Daniel Elmiger formuliert seine Prognose ganz lakonisch: «Die mehrsprachige Schweiz droht Folklore zu werden.» Der ausserordentliche Professor an der Universität Genf hält das für eine denkbare Zukunftsvariante:
Die Schweiz als Folklore.
So klingts bereits aus den Lautsprechern der SBB, wenn die Bahn sich an ihre Fahrgäste wendet: gern in Englisch. Sogar Daniel Elmiger hält das für eine «vernünftige Lösung». Und genau das ist das Problem: Die Schweizer Landessprachen werden hintangesetzt, um Ausländern zuzudienen – unter Verzicht auf die Schweiz.
Verzicht auf die Schweiz?
In der Tat, den SBB-CFF-FFS böte sich eine wundervoll beiläufige Gelegenheit, die kulturelle Identität der Schweiz-Suisse-Svizzera zu signalisieren: durch eine Ansage in den Landessprachen. Im Anschluss könnte immer noch Globalesisch folgen. Was wiederum die Botschaft vermitteln würde: «Sie fahren durch die Schweiz.»
Die Folkloreschweiz rückt mittlerweile auch an den Schulen in den Vordergrund: Frühfranzösisch, wie das Fach auf Primarschulstufe heisst, soll nach dem Willen einiger Deutschschweizer Kantone abgeschafft werden. Nicht nur die Schüler haben Mühe mit der Sprache der Romands, sondern laut Elmigers Feststellung vor allem auch die Lehrer.
Wer ausser Touristen, die sich in die Deutschschweiz verirrt haben, redet denn heute in der Öffentlichkeit überhaupt noch ohne Not Französisch? So gesehen, wäre der Verzicht auf die Landessprache letztlich gar kein Verzicht – bloss ein Vergessen.
Vergessen wir gerade die Schweiz?
Die weltweit bewunderte Nation existiert nur durch Sprachkulturen: Italienisch, Französisch, Deutsch – für ernsthafte Romantiker noch Rätoromanisch. Die drei grossen Sprachräume stehen dabei nicht Klein gegen Mittelgross gegen Gross, nicht
Ticino gegen Suisse romande gegen Deutschschweiz.
Sie stehen eins zu eins zu eins – gleichwertig nebeneinander, miteinander, ineinander. Und ohne den einen Teil – welchen auch immer – gibt es keine Schweiz.
Fürwahr eine verrückte Geschichte, denn sie «ver-rückt» Teile unserer Nachbarkulturen in die Schweiz: zur Schweiz. Dieses spektakuläre Konstrukt ist keinem Plan entsprungen. Es ist Ergebnis des Strebens nach Unabhängigkeit – nach Freiheit.
Allerdings beinhaltet «Streben» auch Anstrengung.
Darauf möchten nicht nur Schulmeister verzichten. Auch in der Wirtschaft spricht man gern Globalesisch: Büro heisst «Office», die Personalabteilung «Human Resources». Wäre das Kaderwelsch doch wenigstens Welsch!
So kommt unsere Schweiz mit ihren wundervollen Landessprachen den Landsmännern und Landsfrauen gerade abhanden. Der Genfer verständigt sich mit der Zürcherin auf Englisch.
Verständigen statt Verstehen.
Einzuräumen wäre: Leicht ist dieses – unser – Land nicht zu verstehen. Man muss es erlernen. Am besten von Kindesbeinen an. Durch Kameradinnen und Kameraden unterschiedlicher Landessprachen im Kindergarten. Auf der Schulbank beim Lernen und Üben einer zweiten Landessprache. Im Schüleraustausch zwischen den Sprachkulturen. Beim Militär in sprachlich gemischten Einheiten. Also durch all das, was dem Kennenlernen der Schweizer schon immer förderlich, sogar unverzichtbar war.
Das Mühen um die Schweiz – das ist die Schweiz.
Man muss sie erfühlen, die Schweizerische Eidgenossenschaft: in ihrer Vielfalt, nicht zuletzt auch in den Kaprizen der Vielgestalt. Dichter haben zuhauf um sie geworben, von Max Frisch über Friedrich Dürrenmatt bis Peter Bichsel. Es sind lauter Liebesgeschichten. Bei Frisch ist es enttäuschte Liebe, bei Dürrenmatt kritische Kameraderie, bei Bichsel, Berater der Bundesratslegende Willi Ritschard, war es praktische Politik.
Die Schweiz will gewollt werden.
Die Willens-Schweiz.