«Konzerte in der Schweiz waren immer sehr wild»
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Campino mit den Toten Hosen:«Konzerte in der Schweiz waren immer sehr wild»

«Die Tanknadel geht auf Reserve zu»
Campino erklärt das langsame Ende der Toten Hosen

Die Toten Hosen verabschieden sich: Am 29. Mai erscheint ihr letztes Studioalbum mit 41 neuen Songs. Frontmann Campino zieht Bilanz – von Abschied und Freundschaft bis zu politischem Engagement.
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Die-Toten-Hosen-Leadsänger Campino spricht im Blick-Interview über den schrittweisen Rückzug der Punkrockband.
Foto: Thomas Meier

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«Trink aus, wir müssen gehen.» Ein Satz wie ein Schlussakkord. Ruhig, leicht, endgültig. So lautet auch der Titel des letzten regulären Studioalbums von den Toten Hosen, das am 29. Mai erscheint – mit 41 neuen Songs. Der erste heisst «Wir waren nie weg» und trägt die Zeilen: «Wir sind gekommen, um zu bleiben. Wir gehen nicht weg.» Eine poetische Frage schwebt durch den Raum: Bin ich gekommen, obwohl ich nie weg war, oder muss ich gehen, um doch bleiben zu können? Zwischen diesen Polen zieht Leadsänger Campino (63) Bilanz. Seinem Sohn Lenn (22) widmet der Punkrocker ein Liebeslied, mit Schlagerstar Vicky Leandros (73) singt er ihren Hit «Ich liebe das Leben». Blick trifft den Sänger in einem Zürcher Hotel auf ein stilles Wasser. Es geht um Abschied, Timing, Freundschaft, Politik und die Frage, wann eine Band aufhört, bevor sie sich selbst überlebt.

Blick: «Wir werden uns Schritt für Schritt zurückziehen. Das Ende setzen wir uns selbst», schreiben Sie im Vorwort des Albums. Wie wichtig ist Ihnen dieser Entscheid?
Das haben wir von Gründung an so vereinbart. «Das Ende setzen wir uns selbst», haben wir in einem unserer Lieder schon in den 80ern behauptet, und das wollten wir auch einhalten. Ich fühle mich besser damit, zu agieren als zu reagieren. Ich möchte, wenn es in Richtung Ausgang geht, der Erste sein, der das erkennt, bevor ich darauf hingewiesen werde. Ich finde die Vorstellung schöner, dass wir die Bühne verlassen und die Leute sagen: «Das ist aber schade», als dass sie sagen, die letzten drei, vier Jahre hätten wir uns sparen können. Das ist eine Frage von Timing und Bauchgefühl. Und wenn eine Band nach 45 Jahren zum Schluss kommt, dass es jetzt Richtung Ende geht, dann sollte man das ernst nehmen. Das ist keine Schnapslaune, sondern ein Prozess, der sich entwickelt hat.

Die Stimme einer Generation

Campino (63) – eigentlich Andreas Frege, stammt aus Düsseldorf. Als Punkrocker ist er die Stimme einer Generation. Mit Die Toten Hosen singt er seit den 80ern laut gegen Stillstand, Rechtsextremismus und Gleichgültigkeit. Von «Hier kommt Alex» bis «Tage wie diese» prägt er die deutsche Rockgeschichte. Zwischen Haltung und Herz, Politik und Poesie bleibt er unbequem ehrlich – und denkt heute offen über Abschied, Zeit und das richtige Ende nach.

«Die Toten Hosen»-Frontmann Campino beim Blick-Interview in einem Zürcher Hotel.
Thomas Meier

Campino (63) – eigentlich Andreas Frege, stammt aus Düsseldorf. Als Punkrocker ist er die Stimme einer Generation. Mit Die Toten Hosen singt er seit den 80ern laut gegen Stillstand, Rechtsextremismus und Gleichgültigkeit. Von «Hier kommt Alex» bis «Tage wie diese» prägt er die deutsche Rockgeschichte. Zwischen Haltung und Herz, Politik und Poesie bleibt er unbequem ehrlich – und denkt heute offen über Abschied, Zeit und das richtige Ende nach.

Unsere Geschichte ist auserzählt, sagen Sie. Ist das wirklich so eindeutig?
Als Freunde bleiben wir zusammen. Das sieht man von aussen nicht so, weil man immer nur eine Band wahrnimmt, die von Konzert zu Konzert fährt. Aber wir sind viel mehr als eine Musikgruppe, und das bleibt bestehen. Wir haben die Verabredung, dass wir uns alle am Düsseldorfer Südfriedhof treffen, wenn es mal in die Kiste geht. Da liegen auch schon drei aus unserer Gang und warten. Aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus und wollen das auch nicht. Aber man muss diese Freundschaft nicht immer öffentlich zelebrieren. Vor allem, wenn man diesen Anspruch hat, sich durch die Musik körperlich zu verausgaben und ein gewisses Level an Hitze und Euphorie zu halten. Ich möchte uns nicht wackelig auf einer Bühne sehen. Ich möchte ein Bild von uns behalten, das noch unbeschadet ist. Wir sind noch in der Lage, unpeinliche Konzerte zu spielen, wir können noch Vollgas geben, aber ich sehe, dass die Tanknadel auf Reserve zugeht.

Mehr emotional, physisch, psychisch?
Über unsere Entscheidung aufzuhören, gibt es keine Euphorie. Jede Menge Wehmut ist dabei. Aber es ist ein Anerkennen der Tatsachen. Ein Gefühl, dass es so richtig ist. Wir Menschen sind gut darin, uns selbst zu täuschen. Wir sehen uns täglich im Spiegel und bemerken unser Älterwerden manchmal gar nicht. Aber wenn ich über die Strasse gehe und ein Schulkind kommt mir entgegen, dann denkt es vermutlich: Da läuft ein alter Mann – und es hat recht. Ich war immer dafür, Tatsachen anzunehmen. Es ist Fakt, dass wir über 60 sind. Und dann stellt sich langsam die Frage, was man in der verbleibenden Zeit noch machen will. Es gibt auch noch ein Umfeld ausserhalb der Band, Freunde und Familie, mit denen man gerne Zeit verbringen möchte. Das Leben hat Brüche, Dinge gehen kaputt, werden repariert, laufen weiter. Irgendwann merkt man, dass die Karre zu viele Beulen hat und nicht mehr einwandfrei funktioniert. Und dann ist es gut, bei der nächsten Station auszusteigen und den Weg bewusst zu beenden.

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«Die Toten Hosen»-Leadsänger Campino spricht im Blick-Interview über den schrittweisen Rückzug der Punkrockband.
Foto: Thomas Meier

Sie sagen auch, was danach kommt, ist Fussball.
Ja. Der Spruch ist von der Düsseldorfer Mannschaft Fortuna: «Alles andere ist nur Fussball.» Das mag ich. (Campino nippt an seinem Glas Wasser.)

Ihre neue Platte wirkt sehr persönlich, besonders das Lied für Ihren Sohn Lenn.
Ich habe einige Lieder über Verstorbene geschrieben, das scheint mir leichter, als Liebeserklärungen abzugeben an Menschen, die noch da sind. Ich fand, das sollte ich mal probieren. Mein Sohn musste als Erstes dran glauben. Ich habe ihm das Lied vorgespielt, das war ein sehr intensiver Moment zwischen uns. Klar und ehrlich, das hat mir viel bedeutet. Und dann hat er gesagt: «Okay Papa, kannst du so machen.»

Und Sie singen mit Vicky Leandros ihren Hit «Ich liebe das Leben».
Das ist ein Song, der jenseits von Gut und Böse ist, so wie «Griechischer Wein» von Udo Jürgens. Wir wollten das keinesfalls persiflieren, sondern würdigen. Ich dachte zuerst, ich könne das stimmlich gar nicht singen. Dann kam die Idee, sie zu fragen, ob sie mitmacht. Ich habe ihre Nummer von ihrem Konzertveranstalter bekommen und sie ganz verklemmt angerufen. «Guten Tag, Frau Leandros, wir finden Ihr Lied so toll.» Und sie, extrem locker, rief: «Ach, der Campino, ja, die Toten Hosen fand ich schon immer gut.» Sie hat uns dann in Düsseldorf im Proberaum besucht, und wir haben einen schönen Nachmittag und einen tollen Abend miteinander verbracht. Stimmlich ist sie komplett da. Das war beeindruckend, weil sie sofort präsent war.

Sie singen auch über eine Schlägerei.
An dem Tag kamen etwa 100 Nazis zur Location, wo wir gespielt haben, genau genommen in Grenzach. Wir sind dann mit dem Publikum raus, und da hat es richtig gescheppert. Früher kam so etwas häufiger vor. Wir konnten uns keine Security leisten und mussten selbst eingreifen. Das war nicht immer schön, aber nötig und gehörte leider zu dieser Zeit.

Ihre Songs sind auch immer politisch. Wie sehen Sie die aktuelle Stimmung?
Die Art, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen, hat sich verändert. Es gibt weniger Zuhören, mehr Angriffe. Man wird ständig aufgefordert, Stellung zu beziehen, auch wenn man nichts sagen möchte. Gleichzeitig werden Werte wie Gleichberechtigung oder Freiheit wieder angegriffen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Und wir spüren, dass man dafür täglich kämpfen muss, weil nichts Gewonnenes für immer bleibt. Dinge, die als erreicht galten, stehen wieder zur Diskussion und müssen neu verteidigt werden.

Ist Ihre Geschichte damit auserzählt?
Da wird sich durch uns nichts mehr ändern. Für radikale Veränderungen braucht es junge Leute. Diese Naivität haben wir nicht mehr. Die Gefahr ist, dass man sich an etwas klammert, nur weil man es gewohnt ist. Wir waren früher eine Band, die klar gegen und klar für etwas stand und polarisierte. Heute wollen wir verbinden. Wir können nicht mehr glaubwürdig mit radikalen Mitteln etwas verändern, dafür braucht es andere Kräfte und andere Generationen.

Was bleibt Ihre Aufgabe?
Dass wir noch Relevanz haben. Dass Leute nicht nur wegen alten Songs kommen, sondern wegen dem, was wir heute zu sagen haben. Wenn das nicht mehr da ist, sollte man aufhören. Es geht darum, nicht nur nach hinten zu schauen und die Vergangenheit zu verwalten, sondern im Hier und Jetzt noch etwas auszulösen.

Was würden Sie mit den letzten 100 Euro machen?
Ich würde eine gute Flasche Champagner kaufen und ein paar Pappbecher. Die verteilen an die Freunde, die mir am liebsten sind, dann anstossen und sagen: «Schön wars.»

Das Zürcher Konzert der Toten Hosen vom 20. Juni 2026 ist ausverkauft. Für den 19. Juni 2027 im Berner Stadion Wankdorf hat es noch wenige Tickets. 

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