Darum gehts
- Fabian Unteregger fliegt seit 15 Jahren Helikopter und darf im Gebirge bis 4000 Meter landen
- Am Steuer des R66 arbeitet Unteregger konzentriert, prüft Checklisten und brieft Passagiere
- Unteregger ist Comedian, Arzt und Lebensmittelingenieur, Ende Monat tourt er mit «Fachkräftemangel»
«Full travel free. Oil pressure increasing.» Die Rotorblätter beginnen sich zu drehen, es riecht nach Kerosin, die Kabine vibriert. Der Lärmpegel steigt. Foxtrott Alpha Bravo India Alpha November ist bereit zum Start. Sachte hebt der R66 vom Boden ab. Pilot Fabian Unteregger (49) ist die Ruhe selbst, ernst und konzentriert. Eine ungewohnte Seite des Comedians, der so vortrefflich Stimmen imitiert und Sänger Baschi, Tennis-Maestro Roger Federer oder Bundesrätin Karin Keller-Sutter Worte in den Mund legt, die diese freiwillig nie so sagen würden. Bekannt ist Unteregger aus der TV-Satire-Sendung «Giacobbo/Müller» und von «Zum Glück ist Freitag» auf Radio SRF3. Natürlich war Unteregger schon in der Schule der Klassenclown und im Militär – bei den Panzern – das Kompaniekalb: «Ich gab mit der Stimme von Hauptmann Bürgi über Funk Befehle an die Kompanie. Das war ziemlich lustig.» Auf dem Flugplatz Speck in Fehraltorf ZH ist der Luftikus ungewohnt ernsthaft. Eher topseriös als Top Gun geht Pilot Unteregger methodisch und strukturiert ans Werk: Helikopter geprüft. Passagiere gebrieft. Instrumente kontrolliert. Während des Flugs gibt er knapp und präzise Position, Aussentemperatur (acht Grad) und Geschwindigkeit (180 km/h) durch. Keine Faxen, keine zur Schau gestellte Lässigkeit, keine Sprüche. Noch nicht.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Routiniert erklärt er über Kopfhörer die Gipfel: «Links der Bachtel, vorne die Churfirsten.» Dann packt er Promi-Insider-Wissen aus: «Da ist Amden, da kommt Michael von der Heide her. Und dort hinten Elm, Vreni-Schneider-Territorium. Super.» Dazwischen kurze Fachgespräche mit anderen Heli-Piloten. «Wir fliegen auf Sicht und müssen uns absprechen», erklärt Unteregger. Als Pilot vermittelt er ein tiefes Gefühl von Sicherheit. Trotz 1500 Fuss über Boden. «Die Passagiere müssen mir vertrauen – und ich ihnen.» Auf so engem Raum darf niemand herumfuchteln, dauerquasseln oder gar in Panik geraten. Ungehalten ist Fabian Unteregger auch über Passagiere, die während des Flugs auf dem Handy rumspielen, statt die Schönheit der Natur zu geniessen. Hinter Näfels kommen die Felswände der Glarner Alpen ganz nahe. Schulter an Schulter lehnen sie aneinander wie gigantische Urzeit-Elefanten, grau, faltig, kahl und zerfurcht.
Mann der vielen Talente
Unteregger ist ein Ass in Geografie, benennt Gipfel, Täler und Dörfer. «Ich bin hochinteressiert an vielem und passioniert in dem, was ich mache», sagt er. Im Hauptberuf ist er Komiker, hat aber auch einen ETH-Abschluss als Lebensmittelingenieur und praktizierte als Doktor der Medizin auf der Notfallstation eines Spitals. Unteregger kann acht Sprachen, unter anderem Schwedisch, und lernt grad Arabisch. Aufgewachsen ist er in Zürich in einem Akademiker-Haushalt, lebt mit seiner Familie in Zürich und hat einen Papi-Tag pro Woche. Fragen nach Hobbys erübrigen sich. Vor 15 Jahren erwarb Fabian Unteregger die Privatpilotenlizenz. Er muss jährlich eine bestimmte Anzahl Flüge, Starts und Landungen absolvieren sowie regelmässig zu Prüfungen antreten: «Drei praktische im Heli, davon eine für die Gebirgszulassung», sagt er, «das sind Prüfungsflüge mit Tests in allen Notverfahren.» Gepackt hat ihn das Flugfieber als Bub, als er auf der Skipiste die roten Rettungshelikopter sah. «Das liess mich meine eiskalten Füsse vergessen», sagt Unteregger mit seinem Spitzbuben-Lächeln.
Lizenz zum Landen
Als lizenzierter Gebirgspilot darf Unteregger auf Bergspitzen bis in 4000 Meter Höhe aufsetzen. «Das ist nur auf definierten Gebirgslandeplätzen erlaubt», betont er und peilt einen handtuchgrossen, ebenen Fleck auf dem Spitzalpelistock an. Die Landung ist sanft, die Umgebung schroff. Eine Steilwand fällt zu einem kleinen See ab, mitten im kläglichen Rest eines Gletschers. Dessen Oberfläche ist schmutzig-weiss und durchzogen von tiefen Rillen. Der Berg selbst: locker aufeinander geschichtete Schieferplatten. Das Eis, das sie zusammenhält, schmolz im Jahrhundertsommer. «In den Bergen empfinde ich Demut», sagt Unteregger mit Blick auf das Vrenelisgärtli, das an diesem letzten heissen Herbstnachmittag ohne sein leuchtend weisses Schneefeld nackt daliegt. Unteregger ist sich im Klaren, dass er mit seinem Hobby zum Klimawandel beiträgt: «Ich habe nicht den vorbildlichsten CO₂-Fussabdruck», räumt er ein, «meine Leidenschaft für die Fliegerei ist schlicht stärker. Mit E-Auto und erneuerbaren Energien versuche ich, etwas Gegensteuer zu geben.»
Es ist seltsam still auf dem Gipfel. Der Tödi ist zu sehen, in der Ferne erheben sich Eiger, Mönch und Jungfrau. Nur der Wind pfeift leise. «Er hat gedreht», stellt der Pilot fest, ohne ein Instrument. «Ich muss anders starten, wir wollen den Wind nicht im Rücken haben.» Zuerst geht er erneut penibel seine Checkliste durch: «All controls neutral, igniter key enable.» Die Schweiz, sagt er, sei ein Heli-Land: «Kein anderer Fleck auf der Welt hat eine solche Helikopterdichte.» Allein die Rega fliege 21 Stück, und ja, er habe sich schon überlegt, sein Können in den Dienst einer Rettungsorganisation zu stellen. Heute aber konzentriert er sich ganz auf sein komödiantisches Talent. Ende Monat geht er mit dem Programm «Fachkräftemangel» auf Tournee. Ob als Arzt oder als Comedian, er sei ein Dienstleister. «Ich nahm Patienten immer ernst, egal, womit sie in den Notfall kamen. Und ich nehme mein Publikum ernst. Es schenkt mir seine Zeit und Aufmerksamkeit. Dafür will ich etwas bieten.»
Auf dem Rückflug macht Fabian Unteregger einen Schwenker zum berühmten Martinsloch und imitiert, als Ems-Chemie in Sicht kommt, alt Bundesrat Christoph Blocher. Beim Anflug auf den Flugplatz Fehraltorf – Ueli Maurer wohnt in der Nähe! – grast eine Herde Hochlandrinder ungerührt weiter. Unteregger landet weich. Abschluss-Check, super! Null Problemo! Perfekt gelaufen, over.