Darum gehts
- Albi Matter feiert 40 Jahre Country-Festival Ende März im Hallenstadion Zürich
- In den 90ern schoss ein Gast mit geladener Pistole in die Decke vom Albisgütli
- Dass Schweizer auf Country-Musik und Lince-Dance stehen, ist kein Zufall
Er raucht Zigarre, trägt Lederjacke und eine IWC als Statement und liess sich mit 16 Jahren die erste Tätowierung stechen. Zu einer Zeit, in der dies Gefängnisinsassen und Seefahrern vorbehalten war. «Meine Mutter hat geweint», sagt Albi Matter (74). Er begann als Buchdrucker, wurde Discobetreiber und zur Schlüsselfigur der Countryszene in der Schweiz. Seine Karriere klingt wie ein Song aus Nashville. Zum 40. Jubiläum seines legendären Countryfestivals lädt er Ende März ins Zürcher Hallenstadion. Grund genug, in die musikalischen Weiten der Prärie einzutauchen und den Staub unter den Cowboystiefeln aufzuwirbeln. Nun packt der Veranstalter aus – über Pistolenschüsse im Albisgütli, Highlights, Vorurteile und einen betrunkenen Star.
Geladene Pistole, betrunkener Sänger
Was heute nach Hollywood klingt, war in den 90er-Jahren bitterer Ernst im Albisgütli. «Als wir angefangen haben, hat einmal jemand in die Decke geschossen», erzählt der Festivalmacher trocken. Kein Witz. Ein Gast zog die Pistole – und drückte ab! Früher seien viele mit Revolver, Sporen und Cowboyhut aufgetaucht. «Normalerweise waren sie nicht geladen», sagt er. Nur: Einer hatte eben doch geladen. Heute? Undenkbar. Die wilden Zeiten sind vorbei. Zum Glück. Doch das war nicht der einzige Schockmoment in der Festivalgeschichte. Auch Musiklegende Flaco Jiménez (1939–2025) sorgte für eine Szene, die man so schnell nicht vergisst. Der Tejano-Star war «so besoffen», dass er von der Bühne nach hinten fiel. Einfach weg! «Wenn man betrunken ist, fliegt man einfach», heisst es lapidar. Gebrochen hat er sich nichts. Er hatte Glück im Unglück – oder einen Cowboy-Schutzengel.
Country, Trump und Rassismus
Country ist stockkonservativ, republikanisch und voller Trump-Fans. So die Meinung vieler. «Ich erlebe oft das Gegenteil. Wenn ich in der Musikszene in Nashville und Texas nach ihm frage, höre ich von den meisten, dass sie ihn nicht mögen. Das Klischee vom rot-weissen «Make America Great Again»-Cap an Countrykonzerten hält sich hartnäckig, stimmt aber so nicht pauschal, auch was Rassismus betrifft. «Den gibt es in den Staaten noch, das lässt sich nicht schönreden. Ich habe vor 25 Jahren die erste schwarze Countrysängerin nach Zürich gebracht. Dieses Jahr sind es mit The BoykinZ vier schwarze Schwestern aus der Generation Z – eines meiner Highlights», so Albi Matter. Dass Beyoncé mit ihrem Country-Album Geschichte schrieb, findet er super. Dass sie umstritten war, erklärt er so: «Das lag nicht an ihrer Hautfarbe, sondern weil sie vom Pop und Hip-Hop kommt. Wie eine Fremdgängerin in diesem Genre. Sie hat die Szene, die vielfältiger ist, als viele denken, wieder zu einem Thema gemacht und einen Boom ausgelöst.»
Weshalb uns Country fasziniert
«Country ist echt, das sind Geschichten aus dem Leben.» Liebeskummer, Freiheit, lange Strassen, Pick-up-Trucks, die Weite Amerikas – all das steckt in den Songs. Und genau deshalb funktioniert Country auch in der Schweiz. «Unsere Ländlermusik ist gar nicht so weit weg davon.» Hackbrett, Handorgel, Geschichten aus dem Alltag – auch hier gehe es um Emotionen und Authentizität. Sein Vergleich ist simpel: «Wenn Jazz im Radio läuft, stelle ich vielleicht ab. Country schreit mich zwar auch an – aber es stört mich nicht. Es tut nicht weh in den Ohren.» Einen Boom stellt er auch beim Line-Dance fest. «Die Kurse sind voll, vor allem von Frauen. Es geht um das Zusammengehörigkeitsgefühl, um Gemeinschaft – und es sieht gut aus», so Albi Matter. Im Hallenstadion können alle Gäste in der Pause an einem kostenlosen Line-Dance-Crashkurs teilnehmen.
Stars auf der Zürcher Bühne
Zu Matters grössten Momenten gehört ein Booking, das sich später als Coup herausstellte: Vor rund 25 Jahren engagierte er die Dixie Chicks – lange bevor sie zu Superstars wurden. Sogar ein offizieller Termin im Zürcher Stadthaus stand auf dem Programm. Der damalige Stadtpräsident von Dallas hatte per Fax angeregt, man solle die Country-Newcomerinnen empfangen. Also marschierte Albi Matter mit den Musikerinnen ins Stadthaus, organisierte Geschenke – und posierte für Fotos. «Ein, zwei Jahre später waren sie weltberühmt», sagt er. Ein Gespür für Talente hatte er schon immer. Wie auch für John Carter Cash (56), den einzigen Sohn von Countrylegende Johnny Cash (1932–2003). Zweimal trat auch «24»-Star Kiefer Sutherland (59) im Albisgütli vor ausverkauftem Publikum auf. Privat sei der singende Schauspieler zurückhaltend gewesen. Ein Bodyguard stand vor der Garderobe, übernachtet wurde im Tourbus. Matter und seine Familie durften als wenige backstage gehen. «Das bleibt unvergessen.»
Zoff im Albisgütli
Die Location war legendär. 39 Jahre lang hat da Albi Matter das Countryfestival im Zürcher Kultort Albisgütli organisiert. «Die neuen Pächter wollten das Festival verändern, der Zeit anpassen.» Was genau das heissen soll, habe Albi Matter nie erfahren. Unbeglichene Rechnungen, Anwaltsschreiben und offene Fragen – das sei nie seine Welt gewesen. Sein Motto habe immer gelautet: «Never change a winning horse» – ein Siegerpferd sollte man niemals auswechseln. Damit sei er immer gut gefahren. Karriere und Erfolg seien nie einfach ein Umschwenken gewesen, sondern pure Fleissarbeit und Leidenschaft. Mit dem Hallenstadion habe er nun ein cooles Konzept mit seinen alten Werten erarbeitet. «Gib den Leuten, was sie wollen», so sein Credo.
Albis Country Festival findet am 29. und 30. März im Zürcher Hallenstadion statt. Tickets gibts bei Ticketcorner.