Kolumne «Weltanschauung»
Selbstmordgedanken

Eine unerträglich grosse Zahl von Menschen trägt sich mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Was können wir dagegen tun?
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Giuseppe Gracia, Schriftsteller und Medienbeauftragter des Bistums Chur.
Foto: Thomas Buchwalder
Giuseppe Gracia

Gemäss dem Schweizerischen Gesundheits-Observatorium haben in den letzten Wochen rund 541'000 Menschen in der Schweiz daran gedacht, sich das Leben zu nehmen, darunter ein beachtlicher Anteil Jugendlicher. Von diesen Menschen haben etwa 200'000 bereits einen Selbstmordversuch hinter sich, rund 33'000 allein in den letzten zwölf Monaten. Seit 2012 steigt der Anteil an Menschen mit Suizidgedanken jedes Jahr weiter an, wobei die Dunkelziffer höher liegen dürfte.

Wie ist diese Tendenz zu erklären? Wie kommen in der wohlhabenden Schweiz so viele Menschen auf die Idee, dass es besser wäre, nicht mehr zu leben?

Der deutsche Psychiater Manfred Spitzer ist überzeugt: In unserer optimierten, digitalisierten Zeit wird Einsamkeit zur tödlichsten aller Krankheiten. Unter Einsamkeit versteht Spitzer nicht nur soziale Isolation, sondern auch einen anhaltenden inneren Schmerz der Beziehungslosigkeit, an dem Menschen auch mitten im Alltag, im grössten Aktivismus, leiden.

Automatisierter Alltag

Pro Tag verbringen Jugendliche bis zu neun Stunden mit Medien wie Instagram, Whatsapp oder Youtube und deutlich weniger mit persönlichen Begegnungen. In den Städten leben immer mehr Singles. Und dank der Automatisierung des Alltags ist es möglich, online einzukaufen, Fahrkarten zu lösen, im Shoppingcenter zu bezahlen und sich tagelang durchzuschlagen, ohne mit einem einzigen Menschen kommunizieren zu müssen.

Selbst Leute, die beruflich mit Menschen zu tun haben – Mediziner, Seelsorger, Pflegepersonal –, klagen über eine immer dicker werdende Decke aus Rationalisierung und Bürokratisierung, die den Freiraum für die eigentliche Begegnung und Beziehungen erstickt.

Weniger Tempo, mehr Wärme

Das alles könnte die Zunahme von Selbstmordgedanken erklären. Denn wie schon der Philosoph Schopenhauer im 19. Jahrhundert gesagt hat: «Der Selbstmörder will das Leben und ist bloss mit den Bedingungen unzufrieden, unter denen es ihm geworden.»

Wenn das stimmt – und das ist die gute Nachricht –, dann können wir etwas dagegen tun. Wir können versuchen, unseren technisch getriebenen Lebensstil wieder langsamer, aufmerksamer, wärmer zu machen. Damit wir wieder spüren, wie wertvoll das Leben und die zwischenmenschlichen Beziehungen sind.

Giuseppe Gracia (52) ist Schriftsteller und Medienbeauftragter des Bistums Chur. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. In seiner BLICK-Kolumne, die jeden zweiten Montag erscheint, äussert er persönliche Ansichten.

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RMS
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Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da:

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben

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