Ingrid Noll (90) ist die Grande Dame des subtilen Verbrechens. Die Krimiautorin wollte als Kind die Sprache der Tiere verstehen und mag keine selbstgerechten Menschen.
Schweizer Illustrierte: Sie haben am 29. September Ihren 90. Geburtstag gefeiert. Spielt der Gedanke ans Aufhören bei Ihnen überhaupt eine Rolle?
Ingrid Noll: Bis jetzt noch nicht.
«Nachteule» ist Ihr 19. Roman. Lässt sich bereits eine neue Geschichte blicken?
Ja, aber noch leicht verschwommen.
Welches Ereignis hat Ihr Leben verändert?
Mehrere Ereignisse: 1949 Flucht aus China, 1962 Geburt meines ersten Kindes, 1991 mein erstes Buch.
Was wären Sie als Kind gern geworden?
Ich wäre gern ein weiblicher Dr. Dolittle geworden, weil ich die Sprache der Tiere verstehen wollte.
Für wen haben Sie als Teenager geschwärmt?
Ein wenig für James Dean, aber meine Schwärmerei hielt sich für heutige Verhältnisse noch sehr in Grenzen.
Wofür haben Sie zuletzt gebetet?
Das weiss ich nicht mehr.
Wann haben Sie zuletzt geweint?
Letzte Woche, als mein Zug wegen eines Suizids ausfiel und mein ganzes Programm durcheinandergeriet.
Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?
Das Zitat von Gottfried Keller: «Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt».
Wie möchten Sie sterben?
Gemütlich im eigenen Bett einschlafen.
Auf wen waren Sie zuletzt eifersüchtig?
Das ist lange her, ich glaube, es war eine Klassenkameradin aus meinem Tanzkurs, die sich den attraktivsten Jungen geangelt hatte.
Wovon haben Sie zuletzt geträumt?
Gestern träumte ich, mein Hörgerät wäre verschwunden und ich stünde taub und hilflos vor fragenden Journalisten.
Haben Sie einen Tick?
Klar, nicht nur einen. Aber ich verrate keinen einzigen.
Welche Eigenschaft hätten Sie lieber nicht?
Meine Unsportlichkeit.
Welches Kompliment haben Sie kürzlich erhalten?
Für mein hohes Alter sei ich noch kaum senil.
Wer ist Ihr Held?
Heldenverehrung ist nicht mein Ding, aber im übertragenen Sinn sind es Menschen, die im Alltag Mut zeigen.
Was lernen Sie gerade, was Sie noch nicht so gut können?
Ich bemühe mich eher, das einmal Gelernte nicht völlig zu vergessen.
Wie viel sind Sie wert – in Franken?
Ich bin nicht käuflich, in keiner Währung dieser Welt.
Haben Sie schon einmal eine Therapie gemacht?
Ja, sonst hätte ich wohl nie mit dem Schreiben begonnen.
Wofür sollte es Bussen geben?
Für sexuelle Belästigung junger Frauen.
Wofür geben Sie am meisten Geld aus?
Für andere.
Was darf in Ihrem Haushalt nicht fehlen?
Eine Badewanne.
Wären Sie lieber sympathischer oder intelligenter?
Da ich bereits äusserst sympathisch bin, wäre ich lieber intelligenter.
Was machen Sie als Letztes, bevor Sie ins Bett gehen?
Ich ziehe mein Nachthemd an.
Welchen Tag möchten Sie noch einmal erleben?
Als mein Zürcher Verleger mich anrief, zu meinem Erstlingswerk gratulierte und alles über mich wissen wollte.
Haben Sie einen Spitznamen?
Da ich in China aufgewachsen bin und das dortige Personal meinen Namen nicht aussprechen konnte, nannte man mich Ame, was die Familie dann übernahm.
Was mögen Sie gar nicht?
Ich hasse allzu grosse Selbstgerechtigkeit. Man kann nicht wissen, wie man sich in Ausnahmesituationen verhält.
Haben Sie ein Lieblingsspiel?
Als mein Mann noch lebte, spielten wir täglich «Scrabble». Nun halte ich mich an komplizierte Kreuzworträtsel.
Mit wem würden Sie gern im Lift stecken bleiben?
Mit meinen Enkelkindern.
Welche drei Gegenstände nehmen Sie mit auf eine einsame Insel?
Meine Brille, ein Schweizer Offiziersmesser und einen Erste-Hilfe-Koffer.
Ihr absolutes Lieblingsessen?
Frankfurter Grüne Sauce mit neuen Kartoffeln.
Wenn Sie Ihren Schreibprozess als musikalisches Stück beschreiben müssten, wie würde es klingen?
Wie eine vertonte Ballade, aber nicht ganz so dramatisch wie der «Erlkönig», sondern eher wie die «Loreley».