Darum gehts
- Liv Ullmann (87) erhält Europäischen Filmpreis für ihr Lebenswerk in Berlin
- Sie war Muse Bergmans, Regisseurin, Bestsellerautorin und Unicef-Botschafterin
- 1981 wurde sie erste weibliche Unicef-Goodwill-Botschafterin weltweit
Sie war die Muse Ingmar Bergmans, hat die intensivsten, einprägsamsten Frauenrollen ihrer Zeit gespielt, hat selbst Regie geführt, Bestseller geschrieben, war alleinerziehende Mutter und Unicef-Botschafterin. Wenn jemand eine Legende ist, dann sie: Liv Ullmann.
Gerade wurde die 87-Jährige von der Europäischen Filmakademie in Berlin für ihr «herausragendes Lebenswerk» geehrt. Zu Recht. Über die Norwegerin könnte man Bücher schreiben, so spannend ist sie als Zeitgenossin. Die Tochter eines Luftfahrtingenieurs wurde in Tokio geboren, wuchs in Kanada auf und zog erst mit elf Jahren nach Oslo.
Liebe zu Ingmar Bergmann ging in die Geschichte ein
Nach der Schauspielschule in London spielte sie in Norwegen Theater, bis sie Mitte der 1960er-Jahre den schwedischen Meisterregisseur Ingmar Bergman kennenlernte – und aus ihrer Liebe eine Sternstunde der Filmgeschichte entstand. Selbst nach der Trennung schufen die beiden noch unsterbliche Werke wie «Szenen einer Ehe» oder «Herbstsonate». Das schüchterne Mädchen wurde 1959 für den Film entdeckt. In «Die jungen Sünder» sorgte Liv gleich für einen Skandal, über den sie bis heute lacht. «Alles nur, weil man mal meinen Po zu sehen bekam! Ich war erst 18, hatte keine Ahnung, wie sich Sex anfühlt, aber ich wusste, wie es sich anfühlt, verliebt zu sein.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Liv Ullmann ging immer ihren eigenen Weg. Sie wirkt sanftmütig, handelte aber oft radikal. Europa lag ihr mehr als Hollywood. Ihre 1966 geborene Tochter Linn, heute erfolgreiche Schriftstellerin, zog sie alleine auf, ohne Bergman. «Ich kann mich glücklich schätzen, weil ich immer die Wahl hatte und so unabhängig war wie ein Mann. Erst habe ich meiner Tochter ihre College-Ausbildung ermöglicht, anschliessend das Leben genossen.»
Liv Ullmann ist eine wahre Ikone
Wer ihr begegnet, ist sofort angetan von Ullmanns Bescheidenheit und Zurückhaltung, als sei ihr ihre Grösse, ihre Ikonenhaftigkeit gar nicht bewusst. 1992 wagte sie mit «Sofie» den Schritt hinter die Kamera, ihr vierter, bisher letzter Film war «Miss Julie» mit Jessica Chastain. Die Regie, erklärt Ullmann, gibt ihr mehr als das Schauspiel. «Das Spielen kam mir so egozentrisch vor. Wie kann ich in einer so problematischen Welt Schauspielerin sein, dachte ich. Hinter der Kamera hat sich mein Sinn für die grandiose Kunst der Mimen wieder geöffnet. Doch ich will auf der Regieseite bleiben.» Ihr Talent für kompromisslose Filme hat sie vererbt: Ihr Enkel Halfdan Ullmann Tøndel, Linns Sohn, hat sich als wunderbarer Filmemacher erwiesen und kann sich stolz auf die Regiegene beider Grosseltern berufen.
1981 wurde Ullmann als erste Frau zur Goodwill-Botschafterin für die Unicef ernannt, setzte sich weltweit für Kinderrechte und -nöte ein. Der Zustand unserer Welt heute, die vielen Krisen und Kriege, Terror, Migration und Autokratie frustrieren sie, sagt sie, und die bergseeblauen Augen verdunkeln sich. «Ich bin oft desillusioniert. Kreativität ist meine einzige Antwort. Ich möchte mit Filmen an die Menschlichkeit appellieren. Ich glaube noch immer fest daran, dass Kunst uns Menschen eher daran erinnert als die Politik, wer wir sind.» Kunst als Katharsis, Kino als Empathieerzeuger, das ist ihr Credo. «Woher holen wir uns noch die Wahrheit? Von Filmemachern und Schauspielern, von Schriftstellern und Musikern. Sie zeigen uns das tatsächlich Menschliche. Daher bin ich stolz, dass ich mal Schauspielerin war.» Diese Frau hat jede Verneigung, jeden Preis verdient, für ihre Kunst und ihre Menschlichkeit.