US-Investor Steven Wood möchte Mitglied des Verwaltungsrats der Swatch Group werden. Nick Hayek, Chef des Konzerns mit 32 000 Mitarbeitern und 16 Uhrenmarken, möchte das nicht.
Sein Herausforderer, CEO einer Beteiligungsfirma, die Aktien der Swatch Group im Wert von 35 Millionen Dollar verwaltet, kämpft verbissen um den Einzug ins oberste Gremium der Uhrenfirma mit 6,3 Milliarden Franken Umsatz.
Steven Wood stilisiert sich zu diesem Zweck als Held der Schweizer Geschichte: «Ich fühle mich wie Winkelried.» Arnold von Winkelried war der Held der Schlacht bei Sempach am 9. Juli 1386. Er soll die Lanzen habsburgischer Ritter gepackt und sich selbst damit aufgespiesst haben. So öffnete er den Eidgenossen mit dem Ruf «Ich will Euch eine Gasse bahnen» die Bresche, die zum Sieg führte.
Hayek als Habsburger, der US-Spekulant als Eidgenosse – verkehrte Welt!
Dieser Darstellung widmete die «Neue Zürcher Zeitung», eigentlich ein Blatt mit Gespür für das rechte Mass, eine ganze Seite. Geht es da möglicherweise um mehr als einen kleinen Herausforderer in seinem Ringen mit einem grossen Unternehmer?
1983 gründete Nicolas G. Hayek, der Vater von Nick Hayek, die SMH. 1998 ging daraus die Swatch Group hervor. Es war die Renaissance der Schweizer Uhrenindustrie nach ihrer grössten Krise. Und man darf ohne Übertreibung sagen: Der geniale Unternehmer Hayek rettete damals Abertausende Arbeitsplätze. Er tat es mit einem kämpferischen Geist, den er seinem Sohn Nick weitergab und der heute noch das Handeln der Familie bestimmt: Arbeitern wird nicht gekündigt – sie kommen zuerst. Man könnte als Reaktion auf die Winkelried-Anmassung des Amerikaners hinzufügen:
Die Schweiz kommt zuerst.
Die Swatch Group ist heute ein Herz der alpenländischen Industrie, gruppiert um die zweisprachige Welt-Uhrenstadt Biel-Bienne, ansässig vor allem in den Kantonen Jura, Neuenburg, Bern und Solothurn.
Und die Schweiz ist stolz darauf! Ist sie stolz genug?
Die Herausforderung des US-Investors, bescheiden und protzig zugleich in seinem Auftritt, hat grundsätzliche Dimensionen: «Im Durchschnitt bleiben Unternehmen fünf bis zehn Jahre in unserem Portfolio», erklärt er – also gerade so lang, bis der Portfolio-Profit erbracht ist.
Kapitalismus als Spiel mit Geld um Geld.
Doch es gibt noch die andere Kapitalismus-Variante. Sie erfordert kreatives Unternehmertum, wie bei der Swatch Group, wie bei Roche, wie bei Ringier, dem Verlagshaus von Blick und SonntagsBlick, wie bei Stadler Rail, um nur einige Firmen im Familienbesitz zu nennen – ihnen geht die patronale Verantwortungsethik vor Profitgier.
Sie leben den Patronkapitalismus.
Auf dieser Formel für kapitalistischen Erfindungsgeist beruht der weltweit bewunderte wirtschaftliche Erfolg der Schweiz, von der Uhrmacherkunst über den Maschinenbau bis zur Medizintechnik: Etwas unternehmen, um ein Problem zu lösen, Fortschritt zu erzielen – Geld zu verdienen.
Unternehmertum.
Dagegen steht das Spekulantentum, ein wucherndes Unkraut neben den blühenden Blumen – manchmal nützlich, zuweilen schädlich, stets miternährt vom konstruktiven Kapitalismus, der Investorengelder benötigt, wenn er in eine Entwicklung investieren will.
Die Familie Hayek wehrt sich aktuell gegen einen Investor, der «den Wiederverkaufswert bei Omega» verbessert sehen möchte – den Wiederverkaufswert seiner Aktien. Der gute Wille sei Amerikas Winkelried keineswegs abgesprochen – allerdings jegliches Verständnis für die Patron-Kultur.
Die Dealer-Unkultur ist in der Wirtschaft gerade arg im Schwange: Man kauft sich Unternehmen, man kauft sich Skigebiete, man kauft sich Tourismus-Infrastruktur – man kauft sich die Schweiz.
Dabei spekuliert man auf ein neues Abu Dhabi: das eidgenössische und darum das endlich und endgültig sichere Abu Dhabi – die Schweiz mit ihrer wirklichen Wirtschaft, mit ihrem Verzicht auf Kulissenzauber! Paradies für Profiteure dieser wild gewordenen Welt.
Die Swatch Group allerdings ist nicht im Angebot.