Darum gehts
- Vor dem Flug nach San Francisco sind die Schlangen am Flughafen lang
- Milena Moser lässt andere vor und fühlt sich wie eine Superheldin
- Der Gefallen brachte ihr dann eine Aufmerksamkeit ein
Es ist schon wieder eine Weile her, dass ich von Zürich nach San Francisco geflogen bin – ich glaube, es war gegen Ende der Sommerferien, oder es wurden neue Regelungen eingeführt, jedenfalls waren die Schlangen überall endlos. Und die Stimmung entsprechend gereizt.
Ich tat, was ich konnte, ganz einfach: Ich liess anderen den Vortritt. Immer wieder. Das fiel mir nicht mal schwer, denn je älter ich werde, desto früher stehe ich am Flughafen, am Bahnhof oder auch nur im Treppenhaus.
Jüngere Freundinnen machen sich darüber lustig, ich geniesse es. Denn ich hatte in meinem Leben genug nervenzerreissende Reiseerfahrungen. Verpasste Anschlüsse, falsche Zielorte, verlegte Pässe ... Ich sage nur: unbehandelte Kurzsichtigkeit und unerkanntes ADS.
Deshalb geniesse ich heute den vielleicht grössten Luxus: Ich nehme mir Zeit.
Verwirrung und Dankbarkeit
Die von mir Vorgelassenen reagierten allesamt erst einmal verunsichert, beinahe schon misstrauisch. Dann begannen sie, sich zu rechtfertigen: «Unser Flug geht schon gleich!» «Ich kann wirklich nicht so lange stehen.»
Ich lächelte freundlich und nickte und sagte etwas Belangloses wie: «Kein Problem.» Manchmal auch: «Ich habe es nicht pressant.» Doch das löste beim Gegenüber so viel Verwirrung aus, dass ich es runterschluckte. Obwohl es der Wahrheit entsprach. Wer hat es heutzutage schon nicht pressant? Eine Verrückte?
Später traf ich einige von ihnen im Terminal wieder. Sie erkannten mich, winkten, bedankten sich noch mal, lächelten mir zu. Jemand kaufte mir sogar einen Kaffee. Ich fühlte mich ein wenig wie eine Superheldin – vor allem aber genoss ich die entspannte Stimmung, die mich bis zu meinem Gate trug.
Die Szene am Gate
Da bot sich dann wieder die übliche Szene – die einen stehen schon ewig an, während die anderen im letzten Moment versuchen, sich von der Seite her reinzudrängen. Und dann gehässige Blicke ernten. So auch ein junges Paar, Amerikaner vermutlich, beide blond und mit weissen Zähnen. Er lächelte entschuldigend, sie schmollte und verdrehte die Augen. Ich beobachtete sie und war plötzlich sicher, sie von irgendwoher zu kennen, vielleicht aus einem Werbefilm. Aber das war nicht der Grund, warum ich zum 15. Mal an diesem Vormittag einen Schritt zur Seite trat und sie mit einer Handbewegung in die Schlange einlud. Ich tat es, weil ich unterdessen süchtig war nach dem Kick, den es mir versetzt, wenn ich dann das Erstaunen im Blick des anderen sehe. Als hätte ich ein kleines Wunder vollbracht.
Der Mann zögerte erst, fragte ein paar Mal nach, ob ich es wirklich ernst meinte. Seine Frau schaute immer noch an uns beiden vorbei, bewegte sich aber beinahe unmerklich in die Schlange hinein. Vielleicht wollte ich sie einfach aus der Reserve locken, indem ich einen müden Witz versuchte: «Na hören Sie, wenn Sie auf Ihrer ganzen Reise eine freundliche Schweizerin antreffen, dann nutzen Sie es doch aus!» Er stutzte, dann lachte er anerkennend, und sogar seine Frau hob ihren Blick und schaute mich zum ersten Mal direkt an. Einen kurzen Moment lang fühlte ich mich beinahe cool, doch dann setzte er zu einem komplizierten Abklatschritual an, das mich derart überforderte, dass ich fast panisch meine Hände auf dem Rücken versteckte.
Den Rest der Anstehzeit verbrachten wir in peinlich berührtem Schweigen – bis ich einem weiteren Paar den Vortritt liess, auch sie Amerikaner. Dankbar schoben sie sich zwischen uns und begannen sofort ein angeregtes Gespräch.
Den grössten Gefallen tut man sich ja am Ende meist selbst.