Darum gehts
- Chris Brönimann nennt sich nur noch Chris und beendet Doppelnamen
- Er fordert Verbot von Pubertätsblockern für Minderjährige wegen möglicher Risiken
- Auf Instagram folgen seinem Profil als Nadia Brönimann 10'800 Menschen
Chris Brönimann (56) zieht einen radikalen Schlussstrich. Er nennt sich nicht mehr Nadia/Chris. Auch nicht mehr Chris/Nadia. Nur noch Chris! Kein Hin und Her, kein Zögern mehr mit seinem Vornamen, sondern ein Befreiungsschlag der bekanntesten trans Frau der Schweiz. Geboren am 14. Dezember 1969 als Christian, unterzog er sich mit 29 Jahren vor laufender TV-Kamera einer geschlechtsangleichenden Operation und sorgt seither als Nadia weit über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen.
Heute, nach einer langen Reise weg von sich selbst und wieder zu sich, sagt Chris Brönimann zu seinem Entscheid, sich nur noch mit seinem männlichen Vornamen zu nennen: «Ich bin Chris. Der, der ich immer war. Ein Mann. Und ich bin nicht non-binär.» Das Gegenteil von dem, was viele über ihn denken würden. Das ist kein Nebensatz. Das ist ein Aufräumen. Mit Projektionen, Zuschreibungen und Fremddefinitionen.
Entscheidungen haben Konsequenzen
Seit Monaten wird Chris eingeordnet, erklärt, etikettiert. Von Menschen, die ihn sehen – und glauben, ihn zu verstehen. Ein weiblich operierter Körper. Ein androgynes Erscheinungsbild. Eine männliche Haltung. Für viele reicht das, um ein Urteil zu fällen. Doch genau darin, sagt Chris, liege der fundamentale Irrtum.
Urteile erfährt er viele. Auch aus der Trans-Community. Seit er im Herbst des letzten Jahres seine Detransition öffentlich machte. Ein Wort, das bei vielen missverstanden wird. Denn bei ihm geht es nicht um ein körperliches Rückgängigmachen, sondern um ein seelisches und geistiges. Um die nüchterne Erkenntnis, dass das Leben kein Wunschkonzert ist.
Dass Entscheidungen Konsequenzen haben. Und dass manche Wege, so ehrlich sie einst gemeint waren, nicht mehr rückgängig zu machen sind. «Ich wünschte mir einzig für all die schwierigen Prozesse aller Detransitionen medizinische Begleitung, was aber in der Schweiz noch nicht existiert.»
Sein Körper ist operiert, verändert, vernarbt. Ein Körper, der heute nicht mehr einfach «zurück» kann. Nochmals operieren kommt für ihn nicht infrage. «Es würde sich wieder wie ein Fake anfühlen. Genau das, was mich innerlich zerstört hat» Immer wieder den Körper formen, korrigieren und optimieren. In der Hoffnung, dass es innen endlich ruhig wird. Doch je grösser seine Sehnsucht nach Ruhe war, desto lauter ist es in ihm geworden.
Einen Mann mit Brüsten zu sehen, das irritiert
Verstärkt hat diesen Prozess auch sein politisches Engagement. Chris Brönimann setzt sich öffentlich klar für ein Verbot der Abgabe von Pubertätsblockern und Hormonen zwecks Geschlechtsumwandlungen bei Minderjährigen ein. Die Gefahr, dass eine Transition aus der falschen Motivation heraus erfolgt, sei zu gross. «Die Chaosjahre der Pubertät müssen wir schützen», fordert er.
Seine Stimme wird er dafür auch künftig erheben. Doch nicht nur dafür. Auch für spirituell-christliche Werte. Den Respekt vor dem geborenen Körper, dem Wunder der Natur. Und für seine bittere Erkenntnis, dass man das Leben nicht versteht, wenn man es immer wieder nur äusserlich reparieren will. «Ich habe einen gesunden Körper geschenkt bekommen – und ihn grenzüberschreitend malträtiert.»
Seine Wahrheit lernt der in Lachen SZ lebende Buchautor («Seelentanz», «Die weisse Feder») immer mehr kennen – und annehmen. «Die Wahrheit liegt nicht im Spiegel», sagt er, «sondern in der Seele.» Dass Menschen ihn heute non-binär nennen, kann er nachvollziehen. Es irritiert, einen Mann mit Brüsten zu sehen. Diese Irritation trifft ihn immer wieder.
Sie sei manchmal unangenehm, manchmal verletzend, doch auch eine spannende Herausforderung, der er sich stellt. «Ich kann sie verstehen. Weil ich aus eigener Erfahrung weiss, dass Extreme aufrütteln, aufwiegeln, Fragen aufwerfen. Für mich finde ich darauf immer mehr Antworten.»
Auf Social Media heisst Chris noch Nadia
Sein Alltag bleibt kompliziert. Auf Social Media heisst er immer noch Nadia. Nicht aus Überzeugung, sondern wegen der Bürokratie. Verifizierte Konten. Fehlende Ausweise. Offene Personenstandsfragen. Erst wenn er amtlich nicht mehr als Nadia, sondern als Chris Brönimann geführt wird, kann er auch alle seine Social-Media-Profile anpassen. Aktuell folgen Nadia Brönimann auf Instagram 10’800 Menschen.
Unterstützung erfährt er in seinem Identitätsprozess von vielen Seiten. Pianist Pit Moser hat seiner Lebensreise den Song «Ein Lied für Chris» gewidmet. Kein politisches Statement, kein Angriff, sondern ein musikalischer Versuch, all das auszuhalten, was sein Leben zwischen Identität, Körper, Schmerz und Wahrheit hinterlässt. «Ein Lächeln nach aussen, doch Tränen bei Nacht, von einer Gesellschaft in Ketten gemacht», heisst es in einer Zeile. «Jetzt geht er aufrecht, befreit und klar, die Seele geheilt von so manchem Jahr», in einer weiteren.
Die Geschichte von Chris Brönimann widerspricht einfachen Narrativen. Sie passt in viele Debatten – und in keine Schublade. Die Masken hat er abgelegt. Seine Geschichte ist keine einfache. Doch sie ist echt und für ihn versöhnend.