Darum gehts
- Die ARD-Doku über die No Angels erreichte in den ersten zwei Wochen rund zwei Millionen Abrufe
- Die Doku zeigt Aufstieg mit «Daylight in Your Eyes», Ausstiege und Rückschläge der Band seit 2000
- Benaissa spricht über Drogen, HIV-Prozess und Reue, die Band plant eine Weihnachtstournee für 2027
Vor etwas mehr als 25 Jahren begann ihr Abenteuer: Tausende junge Mädchen hatten den Traum von der grossen Musikkarriere und meldeten sich im Jahr 2000 für die erste deutsche Castingshow «Popstars» an. Fünf davon schafften es am Ende zu den No Angels und erlebten, was es heisst, ganz oben zu sein. Und auch wieder zu fallen.
Genau diese Karriere wird in der kürzlich veröffentlichten Dokumentation «No Angels – Das sind WIR!» der ARD beleuchtet. In den ersten zwei Wochen seit Veröffentlichung haben bereits rund zwei Millionen Menschen den Dreiteiler geschaut. Es ist der erfolgreichste Start einer ARD-Dokumentation im Bereich Kultur, teilt der Sender auf Anfrage von Blick mit.
«Wie ein Schnellzug»
«Wir sind wirklich überwältigt! Uns erreichen so viele Nachrichten und ganz persönliche Geschichten», sagt No-Angels-Sängerin Jessica Wahls (49) zu Blick. «Viele Menschen begleiten uns ja schon seit ihrer Jugend und haben durch die Doku auch ihre eigenen Erinnerungen wiederentdeckt. Jetzt sehen sie auch, was damals hinter den Kulissen los war. Unsere Offenheit scheint ganz viel bei den Menschen auszulösen und viele zu erreichen.»
Tatsächlich lassen die vier verbliebenen Bandmitglieder der No Angels in der Dokumentation tief blicken. Thematisiert werden der rasante Aufstieg der Band mit dem Hit «Daylight in Your Eyes»: «Es war alles wie ein Schnellzug, in den man eingestiegen ist. Alles rauschte an einem vorbei, und man konnte einfach nicht aussteigen», erinnert sich Nadja Benaissa (44).
Ex-Bandmitglied Vanessa Petruo wollte sich nicht äussern
Zur Sprache kommen aber auch die diversen Rückschläge, die die Gruppe hinnehmen musste. Sei es der unfreiwillige Ausstieg von Jessica Wahls wegen ihrer Schwangerschaft, die Pleite am Eurovision Song Contest 2008 oder das Fernbleiben von Vanessa Petruo (47) nach dem Band-Aus im Jahr 2003. Sie selbst wollte sich in der Dokumentation nicht äussern.
Immer wieder sind die vier No Angels den Tränen nahe, wenn sie über ihre Erfahrungen berichten. «Die drei sind Familie, Schwestern», sagt Sandy Mölling (45) in der Doku über die verbleibenden Sängerinnen der No Angels. «Man liebt sich, man zofft sich, man lacht und weint zusammen. Und teilt eigentlich alles miteinander.»
Rückblick auf Prozess gegen Benaissa
Besonders emotional sind die Szenen von Nadja Benaissa (44). Sie erzählt offen über ihre schwierige Jugend, wie sie als Teenagerin in die Drogenszene abgedriftet ist. «Ich bin mit 12 Jahren drogensüchtig geworden, war mit 14 Jahren auf der Strasse und wurde mit 16 schwanger. Mit 18 war ich bei Popstars. Und dort konnte ich mit niemandem darüber sprechen, ich war komplett traumatisiert.»
Sie spricht auch über die wohl schwerste Zeit ihres Lebens: als sie sich 2009 wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten musste. Sie hatte einen Mann beim Geschlechtsverkehr mit HIV angesteckt, im Wissen, dass sie infektiös ist. Benaissa war geständig, das Gericht verurteilte sie zu zwei Jahren auf Bewährung. Die Staatsanwaltschaft machte die Anklage publik. Ein klarer Rechtsbruch, da Krankenakten strikt privat sind. Es gab sogar eine Pressekonferenz, Medien titelten vom «Todesengel».
«Ich bereue das sehr»
«Ich wünschte, dass ich die Zeit zurückdrehen könnte und ich das nicht getan hätte. Es gibt keine Erklärung oder Entschuldigung dafür», sagt Nadja Benaissa in der Dokumentation sichtlich ergriffen. «Es war keine Absicht. Ich habe mich einfach verantwortungslos verhalten. Ich bereue das sehr.» Seit acht Jahren ist Benaissa «trocken und clean».
Auch Sandy Mölling ist den Tränen nahe, als sie über die Zeit spricht. «Das ist für mich echt ein schlimmes Thema. Weil ich mir nicht mal annähernd vorstellen kann, was das mit ihr und ihrer Familie gemacht hat», sagt sie. «Weil, wir wurden ja alle fallen gelassen.» Eine damals geplante Tournee bringen die No Angels zu dritt hinter sich, danach ist für über zehn Jahre Schluss mit dem Projekt. Bis zum grossen Comeback 2021, das bis heute anhält.
«Allein dafür war es das alles wert»
Sich so offen zu zeigen, sei nicht einfach gewesen, sagt Nadja Benaissa zu Blick. «Ich hatte grosse Bedenken und Angst davor, was das alles wieder für Konsequenzen für meine Familie, die Band und natürlich auch für mich haben könnte. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber, ich bin heute sehr froh und dankbar, den Mut aufgebracht und ja gesagt zu haben.» Die schönste Rückmeldung, die sie erhalten hat? «Ich habe eine Nachricht von jemandem gelesen, der durch meinen offenen Umgang mit HIV jetzt den Mut gefunden hat, mit seiner Infektion offen umzugehen. Allein dafür war es das alles wert.»
Das Schauen der Dokumentation war für die Mitglieder der No Angels emotional. «Wir haben gelacht, geweint, gestaunt und waren teilweise echt sprachlos – das war sehr intensiv», sagt Jessica Wahls. Nun blickt sie mit der Band freudig in die Zukunft: «Wir hätten vor einigen Jahren wahrscheinlich selbst nicht gedacht, dass wir heute noch einmal so viel gemeinsam erleben dürfen», sagt sie. Kommendes Jahr steht eine grosse Weihnachtstournee auf dem Plan. «Und dann gibt es da noch ein Riesenprojekt, was wir bald verkünden dürfen.»
Auch für Nadja Benaissa sind die No Angels zu einem Lebensprojekt geworden. «Die No Angels existieren für mich in keiner speziellen Zeitlinie mehr. Sie sind meine Vergangenheit, mein Jetzt und meine Zukunft», sagt sie.