Darum gehts
- Jodie Foster glänzt in «Vie privée» mit perfektem Französisch ohne Akzent
- Ihre Mutter förderte schon früh Fosters Sprachbegabung und Liebe zu Frankreich
- Seit 60 Jahren Schauspielerin, feierte Foster kürzlich ihren 63. Geburtstag in Paris
Sie parliert schwindelerregend schnell, streitet hingebungsvoll, flucht authentisch, fragt einfühlsam ihre Patienten aus, flirtet und flötet im richtigen Sound, artikuliert zirkelgenau. Es ist verblüffend, wie Jodie Foster im Film «Vie privée» eine Pariser Psychologin spielt, die einem mysteriösen Todesfall nachspürt. Denn da hört das Publikum keine perfekte Synchronstimme, sondern sie: Jodie Foster, zweifache Oscar-Preisträgerin. Dass «Vie privée» ihr erster komplett französischer Film ist, vergisst man, sobald der Hollywood-Star souverän neben Daniel Auteuil oder Virginie Efira agiert. Selbst ein geschultes Ohr hört keinerlei Akzent, schon gar kein, pardon, amerikanisches Gekaue. Sondern lupenreines Französisch mit einem feinen Hauch Pariser Accent. Mais comment ça? Une Américaine?
Astreines Französisch der Hollywoodschauspielerin
Jodie Foster freut sich über das Kompliment. Wir sind zum Interview in einem bekannten Pariser Hotel verabredet, sie ist sportlich gekleidet, schwarzes Polohemd, schlichte Hose, zarte Perlenkette. «Meine Mutter hegte eine grosse Liebe für Sprachen und Kulturen», erklärt sie. Evelyn Ella Almond, genannt Brandy, schickte Jodie also in die französische Schule in Los Angeles. Die Tochter erwies sich als so begabt, dass sie bald auf Reisen das Übersetzen übernehmen konnte. «Meine Mutter war sehr schüchtern, also habe ich für sie geredet: Ich habe die Flüge gebucht, Restaurants reserviert, mit Handwerkern gesprochen, Renovierungen organisiert.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Frankreich hatte es der alleinerziehenden Mutter angetan, mit Jodie und den drei älteren Geschwistern Lucinda, Constance und Bud beschloss sie, zwischenzeitlich dort zu bleiben. «Ich drehte hier einen Film», erzählt Jodie. «Wir kauften eine Wohnung in Paris und blieben etwa ein Jahr. Meine Schwester Lucinda blieb sogar für immer, sie heiratete, bekam Kinder – inzwischen hat sie hier Enkel! So entstand dieses französische Leben!»
Verspürte schon immer tiefe Liebe für Frankreich
Die hellblauen Augen blitzen. Am Vortag hat Foster in Paris ihren 63. Geburtstag gefeiert, mit französischen Freunden und einem «sehr schönen Abendessen», wie sie verrät. Man muss auch im Englischen aufpassen, nichts zu verpassen, so rasend schnell spricht sie.
Der Film «Vie privée» sei auch eine Hommage an ihre Mutter, gibt sie zu. «Sie wollte mit über 50 ihr altes Leben hinter sich lassen. Wie meine Filmfigur Lilian hatte sie mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen und erfand sich neu – als Pariserin.» Evelyn Ella flanierte über Boulevards, fuhr mit der Metro durch die Stadt, besuchte die berühmten Flohmärkte. Nach ihrem Tod 2019 beschrieb ihre Familie sie als «die stärkste Person, die wir je kannten, eine Kämpferin, voller Feuer und Liebe.»
Kurz vor Jodies Geburt, ihrem vierten Kind, hatte Evelyn sich von ihrem Mann getrennt. Weil sie in der Filmbranche arbeitete, brachte sie ihre Kinder zu Castings mit. Beim Kameratest für einen Sonnencreme-Werbespot bekam nicht der siebenjährige Bud den Zuschlag, sondern die dreijährige Jodie. Die beiden Junioren wurden mehr und mehr zu den Hauptverdienern der Familie. Nach kleinen Auftritten in TV-Serien wie «Bonanza» war Jodie mit sechs Jahren schon in Kinofilmen zu sehen, und sie war zwölf, als Martin Scorsese sie in «Taxi Driver» neben Robert De Niro als junge Prostituierte besetzte.
Erfolg auch dank der Mutter
Der Film wurde zum Festival nach Cannes eingeladen – was zur Schicksalsstunde für Jodies Karriere wurde, dank ihrer Löwenmutter. «Das Studio wollte mich nicht hinschicken», verrät sie. «Aber Mom beschloss, dass wir auf eigene Faust und eigene Kosten fahren!» So entstand ein ikonisches Bild: Eine kesse Kleine, umringt von gestandenen Fotografen und Reportern, gibt am Strand von Cannes im Alleingang Interviews und unterhält die verblüffte internationale Presse in fliessendem Französisch. Und die Grossen? «Scorsese und De Niro verliessen aus Angst vor negativen Reaktionen auf den Film nicht ihr Hotelzimmer. So kam es, dass ich allein vor der Presse stand.» Sie lacht herzlich. La Petite Foster wurde die Sensation des Festivals. «Taxi Driver» gewann die Goldene Palme und wurde für vier Oscars nominiert. Die 14-jährige Jodie Foster erhielt ihre erste Oscar-Nomination als Darstellerin. Ihr plötzlicher Weltruhm war auch ein Triumph für Evelyns Chuzpe.
Dass die Metiers der Schauspielerin und der Psychologin nah beieinanderliegen, ist Jodie Foster nicht erst seit «Vie privée» bewusst. «Schauspieler interessieren sich zwangsläufig für Motive, Beziehungen, Entscheidungen eines Menschen.» Sie selbst erlitt ein tiefes Trauma, als ein psychisch Kranker 1981 auf den damaligen US-Präsidenten Reagan schoss – und zu Protokoll gab, er habe mit der Tat Jodie Foster beeindrucken wollen, die er seit «Taxi Driver» verehre. Wie konnte eine 19-Jährige das verarbeiten? Jodie Foster holt bei der Frage tief Luft. «Das war ein grosser Einschnitt in meinem Leben. Ich entschied mich, nicht öffentlich darüber zu sprechen. Denn ich wollte mit meiner Leistung assoziiert werden, nicht damit, dass jemand mich willkürlich für seine Fantasien ausgesucht hatte.» Heute bekennt sie: «Ich habe eine Therapie gemacht.»
Die Seele heilte. Dennoch kennt auch sie innere Kämpfe. Gerade als Hochbegabte mit einem IQ von 132. «Ich hatte nie geplant, Schauspielerin zu werden», sagt Foster, «ich bin eher kopflastig, wollte schreiben oder an der Uni lehren. Schauspiel war ein Beruf, der mir quasi aufgezwungen wurde. Aber er hat mich menschlicher gemacht.»
Seit 60 Jahren vor der Kamera
Menschlicher? Sie nickt und nimmt einen Schluck Tee. «Es hat mich gelehrt, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin. Es gibt einen Unterschied zwischen Künstlern und Celebritys: Celebritys denken, sie seien der Mittelpunkt des Universums. Künstler interessieren sich für andere, für deren Fehler, für Komplexität, für die wahre Schönheit des Menschlichen. Der Beruf war ein Geschenk. Sonst wäre ich womöglich ein schlechterer Mensch geworden.»
Die Schauspiellegende strahlt trotz ihrer Energie Ruhe aus. Sie ist in Frieden mit sich und der Welt. Seit 2014 ist sie mit der Regisseurin und Schauspielerin Alexandra Hedison verheiratet. Ihre zwei Söhne, Charles und Kit, sind 27 und 24 Jahre alt. Vor der Kamera steht sie seit unfassbaren 60 Jahren. Am spannendsten findet sie «das Hier und Jetzt», bekennt sie. «Ich habe nun die Weisheit, die Dankbarkeit und die Charakterstärke, um alles zu schätzen. Früher war ich mit Vollgas unterwegs und habe keines der Geschenke, die das Leben mir machte, ausgepackt oder genossen. Nichts war genug, ich wollte immer mehr. Heute will ich meine Kinder geniessen. Hoffentlich mal Enkel haben. Reisen. Und einfach: leben.»
Um das zu verstehen, braucht man keine Französischkenntnisse.