Darum gehts
- Spin-off «The Testaments» startet auf Disney+, spielt 15 Jahre später in Gilead
- Ann Dowd erneut als Tante Lydia betont Entwicklung und sanfteren Ton der Serie
- Romanvorlage von Margaret Atwood zeigt erschreckende Parallelen zur US-Realität
Aus Frauen werden «Mägde», die als Sex- und Gebärsklavinnen missbraucht werden: In den USA ist «The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd» längst mehr als nur eine Serie mit schauerlicher Zukunftsvision, sondern der Spiegel der realen Angst vor frauenfeindlichem Fundamentalismus.
Letztes Jahr war nach der sechsten Staffel Schluss, jetzt startet das von Fans erwartete Spin-off «The Testaments – Die Zeuginnen» auf Disney+. Darin steht Ann Dowd (70) als berüchtigte Tante Lydia erneut im Zentrum. Die komplexe Rolle machte sie nicht nur zum heimlichen Star von «The Handmaid’s Tale», sondern bescherte ihr auch einen Emmy.
«Lydia ist ein Teil von mir»
Nach sechs Drehjahren erneut in diese Rolle zu schlüpfen, ist für Ann Dowd eine bereichernde Erfahrung. «Lydia ist ein Teil von mir geworden. Ich liebe diese Figur mit allen Facetten.» Auch wenn sie oft grausam sind. Lydia herrscht im Gottesstaat Gilead gnadenlos über die «Mägde». Im Namen des Patriarchats ist sie die Frau, die für die Männer die Frauen unterdrückt. Eine zwiespältige Rolle, in der sie zugleich Täterin und Überlebenskünstlerin ist. Ann Dowd sagt: «Als Schauspielerin urteile ich nicht, sondern konzentriere mich darauf, was sie tut und warum.» Spannend ist für die Schauspielerin die Entwicklung von Lydia. «Sie ist bereit, sich zu verändern. Darauf bin ich fast ein bisschen stolz.»
Die fanatische Hüterin der Moral wandelt sich in «The Testaments». Tante Lydia steht nun an der Spitze einer Eliteschule für zukünftige Ehefrauen. Dort vermittelt sie nach wie vor viel Strenge, Gehorsam und Gottesfurcht – zugleich stellt sie das totalitäre System mehr und mehr infrage. Neu stehen in der Fortsetzung zwei junge Frauen im Zentrum: Agnes und Daisy. Die Geschichte spielt rund 15 Jahre nach den Ereignissen von «The Handmaid’s Tale» und folgt den beiden Teenagern im Internat. Agnes wächst in Gilead auf und ist fromm und pflichtbewusst, während Daisy von ausserhalb kommt und als geheimnisvolle Konvertitin gilt.
Düstere Zukunft aus einem Roman von 1985
Auch wer die ursprüngliche Serie nicht gesehen hat, kann sofort einsteigen. «Zwar spielt sie wieder in Gilead, aber es ist eine eigene Geschichte», so Ann Dowd. Mit der neuen Besetzung wird bewusst auch ein jüngeres Publikum angesprochen: In den Hauptrollen sind die Nachwuchsschauspielerinnen Chase Infiniti (25) als Agnes und Lucy Halliday (21) als Daisy zu sehen. Und es ist laut der Schauspielerin nicht ganz so schwere Kost: «Viele fanden ‹The Handmaid’s Tale› sehr belastend. Die Fortsetzung ist sanfter – auch weil der Fokus auf den jungen Frauen liegt.»
Das Spin-off basiert auf Margaret Atwoods (86) Roman «Die Zeuginnen», der 2019 überraschend als Fortsetzung ihres Klassikers erschien. Atwood hat «Der Report der Magd» bereits 1985 geschrieben. Für die scharfsichtige Beobachterin des Zeitgeschehens war das keine Science-Fiction, sondern ein realistisches Szenario. Über ihre düstere Version der Zukunft sagte sie einmal: «Ich musste nichts erfinden.» Sie orientierte sich an allem, was es gibt oder schon gegeben hat: religiöser Fanatismus, patriarchale Macht und autoritäre Systeme.
Gnadenloser Gottesstaat trifft Nerv der Zeit
Als ihr Roman über den gnadenlosen Gottesstaat Gilead, in dem Männerfrust und die Unterdrückung der Frau die Gesellschaft bestimmen, 2017 als Serie verfilmt wurde, traf diese den Nerv der Zeit. Denn die erste Staffel wurde kurz nach der ersten Wahl von Donald Trump (79) als Präsident ausgestrahlt. Seine Kritiker erkennen in der Serie erschreckende Parallelen zu Atwoods düsteren Visionen: so den wachsenden Einfluss von religiösem Fundamentalismus in der Politik, wiederholte Angriffe auf demokratische Institutionen und auf die eigene Bevölkerung. Besonders stossend ist für Ann Dowd die Abschaffung bundesweiter Abtreibungsrechte. «Was gerade passiert, ist beängstigend – gerade für Frauenrechte.» Dass Frauen so wieder in eine patriarchale Gesellschaft gedrängt würden, sei sehr beunruhigend. «Ich hoffe, dass sich etwas ändern wird.»