können und nicht abhängig von jedem Angebot zu sein, das zwar gut zahlt, aber nicht authentisch ist. Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann ein Album mittels Crowdfunding herauszubringen.
Die vergangenen Monate waren intensiv. Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir gut, danke.
Steff La Cheffe tritt mit dem Album «Stoff» im April 2027 in Liestal BL, Rubigen BE, Bern, Zürich und Luzern auf. Tickets und Infos auf stefflacheffe.ch.