Gastkommentar zur Pisa-Studie 2025
Wie soziale Herkunft Bildungschancen prägt

Ob ein Schweizer Kind die schulischen Grundkompetenzen erreicht, hängt massgeblich vom Portemonnaie der Eltern ab – diese Erkenntnis ist bedenklich, findet Désirée Zaugg.
Kommentieren
1/2
Désirée Zaugg, Spezialistin Kinderrechte bei Unicef.
Foto: zvg

Die Schweiz gehört gemäss Pisa 2025 weiterhin zu den bildungsstärksten OECD-Ländern – in Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften und computergestütztem Problemlösen liegen Schweizer Jugendliche klar über dem Durchschnitt. Doch dieser gute Schnitt gilt nicht für alle Kinder gleichermassen.

Die soziale Herkunft entscheidet über den Bildungserfolg – und damit über die Zukunft. Schon die Unicef Report Card 20 zeigte dies deutlich: 91 Prozent der Jugendlichen aus besser gestellten Verhältnissen erreichen die Grundkompetenzen in Mathematik und Lesen, bei benachteiligten Familien sind es nur 46 Prozent. Ein Ergebnis, das eines der reichsten Länder der Welt unwürdig ist. Pisa 2025 bestätigt: Jugendliche aus einkommensschwachen Familien und mit Migrationsgeschichte erzielen weiterhin tiefere Leistungen.

Manche Kinder wachsen mit genügend Wohnraum, ungestörtem Lernumfeld und Unterstützung durch Erwachsene auf. Andere leben mit finanziellen Sorgen, ohne ruhigen Lernort und ohne Geld für Förderangebote. Die Zukunft eines Kindes darf nicht davon abhängen, in welche Familie es geboren wird.

Frühkindliche Bildung muss unabhängig vom Elterneinkommen zugänglich sein. Wer schon in den ersten Lebensjahren zurückbleibt, holt dies später kaum auf. Kostenlose oder vergünstigte Kitaplätze ab Geburt – nicht erst ab dem Kindergarten – könnten diese Kluft verkleinern. Zudem braucht es gesicherte finanzielle Verhältnisse sowie Zugang zu Lernmaterialien und sozialer Teilhabe für alle Kinder.

Wohlbefinden gehört zur Bildung

Schule ist auch Lebensraum. Kinder entfalten ihr Potenzial nicht, wenn sie sich unsicher fühlen oder ausgegrenzt werden. Pisa zeigt: Mobbinggefahr geht in den meisten OECD-Ländern mit schwächeren Leistungen und geringerem Zugehörigkeitsgefühl einher. Eine chancengerechte Schule muss unabhängig von Herkunft, Sprache, Geschlecht, Behinderung oder finanzieller Situation fördern und schützen – Mobbing und Diskriminierung müssen systematisch verhindert werden, unter Einbezug der Erfahrungen der Kinder selbst.

Ein guter nationaler Durchschnitt und ungerechte Bildungschancen können gleichzeitig bestehen. Entscheidend ist nicht nur die Durchschnittsnote eines Landes, sondern ob jedes Kind – unabhängig von Einkommen, Sprache oder Lebenssituation – lernen und sein Potenzial entfalten kann.

* Désirée Zaugg ist Spezialistin Kinderrechte bei Unicef

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen