Editorial von SonntagsBlick-Chefredaktor Gieri Cavelty
Die Folgen von Corona werden brutal unterschätzt

Corona bringt keine konjunkturelle Delle. Wir erleben derzeit vielmehr eine strukturelle Umwälzung. Noch aber sind die wenigsten bereit, diesen Tatsachen ins Auge zu blicken. Wir verlieren dadurch unnötig Zeit.
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Gieri Cavelty, SonntagsBlick-Chefredaktor.
Foto: PAUL_SEEWER

Ausgerechnet die Waadt! Dort gilt seit Juli die Maskenpflicht in Geschäften. Gleichwohl meldet der Kanton derzeit einen Drittel der landesweiten Corona-Neuinfektionen. Bereits ist die Rede davon, dass Spitäler nicht lebensnotwendige Operationen aufschieben.

Haben sich die Menschen wegen der Masken in falscher Sicherheit gewiegt? Sind darum die Abstands- und Hygieneregeln in Vergessenheit geraten? In jedem Fall war es so, dass junge Leute Covid-19 den Sommer über als Reservoir dienten und es nun auch wieder Ältere trifft.

Das Virus ist und bleibt der Elefant im Raum. Es wird un­seren Alltag noch lange prägen. Länger als wir es uns in unserer kurzlebigen Zeit überhaupt ausmalen können.

Das aktuell wichtigste wirtschaftspolitische Instrument ist die Kurzarbeit. Kein Ökonom, kein Politiker, der ihre Bedeutung nicht herausstreicht. Selbstverständlich ist die Kurzarbeit ein Segen für Unternehmen und Angestellte in Not! Allerdings ­signalisiert das Wort «Kurz­arbeit»: In Kürze sind die Pilotinnen und die Stewards allesamt wieder in der Luft, gehen wie einst tolle Ferienarrangements über die Tische der Reisebüros. Besucherströme an Messen und Ausstellungen, Gästescharen aus Fernost in Hotels und Boutiquen.

Ein schöner Traum! Leider nur ist Corona eben keine konjunktu­relle Delle, sondern eine struktu­relle Umwälzung. Nicht zuletzt ist die Seuche ein Boost für ­Veränderungen, die sich länger schon angebahnt haben. Die Reise­büros, um bloss ein Beispiel zu nennen, stehen nicht erst seit heute unter Druck. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sie sich von diesem jüngsten Schlag nicht mehr er­holen und das Geschäft vollständig ins Netz abwandert.

Es liegt jetzt in der Verantwortung der Politik, über Kurzarbeit und Arbeitslosenhilfe hinaus zu denken und zu handeln. Die ­Angestellten in den versehrten Branchen sollen die Möglichkeit haben, sich beruflich neu zu ­orientieren, ohne von Existenzsorgen geplagt zu werden.

Der britische Soziologe Colin Crouch hat die Idee vor Jahren aufgebracht, mit Corona empfiehlt sie sich auch für unser Land: Statt auf einen aussichts­losen Schutz von Arbeitsplätzen in strukturschwachen Sektoren muss sich die Politik darauf ­konzentrieren, die Menschen für neue Bereiche zu qualifizieren.

An sinnvollen Betätigungs­möglichkeiten fehlt es nicht. Die SBB haben zu wenige Lokomotivführer, zugleich gibt es Piloten ohne Aussicht, je wieder abheben zu können. Flugbegleiter haben keine Beschäftigung, zugleich herrscht in Krankenhäusern und Altersheimen ein chronischer Mangel an Pflegepersonal.

Tatsächlich fordert ein Vorstoss im Parlament genau dies: Wer in einem von Corona in Mitleidenschaft gezogenen Wirtschaftszweig arbeitet, soll sich umschulen können und dafür in dieser Zeit einen ordentlichen Lohn erhalten. Das Büro des Nationalrates hat das Anliegen diese ­Woche jedoch für «nicht dringlich» erklärt und auf die lange Bank geschoben.

In Bundesbern regiert nach wie vor das Prinzip Hoffnung. Echte Hoffnung und Hilfe kann man aber nur bieten, wenn man den Betroffenen zuvor klarmacht, was die Stunde geschlagen hat.

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