Die Neutralität ist fest im Schweizer Selbstverständnis verankert. Sie ist aussenpolitische Maxime, innenpolitischer Identitätsstifter und Basis der guten Dienste. Doch die vergangene Woche hat gezeigt: In der neuen Grossmachtpolitik ist der neutrale Kleinstaat Spielball, der ausser Hotels zu reservieren und Sicherheitskosten zu bezahlen, nichts zu melden hat.
Die USA, der Iran, Katar und Pakistan entschieden: Friedensgipfel in der Schweiz. Macron entschied: Unterschrift in Versailles. Die Schweiz entschied: nichts und wurde gleich mehrfach überrumpelt.
Zudem wurde deutlich: Die europäischen Nachbarn nehmen immer weniger Rücksicht auf den Alpenstaat. «EU first» lautet die Devise. Wer weder EU-Mitglied noch Grossmacht ist, scheint ignoriert werden zu können. Oder glauben Sie, Macron hätte denselben Schritt gewagt, wenn Berlin statt Bern den Gipfel vorbereitet hätte? Eben.
Wenn Grossmächte Hegemonialpolitik betreiben, ziehen andere früher oder später nach. Was die politische Theorie lehrt, erlebte die Schweiz diese Woche hautnah. Ist das Bully-Verhalten sympathisch? Nein, aber wohl die neue politische Realität.
Der Hegemon vor unserer Haustür heisst EU. Bisher hat sie Schweizer Sonderwege eher gutmütig geduldet. Ändert sich das, müssen wir uns warm anziehen. Vor der nächsten Anti-EU-Abstimmung im September sollten wir auf die vergangene Woche schauen und uns fragen: Wollen wir ein gutes Verhältnis zur EU? Wenn nicht: Was sind wir bereit zu opfern? Unseren Wohlstand? Unsere Sicherheit? Darum geht es. Und um die schleichende Erkenntnis: Die fetten Jahre sind vorbei.