Milena Moser über einen Marktbesuch
Der Farmer und sein Töff

Beim Besuch auf dem Wochenmarkt lerne ich nicht nur eine alte Freundin von einer anderen Seite kennen, ich lasse auch ein paar Vorurteile liegen.
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Milena Mosers Kollegin Paula besucht regelmässig ...
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Paula kommt verspätet zum Wochenmarkt in San Francisco, doch sie kommt
  • Farmer Chuck erzählt von einer Harley-Rallye und von mexikanischen Familien
  • Jährlich reisen fast 500’000 Motorräder zur Rallye in South Dakota
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Milena Moser

Am Samstag besuche ich mit meiner Freundin Paula den Wochenmarkt. Vorausgesetzt, sie vergisst es nicht oder verschläft oder sonst was. Sie ist die Verkörperung der zerstreuten Professorin, ihr Geist ein absolutes Feuerwerk der Assoziationen und jedes Gespräch mit ihr so belebend wie ein sprudelndes Getränk mit einem Eiswürfel drin. Aber pragmatische Dinge wie «Wann haben wir schon wieder abgemacht?» vergisst sie halt manchmal.

Gschäch nüt Schlimmers.

Verankert in der Welt

Diesmal kam sie zwei Stunden nach der verabredeten Zeit, aber sie kam. Die Autofahrt mit ihr ist auch immer ein Abenteuer. «Ich hab auf einem Traktor fahren gelernt», erzählt sie gern, und so bewegt sie sich auch auf den Strassen von San Francisco wie auf einem frisch gemähten Feld, auf dem sie jederzeit – und ohne hinzuschauen – wenden kann.

Wir kamen also ziemlich spät zum Markt, manche hatten schon abgebaut, andere setzten gerade die Preise herunter. Zielstrebig ging sie auf ihre Lieblingsstände zu. Seit Jahrzehnten kommt sie hierher, auf den ältesten und chaotischsten Wochenmarkt der Stadt. Darum geh ich so gern mit ihr mit. Hier sehe ich eine ganz andere Seite der abgehobenen Intellektuellen. Sie erinnert sich an Lebensumstände, Namen von Kindern, wichtige Ereignisse, sie erkundigt sich nach Rezepten und Schulnoten und fragt nach, ob die neuesten politischen Weisungen die Arbeit auf der Farm erschweren. Und alle reden gern mit ihr, egal, wie lang die Schlange hinter ihr ist – und erst recht, wenn jemand versucht, sich vorzudrängen.

Der Wochenmarkt verankert sie in der Welt, verstehe ich.

Harley-Rallye in South Dakota

«Hey, Chuck!», ruft sie von weitem, als wir auf einen Fruchtstand an der Seite zugehen.

«Da bist du ja wieder!»

Der hünenhafte Farmer grinst unter seinem Vollbart hervor. «Tja, ich hab mir doch tatsächlich einen Monat freigenommen.» Er habe sich eine Harley-Davidson gekauft, erzählt er, und sei nach South Dakota zur jährlichen Rallye durch die Black Hills gefahren.

«Oh, da war ich neulich auch zum ersten Mal», mische ich mich ein. Allerdings ein paar Wochen vor der Rallye, doch die ersten Töffgruppen hatten sich schon eingefunden. In den Souvenirshops wurden T-Shirts angeboten, die den Präsidenten deutlich verjüngt und in cooler Ledermontur zeigten. Die Gegend ist eine der konservativsten und regierungstreuesten des Landes. Ich schaue den Farmer Chuck ein wenig misstrauisch an, aber ich erwähne nur die Schönheit dieser Natur, die ich noch gar nicht kannte. Und er beschreibt das Erlebnis, eines von fast 500’000 Motorrädern zu fahren.

Die wahre Familie

In den letzten Jahren habe ich gelernt, den Raum zwischen den Worten zu deuten, das Ungesagte zu hören. Doch dann überrascht mich Chuck: «Ich kenn ja Mexiko viel besser als mein eigenes Land.»

«Wie das?», fragt Paula.

«Die Leute, die mit uns leben», sagt er, und ich weiss, was er meint: die Leute, die für ihn arbeiten. «Die kommen fast alle aus Mexiko. Und die laden mich dann immer ein, wenn sie ihre Familien besuchen, ich kann bei ihnen wohnen und alles.» Er beschreibt Gegenden, die in keinem Touristenführer vorkommen, und Gerichte, die in jeder Familie anders zubereitet werden.

Würden diese Mütter ihn bekochen, wenn er ihre Söhne schlecht behandelte?, frage ich mich.

Nein.

«Diese Leute sind meine wahre Familie», sagt er, und während ich diese Aussage noch verarbeite, will Paula schon ein Foto von seiner Harley sehen.

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