Darum gehts
- Pirelli zeigt den Kalender 2027 als Erstes in Indien
- Sølve Sundsbø fotografierte neun Frauen in Neu-Delhi und Rajasthan
- Avani Rai ehrte mit Bildern das Vermächtnis ihres Vaters Raghu Rai
Neu-Delhi bewirkt einen Rausch der Sinne. Kardamom liegt in der Luft, Gewürzstände leuchten in Rot, Gelb und Orange, Affen tummeln sich im Park, und zwischen dem Verkehr glitzern Paläste und Luxuslimousinen. Indien ist laut, sinnlich, voller Gegensätze. Und genau dieses Land steht im Zentrum eines der begehrtesten Fotoprojekte der Welt: des Pirelli-Kalenders.
Zum ersten Mal wurde der legendäre Kalender vollständig in Indien fotografiert. Für die Präsentation von «The Cal 2027» lud der italienische Reifenhersteller 150 Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt in die indische Hauptstadt ein. Blick war als einziges Schweizer Medium dabei.
Vater und Tochter
Rund 11’000 Exemplare werden jährlich gedruckt. Kaufen kann man den Kalender nicht – er wird verschenkt. Seit seiner Premiere 1964 ist er ein begehrtes Sammlerstück. Pirelli lässt sich die aufwendigen Produktionen und das grosse Präsentationsspektakel inklusive Flügen in der Business-Class Millionen kosten.
Die wohl berührendste Geschichte des Kalenders beginnt mit einem Abschied. Der legendäre indische Fotograf Raghu Rai hielt sein Land seit 1965 in Bildern fest. Im April 2026 starb er im Alter von 83 Jahren, bevor er das Projekt abschliessen konnte. Seine Tochter Avani Rai (34) führte seine Arbeit weiter.
Sie hat ältere, teils unveröffentlichte Aufnahmen zurück an jene Orte gebracht, an denen sie entstanden sind – darunter in die Gassen von Alt-Delhi. Dort begegnet die Vergangenheit der Gegenwart. Rund 130 Menschen erscheinen in dieser Bildwelt, darunter Bewohner, Tänzer, Künstler und Handwerker. Auch Bollywood-Star Ranveer Singh (41) ist dabei.
Avani Rai lässt die Bilder ihres Vaters mitten unter den Menschen wieder aufleben, die er sein Leben lang fotografiert hatte. «Die Vergangenheit wird in der Gegenwart immer weiter bestehen», sagt sie. Ihre Bilder erzählen von einem Indien, das sich verändert und doch seine Wurzeln nicht verliert.
Schönheit als Gefühl
Den zweiten Teil des Kalenders verantwortet der norwegische Starfotograf Sølve Sundsbø (56). Er porträtierte neun indische Frauen zwischen dem Jaigarh-Fort in Jaipur und Ajabgarh. Die für uns bekannteste ist «Slumdog Millionär»-Star Freida Pinto (42).
Sie wünscht sich, dass beim Betrachten der «Pirelli»-Bilder klar wird, dass Schönheit überall in all ihren Facetten sichtbar wird. «Ich selbst fühle mich dann schön, wenn ich mich in meiner Haut wohlfühle und durch die Liebe, die ich von meinem Sohn und meinen Liebsten erhalte», sagt sie im Gespräch.
Für Fotografin Avani Rai, die ebenfalls als Model für eines der Motive steht, ist der neue Kalender «eine Liebeserklärung an Indien, seine Frauen, die Sinnlichkeit und ein Land, das alles ist: laut und leise, traditionell und modern. Schönheit ist ein Gefühl, das möchte ich vermitteln.» Weitere Inderinnen, die vor der Kamera standen, sind Musikerin Anoushka Shankar (45), Dichterin Rupi Kaur (34) sowie Autorin Padma Lakshmi (56).
Sundsbø steuert seine Bilder bei, weitere stammen aus dem Projekt von Raghu und Avani Rai. So treffen sorgfältig inszenierte Porträts auf das unmittelbare Leben auf Indiens Strassen. «Für mich sind die Menschen der Schlüssel zum Kalender», sagt Sundsbø. Er spielt mit Farben, Stoffen und Kontrasten und richtet den Blick auf Frauen, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen.
Dass sie so prominent ins Bild gerückt werden, ist mehr als eine Frage der Ästhetik. Indische Frauen feiern international Erfolge in Film, Musik, Literatur und Mode. Im Alltag sind ihre Freiheiten vielerorts jedoch noch eingeschränkt. Mit seinen Porträts trägt Pirelli dazu bei, starke, eigenständige Frauen aus Indien weltweit sichtbar zu machen. Nicht als einheitliches Ideal, sondern als Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Stimmen und Lebenswegen.
Kunst und Wirtschaft
Am 22. Oktober wurde auch die wirtschaftliche Seite von Pirellis Indien-Kurs bekannt: Gemeinsam mit dem indischen Reifenhersteller BKT will der Konzern bis 2030 bis zu 800’000 Pirelli-Reifen für Personenwagen produzieren. Indien ist für Pirelli damit nicht nur ein Ort voller Farben, Geschichten und künstlerischer Inspiration, sondern auch ein wichtiger Zukunftsmarkt.
Kalender oder Geschäft – was kam zuerst? Blick fragte den Pirelli-Verwaltungsratspräsidenten Marco Tronchetti Provera (78). «Es lief parallel, also Hand in Hand», sagt er. Und betont: «Indien spielt bei der Entwicklung der globalen Automobilindustrie eine immer zentralere Rolle.»
Der Kalender zeigt, wie viel in diesem Land nebeneinander Platz hat: die Erinnerung eines grossen Fotografen, der frische Blick seiner Tochter und neun Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Pirelli macht daraus Kunst – und rückt Indien ins Bild, in all seinen Farben und Facetten.