Coup für Kirchner Museum
Warum Davos temporär zum Kunst-Mekka wird

Zu Lebzeiten lernten sich Ernst Ludwig Kirchner und Pablo Picasso nie kennen. Eine neue Ausstellung im Kirchner Museum Davos lässt nun die Werke der beiden weltberühmten Maler in einen Dialog treten. Damit wird ein Wunsch erfüllt, den Kirchner bereits 1933 äusserte.
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Direktorin Katharina Beisiegel vor zwei Gemälden von Picasso und Kirchner. Links «Zwei Frauen auf der Strasse», 1914, von Ernst Ludwig Kirchner; rechts «Frau in grün», 1909, von Pablo Picasso.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

  • Die Ausstellung «Kirchner. Picasso» wird am 15. Februar eröffnet und läuft bis zum 3. Mai
  • Kirchner und Picasso galten als gegensätzlich, ihre Leben und ihr Werk wiesen Parallelen auf
  • Persönlich lernten sie sich nie kennen, in Davos werden sie erstmals zusammengeführt
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Kaum ist die Aufregung um das WEF verrauscht, wird Davos GR schon wieder zum Hotspot. Diesmal jedoch zu einem entschleunigten ohne Absperrungen und Security-Leute. Jetzt zieht der Bündner Kurort keine Politiker und Wirtschaftsgrössen mehr an, sondern Kunstfans aus der Schweiz und dem nahen Ausland.

Denn erstmals zeigt das Kirchner Museum ab heute Sonntag eine umfassende Gegenüberstellung des Schaffens von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) und Pablo Picasso (1881–1973).

Mit dieser Weltpremiere ist dem Museum ein Coup gelungen, der weit über die Region und die Schweiz hinausstrahlt. Drei Jahre haben die Vorbereitungen gedauert. «Die Ausstellung gehört zu den ambitioniertesten, die wir in diesem Haus je hatten», sagt Direktorin und Kuratorin Katharina Beisiegel (45) bei der Vorbesichtigung am Freitag gegenüber Blick. Von der Relevanz zeugt auch das internationale Presseinteresse.

Vermeintliche Gegensätze

«Kirchner und Picasso haben sich nie persönlich getroffen. Ihre Werke haben die Moderne aber wie kaum zwei andere Künstler geprägt. Die Ausstellung zeigt ihre Gegensätze ebenso wie ihre überraschende Nähe und Kirchners bewusste Auseinandersetzung mit Picassos Werk.» 

Auf den ersten Blick prallen im Landwassertal tatsächlich zwei Welten aufeinander. Hier der Kubismus-Erfinder Pablo Picasso, charismatisch, gesellig, extrovertiert. Da der Expressionismus-Meister Kirchner, sensibel und getrieben. Wesensmässig vereint höchstens in ihrer Egozentrik und altersmässig nur durch ein Jahr getrennt.

Bei näherer Betrachtung erschliessen sich nach und nach jedoch erstaunliche Parallelen.

Beide sind schon als Kinder Ausnahmetalente, beide werden von ihren Eltern früh gefördert. Beide suchen in einer Zeit des dramatischen Umbruchs während der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg neue Wege für ihre Kunst.

Beide gehören zur Avantgarde und begehen künstlerisches Neuland. Und beide lassen sich von ähnlichen Themen begeistern. Von der Stadt als Kulisse des Aufbruchs – bei Kirchner Dresden und Berlin, bei Picasso Paris – und von der Welt der Vergnügungslokale und Variétés. Aber auch von der unberührten und vermeintlich stillen Natur mit intimen Badeszenen.

Gegenseitige Inspiration

Erstmals belegbar voneinander Notiz nehmen sie 1912 bei der berühmten Sonderbundausstellung von Köln, wo Werke von Kirchner und Picasso zu sehen sind. Unabhängig voneinander studieren sie die Arbeiten des jeweils anderen und lassen sich – unbewusst oder absichtlich – in ihrer eigenen Tätigkeit inspirieren.

Ein frappantes Zeugnis für einen solchen Niederschlag liefert Kirchners Gemälde «Burg auf Fehmarn» noch aus dem gleichen Jahr.

Auch der «Neue Stil» von Kirchner in den 1920er-Jahren und die surrealistische Phase von Picasso befruchten sich gegenseitig.

Einen weiteren verbrieften «Kontakt» gibt es 1932 bei der Zürcher Picasso-Retrospektive, die Kirchner nachweislich besucht. Ein Jahr später hält er in einem Briefwechsel fest: «... dass ich eine internationale Ausstellung erwarte, wo Picasso und ich nebeneinander hängen sollen.» Ein Wunsch, dessen Verwirklichung damals durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht mehr möglich ist und nun über 90 Jahre später in dieser prächtigen Schau zweier Malgiganten endlich doch noch zur Umsetzung kommt.

Boby, Lump und eine Telefonzelle

Dabei sind nicht nur Gemälde zu sehen. Zu den rund 100 versammelten Werken – gegliedert in Dekaden in je einem Saal – gehören auch Druckgrafiken, Zeichnungen und Skulpturen aus Privatsammlungen und internationalen Museen. Die Schau in Davos entstand in Kooperation mit dem LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster (D).

Mit zwei Aktionen gelingt es den Ausstellungsmachern zudem, «Kirchner. Picasso» nicht nur der klassischen Kundschaft schmackhaft zu machen. 

Eine spezielle Kinder-Kirchner-Box für die kleinen Kunstfans gehört in Davos bereits zum Standard-Angebot. Im aktuellen Fall erhält Kirchners Lieblingskater Boby, der normalerweise als gezeichnetes Maskottchen durch die spielerischen Aufgaben führt, durch Picassos Dackel Lump Gesellschaft.

Zweitens ist es in einer mittlerweile schon fast antik anmutenden Telefonzelle – einer Leihgabe des Berner Museums für Kommunikation – möglich, die fiktive Kunstkritikerin Clara von Marwitz anzurufen. Sie kannte angeblich beide Künstler und beantwortet auch Fragen zum Privatleben von Kirchner und Picasso. Die KI-generierten Antworten basieren auf historischen Quellen und aktueller Forschung. 

«Kirchner. Picasso» läuft von heute, 15. Februar, bis zum 3. Mai 2026 im Kirchner Museum Davos. 

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