Die Nation reibt sich die Augen: Hatten wir uns doch auf magere Jahre eingestellt, auf schmerzhafte Zeiten im Gedonner der Machtblöcke: Die EU piesackt uns, Asien macht uns Konkurrenz, Trump berserkert. Der Wohlstand scheint bedroht, das Glück am Abgrund.
Und wie reagiert die Schweiz? Sie zeigt plötzlich Stärke und Selbstbewusstsein. Statt der üblichen Unkenrufe und der gängigen Selbstgeisselung herrscht eine fast nonchalante Zuversicht in der Sommerhitze. Rot-weisse Wonne.
Die Zeichen kommen aus Übersee. Bei seinem Besuch an der Fussball-WM trägt Guy Parmelin eine rote Mütze im MAGA-Stil, wie man sie von Donald Trump kennt. Auf der Kopfbedeckung des Schweizers steht: «Switzerland. Great since 1291.» Ein Bild, das für Aufsehen sorgt: Der Bundespräsident tritt in die Höhle des Löwen und sendet dem US-Präsidenten, der Bern mit Zolldrohungen schikaniert, ein subtiles, aber freches Signal. Und er ist nicht der einzige Schweizer, der in Amerika verblüfft.
Nati-Trainer Murat Yakin präsentiert im Sechzehntelfinal gegen Algerien eine Mannschaft mit Spielkultur und Reife, wie sie uns hoffentlich auch im Achtelfinal erhalten bleiben. Eine so frische, so erfolgreiche Schweiz ist Doping für die Volksseele.
Der dritte Schweizer, der in den USA für Schlagzeilen sorgt, ist ebenso schillernd wie umstritten: Fifa-Präsident Gianni Infantino verantwortet eine bisher organisatorisch überzeugende WM-Endrunde. Dass neun Mannschaften aus Afrika die K.-o.-Phase erreicht haben, entspricht der Mission des Wallisers, der den Weltfussball noch breiter aufstellen will. Im nächsten Jahr wartet die Frauen-WM in Brasilien.
Ob man Parmelins Mütze mag oder nicht, ob Yakins Elf den Titel holt oder vorher ausscheidet – die Schweiz wirkt diesen Sommer plötzlich weniger ängstlich. Weniger geneigt, sich kleinzureden.
Der Schweizer Denker Karl Schmid (1907–1974) beschrieb einst das «Unbehagen im Kleinstaat». 60 Jahre später scheint dieses Unbehagen zumindest für einen Sommer verflogen. Man reibt sich die Augen.