Willem Dafoe über seine grössten Rollen
«In solchen magischen Momenten flirtet man mit Geistern»

Kaum jemand spielt so glaubhaft Heilige und Schurken, Besessene und Wahnsinnige wie er. Den Exzess und die Abgründe sucht Willem Dafoe jedoch nur im Beruf – privat ist er ein Mensch, der tief in sich ruht. Das spürte man bei seinem Besuch am ZFF.
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Der US-Schauspieler liebt es, frische Lebensmittel einzukaufen und zu kochen, «am liebsten japanisch oder italienisch».
Foto: Academy Museum Foundation via Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Willem Dafoe eröffnet das Zurich Film Festival 2026 mit Giada Colagrande
  • Der Schauspieler, bekannt für Exzentriker-Rollen, lebt in Rom und New York
  • Über 40 Jahre Karriere, vier Oscar-Nominierungen, verheiratet seit 2005
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Mariam Schaghaghi
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Dieses Gesicht vergisst man nicht: die schmale Nase, die spitz endet, die tiefen Furchen um den Mund, die Miene, die sich in Sekunden vom warmen Lächeln ins Bedrohliche verwandeln kann, das dicke, widerspenstige Haar. Willem Dafoe ist einer der kühnsten Charakterdarsteller unserer Zeit – und einer der leisesten. Freundlich, unaufgeregt, bescheiden. Kein Star, der das Rampenlicht in Beschlag nimmt. Eher einer, der im Hintergrund steht und von dort ganz genau hinschaut.

Vielleicht erklärt gerade das seine Rollenwahl. Der 71-Jährige interessiert sich eher für Schattengestalten als für Strahlemänner. «Ich fände es schwierig, einen grossen Actionhelden zu spielen», erklärte er mal, «ich wüsste gar nicht, wie ich den Glauben an so eine Figur aus mir herausholen soll! Mich reizen eher die Aussenseiter.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Dafoe hat mit Martin Scorsese, Oliver Stone, Lars von Trier, Wes Anderson, Robert Eggers und Yorgos Lanthimos gedreht, spielte Jesus, Vampire, Leuchtturmwärter, Kunstdiebe, Wissenschaftler. Drei der vier Oscar-Nominierungen bekam er für Nebenrollen. Die kann er so aufladen, dass sie im Gedächtnis haften bleiben wie Hauptfiguren.

Privat ein Menschenfreund

Was diesen Vollblutmimen antreibt, war nie der Wunsch nach einer steilen Karriere oder Preisen. Sondern: «Das Abenteuer. Die Lust am Spiel. Die Lust am Erschaffen. Das Vergnügen, mit Menschen zusammen zu sein, die mich kreativ stimulieren. Und die Möglichkeit, Filme oder Theater zu machen, die unsere Denkweise verändern, die uns aus dem Gleichschritt des Lebens herausholen.» Seine Vorliebe für Exzentriker brachte ihm den Beinamen «Hollywoods schwarzer Engel» ein. Noch nach Drehschluss trägt er diese Charaktere in sich. «Sie bleiben an mir haften», gab er mal zu. «Aber irgendwann verglühen sie. Der Rest, ihre Asche, verschmilzt mit deinem Wesen.»

Der Arztsohn aus Wisconsin wollte nie etwas anderes als spielen: Mit 17 tourte er erst mit experimentellem Theater durch die USA und Europa, stand 1981 für Michael Ciminos Western-Flop «Heaven’s Gate» zum ersten Mal vor der Kamera, der erste Erfolg kam 1986 mit Oliver Stones «Platoon». 27 Jahre war er mit der US-Theaterregisseurin Elizabeth LeCompte (82), liiert, aus dieser Liebe entstammt sein Sohn Jack (44). Kurz nach der Trennung traf er zufällig auf einer Strasse in Rom die italienische Regisseurin Giada Colagrande (50) – Blitzhochzeit ein Jahr später. Mit ihr lebt er in Rom und New York – bis heute ist es eine leise, aber innige und starke Union.

Privat ist er ein Menschenfreund, kultiviert und sanft im Wesen, kocht gern, «am liebsten italienisch oder japanisch». Seit Jahrzehnten praktiziert er Ashtanga Yoga. Es helfe ihm, Körper und Verstand zu verstehen, sagt er, und zu unterscheiden, «was im Leben wesentlich ist und was nicht». Er formulierte es mal so: Yoga mache ihn «innerlich stark und geschmeidig». Und er ist schmal, fast asketisch schlank.

Ein vielseitiger Mime

Eine seiner schönsten Rollen ist sein Vincent van Gogh in Julian Schnabels «At Eternity’s Gate». Gedreht wurde in Arles in Frankreich. Der Film bildet grandios die Seele des unverstandenen Künstlers ab. Das zerfurchte Gesicht, das so oft für Dämonisches besetzt wurde, zeigte dort plötzlich nichts als Verletzlichkeit, Staunen und eine fast schmerzhafte Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur. Willem verschmolz mit Vincent, lief durch Felder, strich durch Ähren, legte sich ins Gras, betrachtete Bäume, Erde, Himmel. Berauschte sich an Licht, an der Sonne, am Wind.

«Wir wollten in Van Goghs Kopf einsteigen und die Welt durch seine Augen sehen», erklärt er. Dafür lernte er malen, in der Landschaft, die Van Gogh so liebte. Auf dem Feld, auf dem er sein letztes Bild malte, spürte Dafoe die Nähe zu ihm fast körperlich. «Die Bäume haben schon damals dort gestanden, die Landschaft hat Van Gogh mit eigenen Augen gesehen. In solchen magischen Momenten flirtet man mit Geistern», sagte er.Am Theater hat Dafoe früh einen Grundsatz gelernt, der ihn bis heute begleitet: «Es geht um das Tun, nicht um das Zeigen.»

Willem Dafoe hat in mehr als vier Jahrzehnten Kino fast alles gezeigt. Eindruck macht er bis heute vor allem damit, dass er nie danach aussieht, als wolle er uns beeindrucken.

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