Ich lieg in der Sonne auf einer Holzliege. Auf einem Hof auf dem Ritten, einem Bergrücken im Südtirol. Unten grasen Esel und Ziegen, neben mir liegt Moritz. Moritz ist dick und schwarz. Sein Fell ist so weich, ich möchte es stundenlang streicheln. Der Kater schmiegt sich immer wieder an mich. Auf der anderen Seite liegt meine beste Freundin. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Gesicht wird von der Sonne erwärmt. Im Hintergrund höre ich Gesprächsfetzen und das Klirren des Bestecks.
Wir sind Pilgerinnen. So nennen uns jedenfalls die Einheimischen, auf die wir immer wieder treffen. «Madeln, ihr habts so grosse Rucksäcke. Wo laufts denn ihr gen hin?»
«Wir laufen den Keschtnweg (Kastanienweg)», antworten wir. Und legen nach: «Wir wandern von Brixen nach Bozen. In vier Tagen!» Sie staunen dann, stellen Fragen und bewundern uns. Wir sollen für sie mitbeten, sie hätten so viele Sünden begangen, sagen dann die kecken Männer der Ausflugstruppe und lachen. Wir antworten: «Wir beten nicht, wir trinken Wein.» Dann lachen wir alle.
Übers Pilgern lese ich: Pilgerten die Menschen in früheren Zeiten fast ausschliesslich aus religiösen Motiven, so wird heute auch gepilgert, ohne einer bestimmten Religion anzugehören: einfach, um den Alltagsstress zu vergessen und den Kopf freizubekommen.
Jeden Tag fünf, sechs Stunden zu gehen, einen schweren Rucksack zu tragen und eine der schönsten Herbstlandschaften zu bestaunen, ist wahres Glück. Neben sich einen guten Freund zu haben und über alles zu reden, für das sonst oft zu wenig Zeit bleibt, ein Geschenk. Jeder Knödel, jedes Glas Wein, jede Dusche, jedes Bett wird umso mehr geschätzt, wenn einem die eigenen Beine dahin getragen haben. Wenn man geschwitzt und geschimpft hat. Bis man am Ziel endlich auf eine Bank sinkt und die Wanderschuhe ausziehen kann.
Nur jetzt, nach so einer gemütlichen Rast auf einer Holzliege in der Sonne, ist es wahrlich schwer, sich aufzuraffen und weitere Stunden zu gehen. Der Bauch ist voll, die Beine müde, der Kopf leer. Aber wir müssen es bis Sonnenuntergang zu unserer Unterkunft schaffen. Elisabeth wartet. Sie freut sich, uns kennenzulernen, und drückt uns, schrieb die Wirtin in einem Mail. So ist man hier, im Südtirol. Offen und herzlich. Moritz steht auf und streckt sich, mit einem Satz hüpft er von der Liege. Zeit zu gehen.