Die Kolumne
Schreiende Stille

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Strassenszene in Afghanistan.
Foto: AFP
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Frank A. Meyer

Ja, es ist ein grauenhaftes Bild: Frauen im Regen auf einer Dorfstrasse, an die Wand gedrängt und durch Verschleierung von Kopf bis Fuss unsichtbar gemacht – zum Verschwinden gebracht, oft nur noch wahrnehmbar als gebückte Körper unter Tuch. Vor ihnen ein Mann, ihr Züchtiger, mit einem langen, krummen Stock in der Hand: Wehe, eine der Bedrängten sollte sich falsch benehmen, etwa eine Haarsträhne unter dem Schleier hervorblitzen lassen.

Die Aufnahme dokumentiert die Lebenswirklichkeit der Frauen in Afghanistan – fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban.

Man möchte die Augen abwenden von dieser Szene – darf so etwas in dieser Welt, in dieser Zeit überhaupt sein?! Dann schaut man dennoch hin und stellt fest: Es ist so, in unserer Welt, in unserer Zeit.

Wenn die Worte fehlen, was lässt das Entsetzen, die Empörung übrig? Den Schrei! Einen Schrei des Zorns, des Protests …

Doch es bleibt still.

Vor allem bleibt es still, wo man die entschiedensten Proteste vermuten sollte: im linksgrünen Lager, in den Reihen der Feministinnen. Man ist von dort Lautstärke gewohnt: Lärm um Genderismus, Lärm um Rassismus, Lärm um Machismus – wo immer sich Gelegenheit bietet, inkorrektes Verhalten zu beklagen, ertönt die Stimme feministischer Ordnungshüter, ein Protestchor aus Universitäten, Medien, NGOs, der die arbeitende Bevölkerung als Hintergrundmusik durch ihr Tagwerk begleitet.

Zur Frauenverachtung der Taliban? Herrscht Stille.

In einer Reportage der ZDF-Kriegsreporterin Katrin Eigendorf erzählt Hassina, eine Ingenieurin, vom unsäglichen Elend der Frauen unter den islamischen Taliban. Und sie fordert die Solidarität der freien Welt:

«Lasst die afghanischen Frauen nicht im Stich!»

Der Satz soll in westliche Ohren dringen – in die Ohren aller Feministinnen, die doch so fix sind im Demonstrieren und Randalieren für die gute – die weibliche – Sache. Wo also sind die Aufmärsche und Sprechchöre, die an das demokratische Gewissen von Bürgerschaft und Politikern appellieren, gar entschiedene Massnahmen gegen das Regime der Frauenversklavung in Afghanistan zu erzwingen suchen? Wäre je ein Protest verständlicher? Massiver Protest, der sich keiner Bändigung durch Behörden oder Polizei unterwirft? Ein Protest, der einfach nicht aufhört, bis er Wirkung zeigt, praktische Wirkung?

So müsste es doch sein. So ist es aber nicht.

Das Versagen des westlichen Feminismus gegenüber dem Schicksal der afghanischen Frauen braucht eine Erklärung. Womöglich ist sie in den Auslassungen der feministischen US-Philosophin Judith Butler zu finden: Sie betrachtet Verschleierung und Burka als Ausdruck von Bescheidenheit, familiärem Stolz und Schutz der Frauen vor westlicher Konsumkultur.

Der feministische Freispruch für die Taliban.

Butlers frauenverachtendes Credo schlägt sich seit Jahren im Aktivismus der linksgrünen Feministinnen nieder. An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main wurde die Professorin Susanne Schröter aufs Heftigste angegangen, als sie sich erlaubte, das Tragen des Kopftuchs auch nur zur Diskussion zu stellen. Der linksgrüne Aufschrei: «Antimuslimischer Rassismus – Schröter raus!»

Wer will sich da noch durch Solidarität mit den Afghaninnen linksgrüne Feministinnen zum Feind machen, die seit langem die kulturelle Szene dominieren? Der Butler-Feminismus geniesst auch die Komplizenschaft des Islam. Im Weltreich des Propheten regt sich kein Protest gegen den Missbrauch dieser Religion durch die Taliban – obwohl doch immer wieder wortreich erklärt wird, ihre Lehre habe vielerlei Gestalt, von heiter bis finster, von liberal bis totalitär. Offensichtlich gilt das nicht, was die Rechte der Frauen betrifft. In Afghanistan haben sie:

Keine!

So müssen sich Frauen wie die auf diesem Bild damit abfinden, dass die Solidarität der westlichen Frauenwelt bestenfalls auf einzelne, politisch folgenlose Protesterklärungen beschränkt bleibt. In der Gesellschaft der Gleichheit gebietet eine ganz besondere Gattung Frau über das Gendergeschehen:

Ideologische Aktivistinnen, nicht solidarische Mitmenschen.

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